Bayern 2 - Zündfunk


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Die AfD und ihre neuen linken Wähler Von Links nach Rechts

Während Österreich, Holland und Großbritannien seit 15 Jahren einen Rechtsruck erleben, ist das in Deutschland ein relativ neues Phänomen – eigentlich ist Deutschland eher links geworden: die Partei die Linke steht dafür. Aber sie verliert auffällig viele Wähler an die AfD. Über das Phänomen der Abwanderung.

Von: Sammy Khamis

Stand: 07.03.2016

Illu: Logos der Parteien "Die Linke" und "AfD" mit Schnittmengen | Bild: Logos: Die Linke, AfD; Montage: BR

Ja, auch die AfD-Wähler können Migration, denn am Sonntag sind viele migriert. Von der Linkspartei zur AfD, wie Wulf Gallert, Fraktionschef der Linken, zugeben muss: "Wir haben in Etwa 190.000 Wähler in Sachsen Anhalt gehabt. Wir haben etwa 30.000, die zur AfD abgewandert sind". Für den Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer von der FU Berlin ist dieser Widerspruch kein Zufall: "In neuerer Zeit spricht man eher von Stamm- und Randwählern. Es gibt ja noch keine Daten dazu, aber ich glaube sehr stark, dass es eben nicht die Stammwählerschaft ist, die da abgewandert ist zur AfD, sondern Randwähler. Weil sie die Flüchtlingspolitik als inhaltliche Frage sehr stark in den Vordergrund gestellt und dies zum Hauptgrund der Wahlentscheidung gemacht haben - und dann AfD gewählt haben. Aus Kritik zur Flüchtlingspolitik, die die Linkspartei im Prinzip ja auch mitträgt."

Innerhalb der Linken Wählerschaft tritt man also gerne nach unten, in diesem Fall in Richtung Flüchtlinge, statt sich mit  den marginalisierten Gruppen in diesem Land zu solidarisieren. Der Sozialneid des kleinen Mannes findet seine Heimat in der Männerpartei AfD. Dazu kommt, dass die Linke in den neuen Bundesländern mal als Volkspartei galt, aber daraus heute kaum Kapital schlagen kann.

"In Teilen Ostdeutschlands sind wir Volkspartei gewesen. Aber ich nehme mal das Wahlergebnis von Sachsen-Anhalt. Stellen sie sich vor, die Grünen wären nicht reingekommen. Dann hätte es jenseits von der AfD nur eine Mehrheit gegeben, wenn CDU, SPD und Linke zusammengewirkt hätten. Das hat noch nie gegeben. Beide müssen darüber nachdenken, die CDU und die Linken: Was denn, wenn es passiert? Ganz groß in den Himmel gucken und sagen: Wir wissen nicht weiter? Oder bereiten wir uns auf eine solche Situation vor? Wir müssen alle über unsere ideologischen Schatten und Grenzen springen und sagen: Die Rechtsentwicklung in Deutschland und in Europa müssen wir gemeinsam stoppen."

- Gregor Gysi, gegenüber dem Zündfunk

Politikwissenschaftler Rüdiger Schmitt-Beck von der Uni Mannheim weiß aus einer langjährigen Geschichte einschlägiger Forschung, dass die Wähler in den neuen Bundesländern politisch erheblich mobiler sind, als Wähler in den alten Bundesländern: "Zwar ist die Linke in den neuen Bundesländern eine Partei mit einer langen Geschichte. Trotzdem gilt, dass die Bürger der neuen Bundesländer sich deutlich weniger an ihre Parteien gebunden haben, als das in den westdeutschen Bundesländern nach wie vor der Fall ist."

Sahra Wagenknecht und das Lob vom AfD Vorzeige-Nationalkonservativen

Die Kernwähler der Linken sind Arbeiter und Arbeitslose, die wiederum ein signifikanter Teil der PEGIDA Anhänger ausmachen. Und es sind auch diese Anhänger, die heute AfD wählen, weil sie sich - also die deutsche Arbeiterschicht - bedroht sehen. Deswegen hat die Linke selbst versucht, sich AfD Wählern anzunähern. Daran erinnert Oskar Niedermayer von der FU in Berlin: "Deswegen ist es ja auch so, dass einige Leute aus der Linkspartei durchaus von diesen Ängsten reden und die auch aufzunehmen versuchen, wie Frau Wagenknecht oder ganz besonders der frühere SPD Vorsitzende, die das auch geäußert haben." Wir erinnerun uns, Sahra Wagenknecht hat formuliert: "Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht verwirkt".

"Merkel hat drei Entscheidungsarten: Das eine ist das Abwarten und das Ausrichten an der Mehrheitsmeinung. Das zweite ist das Versprechen von Dingen, die sie nicht halten kann. Das Dritte ist, dass sie über Nacht etwas ändert, entscheidet und durchsetzt. Und ich muss sagen, das dritte, egal ob man es teilt oder nicht, das finde ich sympathisch, weil dadurch geschehen Überraschungen im Leben, wie eine offene Grenze, ein Atomausstieg. Dadurch kommt etwas Leben in die Politik, wenn die Entscheidungen richtig sind."

- Gregor Gysi, gegenüber dem Zündfunk

Eine Linke, die nach der Silversternacht von Köln Abschiebungen fordert, ohne zu wissen, was passiert ist. Das ist ein Ausrufezeichen wert. Aber dass Sahra Wagenknecht dafür vom AfD Vorzeige-Nationalkonservativen, dem Sprecher Alexander Gauland gelobt wird, das ist elf Ausrufezeichen wert. Oskar Niedermayer: "Der Linkspartei ist schon klar, dass sie in ihrer Wählerklientel, einen Teil der Leute hat, die empfänglich sind für die Argumente der AfD".


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