Bayern 2 - Zündfunk

Die Rolle der Frauen nach dem arabischen Frühling "Wir führen einen Kampf!"

Präsident Mohammed Mursi spricht viel von Ägypten, aber wenig von Menschenrechten. Von Frauenrechten ganz zu schweigen. Sammy Khamis hat sich mit Aktivistinnen unterhalten, die derzeit für eine Konferenz in München sind.

Von: Sammy Khamis Stand: 20.07.2012

Der neu gewählte Präsident Mohamed Mursi setzt auf Masr. Masr, Masr, Masr wo man hinsieht und hinhört, bis es auch der letzte Ägypter versteht. Masr, das ist der arabische Ausdruck für Ägypten. Mohamed Mursi hat bisher vier Reden als Präsident gehalten. Menschenrechte hat er darin komplett ausgespart, Demokratie einmal beiläufig erwähnt. Eine Tatsache, die die Aktivistin Basma Abd El Aziz nicht überrascht:

"Die Muslimbruderschaft ist einfach keine demokratische Organisation. Sie haben keinerlei Erfahrung mit Demokratie. Ihr Credo ist: Listen and Obey. Also Folgen und Gehorchen. Ich persönlich gehe nicht davon aus, dass sie uns die Rechte zugestehen, von denen wir träumen."

Basma Abd El Aziz, Aktivistin

Basma Abd El Aziz ist Psychologin und Aktivistin. Ich treffe sie in München bevor sie einen Vortrag zur Entwicklung der Frauenrechte in Ägypten hält. Basma Abd El Aziz hat weltweit zahlreiche Vorträge gehalten und sie verbindet in ihrer Analyse Forschung mit feministischem Aktivismus. In ihren kurzen schwarzen Haaren sieht man bereits die ersten grauen Strähnen. Ihre Augen sind wach, aber auch gezeichnet von den langen Jahren, die die 36-Jährige mit Folteropfern gearbeitet hat. Sie kämpft für Menschen- und vor allem für Frauenrechte. Egal ob in Kairo oder hier in München.

100 Abgeordnete - davon sieben Frauen

Die Gewaltbereitschaft gegen Frauen steigt, sagt die Frauenrechtsorganisation Nazra

Bei meinem letzten Aufenthalt in Ägypten vor sechs Wochen habe ich natürlich verschleierte Frauen auf den Straßen Kairos und Alexandrias gesehen. Aber genauso sehe ich meine Freundin Nour, die ohne Kopftuch durch die Stadt läuft, und von ihrer verschleierten Freundin begleitet wird. Die ägyptische Gesellschaft ist vielfältig, auch wenn sich das in der Politik kaum niederschlägt: In der Verfassungsgebenden Versammlung sitzen 100 Abgeordnete. Davon sind nur sieben Frauen. Basma Abd El Aziz:

"Diese sieben Frauen kommen auch noch aus der Muslimbruderschaft. Eine von ihnen setzt sich sogar dafür ein, dass Scheidungen illegal werden, die Beschneidung von Frauen jedoch nicht. Hinzukommt, dass sie ein Gesetz verhindern will, das sexuelle Belästigung unter Strafe stellt. Wenn wir Frauen jetzt nicht aktiv werden, dann verlieren wir viel, denn eine Verfassung schreiben wir nicht jeden Tag."

Basma Abd El Aziz, Aktivistin

Das ist auch der Grund weshalb sich Yahia Zaid Aktivist der Frauenrechtsorganisation Nazra für Frauenrechte einsetzt:

"Es geht ja nicht darum, Frauen als außergewöhnlich darzustellen. Vielmehr möchten wir zeigen, dass ägyptische Frauen über genau die gleichen Fähigkeiten verfügen wie Männer. Wir wünschen uns, dass Frauen in die Politik gehen und dort ganz normale Themen besprechen. Nicht nur Frauenrechte oder Gleichstellung. Sie sollen die Regierung überwachen, auch das Militär. Und sie sollen sich mit den wirtschaftlichen Problemen des Landes auseinandersetzen. Wenn sie nur über Frauenrechte sprechen, dann wird sie das immer weiter aus der Gesellschaft ausgrenzen. Wir wollen, dass Frauenrechte in den politischen Alltag eingegliedert werden."

Yahia Zaid, Nazra

Einen radikalen Schritt dorthin hat die ägyptische Journalistin und Feministin Mona el-Tahawy unternommen. In der "Foreign Policy", einem monatlichen und gewichtigen Politmagazin aus den USA veröffentlichte sie einen Artikel, der den Titel trägt: "Why do they hate us?" Aus der Frage "Warum hassen sie uns?" wird im Text eine Tirade, eine flammende Anklage gegen die Unterdrückung von Frauen im Nahen Osten. Für el-Tahawy ist sie religiös motiviert. Aber ihr Text ist vereinfachend und er ist bevormundend. Gerne stimmt auch die deutsche Presse in diese Melodie ein: "Wie gefährlich ist der neue Präsident?" fragt beispielsweise der Focus, oder "Wird Ägypten ein neuer Iran?" die Bildzeitung. Dies spricht den Frauen im Nahen Osten ab, was sie im vergangenen Jahr erreicht haben, betont Abd El Aziz:

"Zumindest sprechen sie jetzt von ihren Rechten. Dabei sind sie hartnäckig. Vielleicht mehr als Männer. Und Frauen sind ihren Angelegenheiten und Forderungen gegenüber sehr bestimmt."

Basma Abd El Aziz, Aktivistin

"Wir führen einen Kampf"

Basma Abd El Aziz | Bild: Basma Abd El Aziz
Basma Abd El Aziz: "Wenn wir Frauen jetzt nicht aktiv werden, dann verlieren wir viel"

Basma sieht Gewalt gegen Frauen nicht nur in der Religion beheimatet, vielmehr handelt es sich um eine Überlagerung von Machotum und einseitig interpretierten religiösen Traditionen. Ob ihr das Angst mache, frage ich sie noch bevor sie geht:

"Natürlich reden wir viel über Unterdrückung von Frauen im Alltag. Vor allem durch Männer. Aber wir müssen uns vor Augen halten, dass 40 Prozent der ägyptischen Frauen ihre Familie unterstützen. Also: Nein! Ich habe keine Angst, aber ich sehe, dass wir einen Kampf führen. Und ich sehe, dass die ägyptischen Frauen wirklich mächtig sind."

Basma Abd El Aziz, Aktivistin


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