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Videokunst aus dem Libanon Mittendrin im Syrien-Krieg

Der libanesische Künstler Rabih Mroue hat sich intensiv mit Kriegs-Videos aus Syrien auseinandergesetzt und zeigt selbst auf der Documenta in Kassel sechs Videos - und ein Daumenkino.

Von: Sammy Khamis Stand: 12.09.2012

"Wenn man Demonstrationen filmt, muss man neuerdings einige Regeln beachten: Zum Beispiel: Bevor ihr zu filmen beginnt, nehmt eine Tageszeitung ins Bild. Dadurch ist klar, wann und wo die Aufnahme entstanden ist. Filmt auch noch das Schild mit dem Straßennamen. Und danach fangt an, die Demonstration zu filmen. Zeigt keine Gesichter. Das ist wichtig. Ihr könntet identifiziert und festgenommen werden. Wenn Du ein Banner trägst, dann halte es verkehrt herum, gegen die Richtung der Demo, dann ist nur dein Hinterkopf zu sehen."

Rabih Moure, Künstler

Rabih Moure ist 45 Jahre alt und stammt aus Beirut. Stunden-, ja tagelang ist er vor seinem PC gesessen und hat sich die Youtube-Videos syrischer Demonstrationen angeschaut. Ein Video hat ihn nicht mehr losgelassen. Darin wird ein Demonstrant erschossen. Aber wir sehen es nicht aus der Distanz. Erschossen wird der Kameramann.

"Ich war schockiert. Du schaust zu, wie ein Scharfschütze einen Kameramann erschießt. Der Kameramann ist ein Demonstrant. Danach hörst du seine Schreie: „Ich bin verletzt. Ich bin verletzt.“ Es sieht so aus, als wäre der Schuss direkt gegen dich gerichtet. Denn der Scharfschütze zielt ja auf das Objektiv. Und das heißt: Er zielt auf unsere Sicht, unseren Standpunkt. Und dadurch richtet sich die Waffe auf einmal direkt gegen uns."

Rabih Moure, Künstler

Mitten im Geschehen

Insgesamt sechs Videos zeigt Rabih auf der Dokumenta in Kassel. Auf jedem sieht man eine ähnliche Szene: Ein syrischer Schütze entdeckt den Kameramann, legt dann seine Waffe an, und drückt ab. Plötzlich bricht die Aufnahme ab. Zwischen 16 sec. und zwei Minuten sind sie in der Regel lang. Dann enden die Aufnahmen.

"Alles andere passiert ohne dass die Kamera es festhält. Dadurch wirst du auf deine eigene Vorstellungskraft zurückgeworfen. Das ist wirklich brutal. Auf einmal verbinden sich in deinem Kopf all die schrecklichen Bilder aus Spielfilmen und Dokumentationen oder aus dem Internet. In den Videos siehst Du kein Blut, keine Leichen; aber du stellst dir das Schlimmste vor."

Rabih Mroue, Künstler

Rabih Mroue liefert uns einen anderen Blick auf Ereignisse, die wir schon so oft gesehen haben – nur meistens betrachten wir Kriegsszenen aus der Perspektive des Reporters – oder aus der Sicht des Schützen, der Betrachter ist in seiner sicheren Beobachterposition. Die Handyaufnahmen aber führen uns mitten ins Geschehen. Wir sind gezwungen selbst darüber nachzudenken. In der nicht enden wollenden Flut an Bildern, die wir im Internet anschauen, fällt dies oftmals schwer.

"Ich möchte das Internet verlangsamen. Deshalb zeige ich die Handyvideos nicht einfach auf einem Bildschirm, sondern als Daumenkino. Man sieht Vergrößerungen der Gesichter der Todesschützen. All das soll dazu führen dass man nachdenkt."

Rabih Mroue, Künstler

Blutiges Daumenkino

In den Daumenkinos ist Frame für Frame, Bild für Bild das Youtbue-Video zu sehen. Gleichzeitig wird der Besucher der Ausstellung aufgefordert einen Knopf zu drücken. Dann ertönt aus einem Lautsprecher die dazugehörige Tonspur. Blatt für Blatt kommt der Todesschütze näher. Unweigerlich legt er an, drückt ab. Man hört den Schuss bereits aus dem Lautsprecher, und will nicht weiter umblättern.
Am Ende stellen die Besucher fest, dass blaue Tinte an ihren Fingern klebt. Wo man hinfasst, hinterlässt man seine Abdrücke.

Ob der Kameramann wirklich erschossen und getötet wurde bleibt unklar. Denn wer sonst hätte das Video hochladen können?

"Wenn die Demonstranten filmen, machen sie sich keine Gedanken über Kameraposition oder Bildkomposition. Wenn sie sich bewegen, laufen oder verstecken, dann schauen sie durch das Handy. Und das nimmt alles auf, so, als wäre das Telefon ein Auge, ein Mittler zwischen Realität und eigener Wahrnehmung. Das Handy ist die Verlängerung des Körpers, ein Teil des Körpers."

Rabih Mroue, Künstler

Rabih hofft, wenn dieser Teil des Körpers überlebt, seine Bilder und Videos ins Internet geladen werden, dann lebt auch der Mensch weiter.

"Ich glaube, dass der Kameramann nicht erschossen wurde. Man kann das Daumenkino auch andersherum durchlaufen lassen. Dann ist das, als würde man die Menschen lebendig machen."

Rabih Mroue, Künstler


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