Bayern 2 - Zündfunk


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Ein anti-faschistisches Spiel, das nicht anti-faschistisch sein darf Wie das Spiel Wolfenstein 2 die deutsche Geschichte entsorgt

„Wolfenstein 2: The New Colossus“ ist eigentlich ein antifaschistisches Computerspiel. Eigentlich. Denn in der Deutschen Version mutiert der Ego-Shooter zu einem Fest für Revisionisten. Ein Skandal, findet Christian Schiffer.

Von: Christian Schiffer

Stand: 07.11.2017

Wolfenstein Nazi mit Milchshake | Bild: Bethesda Softworks

Es ist eine tief-braune Zukunft, in die einen der sehnlich erwartete First-Person-Shooter Wolfenstein 2: The New Colossus entführt. Hitler hat den zweiten Weltkrieg gewonnen, die USA sind jetzt Nazi-Land, auf den Straßen schäkern und streiten SS-Offiziere mit Ku-Klux-Klan-Kapuzenträgern. In dieser Hölle wächst zusammen, was zusammen gehört. Doch es gibt Hoffnung. Und diese Hoffnung ist 1,91 Meter groß, 111 Kilo schwer und hört auf den Namen B.J. Blaskowicz. Zusammen mit einer bunten Truppe an Mitkämpfern und Mitkämpferinnen organisiert der Ex-Soldat den antifaschistischen-Widerstand und verteilt kräftig Arschtritte, um den Werbe-Slogan des Spiels Wirklichkeit werden zu lassen: „Make America Nazi-free again!“

Wolfenstein ist ein politisches Spiel und es passt auf die momentane Situation in den USA wie Faust auf Eimer. Klar, dass sich in den USA schon längst Nazis darüber aufgeregt haben, dass es in Wolfenstein vor allem darum geht – nun ja - Nazis auf überaus kreative Art ins Jenseits zu befördern. Dazu hat B.J. Blaskowicz allerdings auch allen Grund: Denn er selbst ist Jude. Zumindest in der internationalen Version, denn in der deutschen Version von Wolfenstein 2 ist alles ein wenig anders: Es gibt keine Hakenkreuze, der greise, inkontinente Hitler heißt nicht mehr Hitler sondern „Herr Heiler“ und dann trägt „Herr Heiler“ im deutschen Wolfenstein nicht mal ein Hitler-Bärtchen. Abrasiert!

In der deutschen Version fehlen die Juden

Und während Hitler in der englischen Version über seinen größten Feind B.J. Blaskowicz  folgendes zu berichten weiß: "William Joseph Blazkowicz. Aufgewachsen in Mesquite, Texas. Mischlingskind eines Verkäufers und einer polnischen Jüdin. Die Mutter wurde vom Vater ausgeliefert. Starb in einem Vernichtungslager in Neu Mexiko." … hat „Herr Heiler“, also der Hitler, nur ohne Hitler-Bärtchen, in der deutschen Version in derselben Szene plötzlich eine ganz andere Biografie seines Antagonisten parat: "William Joseph Blazkowicz. Aufgewachsen in Mesquite, Texas. Kind eines Verkäufers und einer Polin. Seine Mutter wurde von seinem Vater entlarvt. Sie starb in Gefangenschaft in New Mexico."

In der englischen Version also stirbt Blazkowicz ‘ Mutter als Jüdin in einem nationalsozialistischen Vernichtungslager, in der deutschen Version als Polin in irgendeiner x-beliebigen Form von „Gefangenschaft“. Die Juden in der deutschen Version sind auch keine Juden mehr, sondern werden einfach „Verräter“ genannt, aus Jiddisch wird zudem Hochdeutsch. Man muss es so hart sagen: Ausgerechnet in der deutschen Version entsorgt Wolfenstein 2 die Verbrechen der Nationalsozialisten aufs Akkurateste und marginalisiert alles Jüdische. Jochen Gebauer betreibt den beliebten Spielepodcast „The Pod". Ihm ist der fragwürdige Umgang des Spiels mit der deutschen Geschichte schon früh aufgefallen und hat in seinem Podcast auf die Problematik hingewiesen. Er analysiert:

"Auf der einen Seite abstrahiert Wolfenstein 2 das Nazi-Regime nur sehr marginal, es ist also weiterhin, was die Bildsprache und die Wortsprache angeht, eine Repräsentation des tatsächlichen Nazi-Regimes in einem Alternate History-Setting. Gleichzeitig werden aber die Verbrechen dieses Nazi-Regimes, also die Vernichtung der europäischen Juden bzw. den Holocaust, aus der deutschen Version rausgestrichen und rauszensiert. Wenn ich dort ausgerechnet das größte Verbrechen rauschneide, den industriellen Massenmord an den europäischen Juden, dann kann man meines Erachtens legitimerweise von einer Verharmlosung sprechen."

- Jochen Gebauer

Wie kann ein eigentlich antifaschistischen Spiel, ausgerechnet in der deutschen Version zu einem feuchten Traum für Geschichtsrevisionisten mutieren? Das wollte der Zündfunk vom Hersteller ZeniMax wissen und bekam dazu unter anderem folgendes Statement:

"Der fiktive Ansatz erlaubt es uns zu zeigen, dass ein repressives, menschenverachtendes, faschistisches Regime auch außerhalb des historischen Kontexts jederzeit für Angst und Schrecken sorgen kann und somit massiven Widerstand herausfordert."

- Zenimax

Ein Urteil, das niemand anfechtet

Auch schon 1994 ein Problem: das Hakenkreuz im Computerspiel

Keinesfalls wolle man die Verbrechen des Nationalsozialismus verharmlosen, zudem verweist der Hersteller auf die rechtliche Situation. Und in der Tat ist es so, dass beispielsweise Hakenkreuze in deutschen Computerspielen nicht erlaubt sind, anders als beispielweise in Filmen. Bei  Indiana Jones oder Inglorious Basterds wird man mit Nazi-Symbolik geradezu erschlagen. Der Grund für die Ungleichbehandlung geht auf ein Urteil aus dem Jahr 1994 zurück, damals ging es um Wolfenstein 3D, also den Urururur-Großvater des jetzt erschienen Wolfenstein 2: The New Colossus. Die Richter entschieden damals: Hakenkreuze haben in Computerspielen nichts zu suchen, denn Computerspiele seien eben, anders als Filme, keine Kunst. Eine merkwürdige, mittlerweile erst recht unzeitgemäße Entscheidung, gegen die sich aber bisher kein Computerspiele-Hersteller vorzugehen getraut hat. Jan Rathje ist Politikwissenschaftler und arbeitet bei der Antonio-Amadeu-Stiftung. Er allerdings findet: Hakenkreuze hin oder her, es kann nicht sein, dass hierzulande der Nationalsozialismus zu einem x-beliebigen Regime weichgespült wird:  

"Hier bei Wolfenstein 2 ist das Problem, dass nicht nur die Hakenkreuze über Bord geschmissen worden sind, das könnte man vielleicht noch nachvollziehen und wirkt einfach nur lächerlich. Aber es wird dann gefährlich, wenn gleichzeitig auch der Judenmord über Bord geworfen wird."

- Jan Rathje

Am Ende ist Wolfenstein 2: The New Colossus also vor allem ein antifaschistisches Spiel, das hierzulande aber nicht richtig antifaschistisch sein darf. Ein Spiel, das in Sachen Selbstzensur mindestens 18, ach was, 88 Meter über das Ziel hinausschießt und in dem nicht nur Hitlers Bärtchen wegretuschiert ist, sondern auch die Opfer der nationalsozialistischen Ideologie. Dass das ausgerechnet und nur in der deutschen Fassung passiert, ist ein handfester Skandal. Und B.J. Blaskowitcz würde das wohl auch nicht gefallen.


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