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Schluss mit lustig Wie Verschwörungstheorien gefährlich wurden

Verschwörungstheorien waren mal hip, vor allem in der Popkultur. Heute dagegen stellen sie eine echte Gefahr für die Gesellschaft dar. Wie konnte es nur soweit kommen?

Von: Christian Schiffer

Stand: 21.06.2017

Akte X | Bild: picture-alliance/dpa

Anfang der 90er, da wussten wir alle: Die Wahrheit, die ist irgendwo draußen. Weit draußen. Wir schauten Scully und Mulder auf unserem Röhrenfernseher dabei zu, wie sie bei Akte X einer gigantischen Verschwörung auf der Spur waren. Es ging um Außerirdische, um medizinische Experimente und um eine ganze Menge Schwachsinn. Der Krebskandidat paffte, die Plot-Holes wuchsen von Staffel zu Staffel langsam zur Größe der Area 51 heran, am Ende blickten wir gar nicht mehr durch, aber das war uns egal, denn wir waren jung, wir waren kritisch, wir lasen den Spiegel und schauten RTL-Dokus und wussten längst, dass vieles nicht so war, wie es schien. Logisch, dass Kennedy einem Komplott des CIAs zum Opfer gefallen war, denn wir hatten JFK von Oliver Stone gesehen und mal ehrlich: drei Schüsse in 15 Sekunden? Aus einem spitzen Winkel? Mit einem fucking Baum dazwischen? Bitch, please: Wie soll das denn bitte gehen?! Und natürlich hatten wir die VHS-Kassette unzählige Male zurückgespult, zu jener berühmten Szene: Kevin Costner decouvriert die offizielle Erklärung und zieht sie ins Lächerliche mit Hilfe seiner Theorie der „magischen Kugel“.

Heute wissen wir, dass eine groß angelegte Verschwörung zur Ermordung von John F. Kennedy wohl längst rausgekommen wäre. Wir wissen das, weil wir mittlerweile wissen, dass Menschen gerne tratschen oder leaken. Beim Prism-Programm dauerte es gerade einmal sechs Jahre, bis ein blasser Systemadministrator namens Edward Snowden die Welt darüber in Kenntnis setzte, dass das Internet nahezu vollüberwacht wird. Anhand solcher Beispiele hat der Krebsforscher David Grimes vorgerechnet, dass beispielsweise eine gefakte Mondlandung nach drei Jahren und acht Monaten hätte auffliegen müssen.

Inkompetenz passt nicht ins Weltbild

Aber das ist den Verschwörungstheoretikern natürlich gut wurst, denn in ihrem Weltbild arbeiten Organisationen, Staaten, Geheimdienste, informelle Zusammenschlüsse geradezu mit unendlicher Effizienz, verfügen über unendliche Ressourcen, in ihrer Welt gibt es keine Nachlässigkeiten, dumme Zufälle, Faulheit oder schlichte Unfähigkeit. Und was es im Weltbild der Verschwörungstheoretiker auch nicht gibt, sind Zweifel. Alles muss sich in ihr Weltbild fügen. Und gerade im Internetzeitalter werden Weltbilder noch hermetischer von Zweifeln abgeschirmt als zuvor.

„There is no such thing as society - so etwas wie Gesellschaft gibt es nicht”, sagte Margaret Thatcher 1987. Stattdessen gibt es Individuen, meinte damals die eiserne Lady. Jetzt, knapp dreißig Jahre später, finden wir uns wieder in einer Welt, in der es tatsächlich keine Gesellschaft zu geben scheint – dafür aber Unmengen an Facebook-Gruppen. Facebook-Gruppen, in denen Leute wirklich glauben, dass Reptilien im Bundestag sitzen. Facebook-Gruppen in denen Leute wirklich glauben, dass die Bundesregierung uns alle vergiften will, durch sogenannte Chemtrails. Facebook-Gruppen in denen Leute wirklich glauben, dass die NSA uns alle abhört…. Okay, okay, das stimmt. Aber der Rest ist nun mal Bullshit – und zwar gefährlicher Bullshit.  Die Zeit, in der Verschwörungstheorien irgendwie cool waren, die sind längst vorbei.

Es ist nicht mehr lustig

Denn plötzlich sind es nicht mehr wir, die wir nach vier Bier über die Ermordung Kennedys spekulierten, sondern Vladimir Putin auf Russia Today. Verschwörungstheorien haben nun weniger mit Aufklärung zu tun, sondern mit Desinformation und Destablilisierung. Plötzlich gefährden Impfgegner die Gesundheit anderer, plötzlich erschießen Reichsbürger Polizisten. Die Toten bei einem russischen Gasangriff? Ganz klar eine US-amerikanische False-Flag-Operation! Der Islamische Staat? Eine Erfindung des Mossads! Und der 11.September? Was fragst du! Ganz klar von der US-Regierung selbst geplant.

Bayern 2-Thementag, Verschwörungstheorien | Bild: dpa / colourbox / Montage Bayern 2 zur Übersicht "Achtung, Fakten!" Der Thementag rund um Verschwörungen

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Typen wie Ken Jebsen, Jürgen Elsässer oder Daniele Ganser betreten die Bühne und verkündeten alternative Wahrheiten, während auf deutschen Straßen „Lügenpresse!“ gerufen wurde. Im Weißen Haus sitzt plötzlich eine Föhnfrisur, dessen politische Karriere damit begonnen hat, krude Theorien zu verbreiten. Zum Beispiel, dass Barack Obama gar kein legitimer Präsident sei, da er ja gar nicht in den USA geboren sei. Und plötzlich ahnen wir, dass sie vielleicht wirklich noch irgendwo da draußen ist, die Wahrheit, aber sie ihre neue Rolle sucht, seit sie von Verschwörern wegbeschworen wurde.


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