Bayern 2 - Zündfunk


240

Beobachtungen vom Bachmann-Wettbewerb "Wie Deutschland sucht den Superstar für Streber"

Zündfunk Advisory: Explicit Content. Die Wiener Autorin Stefanie Sargnagel ist bekannt für Fäkalhumor und derbe Worte, aber schreibt gleichzeitig immer sehr alltagsweise über das einfache Leben - oder im Auftrag des Zündfunks auch mal über die Hochkultur. Wir haben niemanden lieber zum Bachmann-Preis nach Klagenfurt geschickt.

Von: Stefanie Sargnagel

Stand: 03.07.2015

Stefanie Sargnagel | Bild: Stefanie Sargnagel

Ich reise nach Klagenfurt mit dem Zug zum Bachmannpreis. Über Klagenfurt weiß ich nicht viel. Österreich außerhalb von Wien ist mir völlig fremd. Diese Landschaft, diese Städte, in denen es nichts gibt, die alle interessanten Menschen, sobald sie alt genug sind höchstwahrscheinlich hinter sich lassen. Ich hab mal Wiener Klagenfurter gefragt: Wie ist das eigentlich, habt ihr auch Freunde, die in Klagenfurt geblieben sind? Ich mein, wer bleibt dort, gibt es coole Freunde von euch, die dann einfach dort geblieben sind?

Die Antwort war "Hm. Ja so ein paar. Junkies."
"Ja, bei mir sind auch nur die Junkies geblieben."

Eine Stadt voller Nazis und Junkies? Klingt abenteuerlich, mal schaun.

Auch die Literaturszene kenn ich nicht. Die ignoriert mich irgendwie und ich sie, was nicht unangenehm ist. Einmal war ich zufällig auf einem jungen Literaturfestival, Prosanova in Hildesheim. Ich dachte, da würden die Leute nackt auf den Wiesen kullern und sich gegenseitig vorlesen auf LSD, durch die Landschaft tanzen und "Ich liebe Bücher. Ich liebe die Worte" trällern. Es war dann so ein Hipsterfestival voller Lesungen. War ungefähr genauso fad wie es klingt. Ich war mit TRAuMA WIEN dort. Wir eckten an, als wir besoffen Texte zu Techno lasen und ich vom Stuhl fiel. Ich wusste davor gar nicht mehr, dass man mit sowas anecken kann.

Wie kann man sich dann so eine Bachmannpreisparty vorstellen? Ich bin ja wohl nicht die einzige, die hinfährt, um als Beobachterin drüber zu schreiben. Wie sieht das dann aus? Sitzt man dann völlig paranoid in der Bar herum und alle beobachten einander? Sobald jemand was macht, tippen schon alle in ihr Smartphone? Nach einem betrunken Sufffick, verabschiedet man sich betreten mit der Bitte, der jeweils andere möge das doch bitte nicht in seinem Buch oder Text verwenden? Bitte kein Haiku über meine Hängetitten? Klingt schwierig.

Ich könnte mir die einzelnen Reaktionen anschauen, wenn ich Leuten sage, dass ich ihr letztes Buch scheiße find. Aber wozu? Ist ja pubertär. Ich könnte einfach Leute wahllos schubsen. Vielleicht würde ich als verrückte Schubserin in die Weltliteratur eingehen.

Naja mal sehen.

Bei Facebook als "Stefanie Sprengnagel" unterwegs.

Ich komme in Kärnten an, die ersten erfolgreichen Wassersportnazis mit Gelfrisuren streifen meinen Weg. Ihre Hemden sind sauber, sie sind groß und stark, sie verdienen Geld und gehen Windsurfen am Wörther See. Einmal im Jahr legen sie Blumen auf Jörg Haiders Grab. Sie sind so ganz anders als ich, innerlich stark und gewappnet für eine sonnige Welt auf ihrer Seite. Ich schwitze wie ein Schwein, bin verkatert von der Lesung am Vortag und müde von der Frühschicht im Callcenter und rufe bei meinem Hotel an, weil ich nicht sicher bin, ob die Onlinereservierung geklappt hat. Hat sie nicht, aber es ist noch ein Zimmer frei. Erschlagen schleppe ich mich durch die Schwüle, alles wird nasser und klebriger, ich rieche meinen eigenen Achselgestank, die Laptoptasche bohrt sich ins Schulterfett, mein Rock rutscht ständig hoch.

Im Hotel weiß man nichts von der Reservierung, ich habe anscheinend in irgendeinem entlegenen Berghotel in Tirol, das zufällig denselben Namen hat, reserviert. Scheiße. Der freundliche Wirt ruft aber bei der Nachbarpension an und führt mich hin, er telefoniert mit dem Besitzer, der nicht im Haus ist und erzählt ihm, dass er seine Abwesenheit eigentlich bereuen müsse, weil es sich bei mir um eine ganz, ganz hübsche junge Dame handle, dabei schaut er mir aufs verschwitzte, gerötete Fett. Ich lache verstört, überlege ob ich ihm jetzt einen runterholen muss und bin froh als er geht.

So erstmal im Internet darüber lesen, was genau die "Tage der deutschssprachigen Literatur" eigentlich sind und wer da alles liest.

Scheiße, es gibt kein Wlan, hm, fuck. Ich beschließe, saufen zu gehen. Am Lendhafen ist ein kleines lauschiges Lokal, in dem die Bachmannpreisbesucher abends abhängen. Ich treffe dort einen Bekannten, der in Klagenfurt lebt. Auch er bestätigt mir, dass nur die Junkies übrig bleiben. Es spielt gute Musik, aber es ist leider zu dunkel Leute anzustarren. Der Bekannte erzählt mir, seine Lieblingsklagenfurterin wäre eine alte Bettlerin, die seit Jahren in die Innenstadtlokale schnorren geht. Sie ist in Wirklichkeit wohlhabend, sobald ihr jemand einen Euro gibt, kauft sie sich darum ein Rubbellos und rubbelt es freudig auf. Das gefällt mir.

Nur an der Bar kann ich mir die Leute genauer anschauen. Da ich den Literaturbetrieb nicht kenne, versuche ich an den Posen zu erkennen, wer bekannt ist. Die Leute gehen etwas aufrechter, bei ihren Gesprächen merkt man am Klang, dass sie davon ausgehen, das auch der Nachbar interessiert mithört. Ihr Blick geht immer leicht über die andern Menschen hinweg, da sie wissen, dass direkter Augenkontakt als Einladung wahrgenommen wird, die bekannte Person anzusprechen. Der Blick versucht darüber hinwegzutäuschen, dass man in Wirklichkeit aus dem Augenwinkel darauf achtet, ob die Leute einen erkennen. Ich kenne den Blick und die Körperhaltung mittlerweile von mir selbst, wenn es mir auffällt, versuche ich es abzustellen, was alles noch viel schlimmer macht. Wie wenn man einer Frau mit Brandnarben im Gesicht in der Straßenbahn gegenübersitzt und sich verkrampft bemüht, sich die Irritation nicht anmerken zu lassen.

Eine betrunkene Frau geht auf mich zu und fragt mich, ob ich jetzt auch Twitter mache. Ich tue so, als würde ich wissen, wer sie ist, weil mir die Frage: "Wer bist du eigentlich?" zu unhöflich vorkommt. Ich glaube sie ist Autorin, sie redet aber etwas wirr.

Nach vier Bier, gehe ich nach Hause, weil die erste Lesung um 10 beginnt, um die Besucher zu quälen. Ich verschlafe sie aber sowieso.

Am Gelände der Veranstaltung sitzen die Leute auf der Wiese und schauen auf Fernsehern die Übertragung an. Germanistikstudenten, Deutschlehrer, Literaturbusinessleute, großgewachsene Deutsche. Es ist still. Ich kenne niemanden, mir ist fad, aber ich kann noch kein Bier trinken, einfach zu früh. Ich rauche eine nach der andern, versuche dem Text zuzuhören. Ein Typ erzählt irgendwas über einen Typen in der Midlifecrisis oder so. Frauenbrüste werden beschrieben und ich denk mir, pfuh, Männer sind einfach so over. Dann liest eine Frau etwas über Kirschen und warmer Haut.

Die Wiener Autorin Stefanie Sargnagel arbeitet nebenbei in einem Callcenter

Es ist anstrengend wie Uni.

Es ist wie Deutschland sucht den Superstar für Streber.

Ich hasse zuhören. Es ist so anstrengend.

Ich frage mich, was ich hier mache, ich habe aus mangelndem Konzentrationsvermögen seit Jahren kein Buch mehr gelesen.

Ich wünschte, Dieter Bohlen würde in der Jury sitzen.

Da ich mich nach 10 Minuten nicht mehr konzentrieren kann, schreibe ich Gedichte, sie gehen so:

Was reimt sich auf Literatur?
Hitlerfrisur.

Eine am Wettbwerb teilnehmende Jungautorin setzt sich zu mir und meint, sie wäre sehr nervös wegen ihrem Auftritt. Sie trinkt ein Glas Wein und meint, sie glaubt an Alkohol. Ihre Lektorin kommt und sagt, sie darf nach dem Glas Wein kein weiteres mehr trinken. Sie verbietet ihr den Stoff und ich bin sehr glücklich, bei einem Undergroundverlag zu sein.

Ein Lektor spricht mich an und wir lästern über die Jungautorin. Ich frage ihn, wie er zu Störaktionen stehen würde. Er sagt, die Veranstaltung wäre den meisten Leute zu egal, um zu stören.

Es ist Pause, man kann in den Raum gehen, in dem sich alles live abspielt. Alle Plätze sind besetzt. Wie an den Stränden von All-Inclusive-Urlaubsclubs haben die Leute statt mit Handtüchern die Sitzplätze vorsorglich mit Pullis, Taschen und Zetteln besetzt. Fritz Ostermayer und der eine von Naked Lunch singen selbstgedichtete Gedichte vor. Offenbar muss man sich hier für gar nichts schämen, das nehme ich zum Anlass, endlich das erste Bier zu öffnen. Eine Frau liest eine Geschichte, in der jemand einem dicken Mädchen namens Bärbel große Schlüssel in die Scheide einführt. Das gefällt mir gut. Die Jury mags auch.

Ich sitze dicht gedrängt auf den Stufen neben einem riesigen alten Mann, sein Oberschenkel ist warm und weich.

Ich schreibe perverse SMS mit meinem Freund, er vergleicht sein Geschlecht mit verschiedenen Gemüsearten.

Die Leute blättern die Seiten der Texte um, es raschelt im Raum, ich bin inspiriert und schreib noch ein Gedicht:

ALS JUNGAUTORIN SOLLT ICH HIER WOHL NETWORKEN /
ICH ZEIG MEINEN ORSCH UND WERD SIE WEG TWERKEN

Als eine Jungautorin dran ist und vorliest, das Mädchen mit den Dreadlocks sollte eine Burka tragen, weil sie hässlich ist, lachen die ganzen Kulturleute im Raum ganz laut.

Ich schreib noch ein Gedicht über den Bachmannpreis:

WAS MACH ICH HIER UNTER DEN GANZEN LESERATTEN /
ICH SAUF ZEHN BIER UND KACK AUF IHRE KÄSEPLATTEN

Die Veranstaltung scheint zu Ende zu sein. Ich gehe an einem Security vorbei, der "Heimat bist du großer Söhne" in seinen Gürtel gestanzt hat und hole mir ein Brötchen.


240