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Streaming Trend im Selbstversuch Unser Autor schaut Serien jetzt in doppelter Geschwindigkeit – und ist total überfordert

Jede Woche bricht eine Flut an Serien über uns herein. Alle sollen großartig sein, alle wollen angeschaut werden! Ergo: Es gibt ein Zeitproblem. Die Lösung: Speed-Watching. Was bringt der Trend? Unser Autor hat's ausprobiert.

Von: Michael Darchinger

Stand: 20.09.2017

Frau in den 50ern vor dem Fernseher | Bild: picture-alliance/dpa

Lasst mich einfach mal Serien schauen. Nein, ich will nicht hören, wie geil diese und wie großartig jene Serie schon wieder ist. Ich möchte sie selber schauen. Das Problem: Es sind einfach viel zu viele. Allein die Klassiker, die ich natürlich kennen muss, wenn ich bei Kantinengesprächen mit Kollegen mithalten will.

Da ist zum Beispiel Breaking Bad: Das Sind fünf Staffeln, mit 62 Episoden und jede davon ist etwa 50 Minuten lang. Das macht fast 48 Stunden Dauerglotzen. Bei Doctor Who wird es noch schlimmer. Da sind es insgesamt 839 Folgen in 36 Staffeln. Da häng ich 22 Tage dran, bis die Augen bluten. Ich habe doch laut Statistik als Mensch nur 81 Jahre Zeit. Das könnte eng werden.

Und das bei der Flut der Neuerscheinungen: Allein bei Netflix sind es diesen Monat 14 neue Serien, wie "Ozark", das auf Walter White machen möchte. Soll ja für Breaking Bad Fans ein absolutes "must see" sein. Oder Amazons "Preacher", eine von sieben neuen Serienstaffeln diesen Monat, in der ein Priester das Böse jagt. Klingt irgendwie cool. Aber wie geh ich das jetzt an. Gibt es eine Lösung für mein Problem?

Speedwatching statt Bingewatching

Ja! Ich schaue Serien einfach schneller durch. Mit dem Tool "Video Speed Controller" kann ich die Geschwindigkeit erhöhen. Was das Speedwatching mit mir und mit der Serie macht – ich teste es an Marvels Defenders - mit anderthalbfacher Geschwindigkeit.

Das Ergebnis: Die Defenders quietschen wie die Chipmunks. Die Kampfszenen auf Speed schmerzen direkt in den Augen. Zu schnell, zu abrupte Wechsel von Hell nach Dunkel und umgekehrt… Aber immerhin verstehe ich noch alles. Jetzt juckt´s mich doch irgendwie.
Ich will noch mehr Zeit sparen. Doppelte Geschwindigkeit. Volle Energie!

Nicht normal schauen ist auch keine Lösung

Wo die Protagonisten bis gerade noch gemächlich über den Bildschirm liefen, sieht es jetzt nach Slapstick aus. Oder nach Super Mario Nostalgie aus den 90ern, in denen der Klempner durch die Level flitzt. Fights wirken wie ein Sylvester-Feuerwerk. Ein sehr schnelles Ketten-Feuerwerk. Alles total überzogen. Die Gespräche werden echt diffus. Wenn mehr als zwei Menschen miteinander sprechen, kann ich die Quiekstimmen nicht mehr auseinanderhalten. Der Handlung folgen? Keine Chance.

Außerdem ist mir mittlerweile schlecht. Mir geht es, als ob ich mindestens ein Dutzend Fahrten mit der wilden Maus hinter mir hätte. Ich bin kurz vorm Speien. Wer ist so masochistisch veranlagt und tut sich sowas über mehrere Staffeln an? Wer schafft das? Vielleicht sollte ich einfach nicht blinzeln. Das wäre eine Möglichkeit. Dann verpasse ich auch nix. Total logisch, aber irgendwie schwer verwirklichbar. Trotzdem befürchte ich: Normal war doch besser. Ich zappe auf einfache Wiedergabegeschwindigkeit zurück und genieße die wunderbare Langsamkeit des Seins.
So... viel... besser.


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