Selbstauskunft.net Wer weiß was über mich?
Seit 2009 hat jeder Bundesbürger das Recht bei Adresshändlern und Inkassofirmen seinen Datenbestand abzufragen. Der Arbeitsaufwand ist aber gewaltig. Hier setzt „Selbstauskunft.net“ an. Unser Autor Christian Schiffer stellt sich vor: Die Seite dürfte auch manchem Privatdetektiv eine echte Hilfe sein.
Die Nacht lag schwer über der Stadt. Die letzte Zigarette glimmte noch im Aschenbecher. Ich schaukelte auf meinem Stuhl hin und her. Wer hatte mir diese Scheiße eingebrockt? Immer wieder dachte ich an den Anruf zurück. Diesen einen Anruf, von heute Nachmittag: „Ja, guten Tag, hier Frau Reichenbach von ihrem Telekommunikationsunternehmen. Also, es tut mir leid Ihnen das mitteilen zu müssen, aber aus Ihrem Handy-Vertrag wird nichts. Ihre Kreditwürdigkeit ist nicht gut genug. Sie sind so pleite wie Griechenland. Schönen Tag noch.“
Natürlich: Das Geschäft lief in letzter Zeit nicht rund. Der letzte große Auftrag war schon ein Jahr her. Seitdem nur Seitensprungsachen und mal ´ne Schicht als Kaufhausdetektiv. Aber so pleite, dass ich noch nicht mal einen Vertrag für ein Aldi-Handy abschließen konnte, war ich noch lange nicht. Ich begann zu recherchieren. Hunderte Firmen waren es, die sich auf das Sammeln von Daten spezialisiert hatten und teilweise damit handelten. Nur wie sollte ich herausfinden, wer meine Daten hatte? Ich zündete mir noch eine an und dachte nach. Nach einer halben Stunde verlegte ich mich aufs googeln. Und stieß auf die Seite „Selbstauskunft.net“. Dort konnte man angeblich per Knopfdruck herausfinden, wer welche Daten von mir gespeichert hatte. Der Betreiber Julian Kornberger erklärte mir wie:
"Der Interessent der eine Selbstauskunft einholen möchte, geht auf unsere Webseite oder lädt sich unsere App. Letztlich schickt er dann unser Formular ab und wir versenden die Auskunftsersuchen per Fax an die verschiedenen Unternehmen, die der Nutzer zuvor ausgewählt hat. Die Unternehmen bekommen die Auskunftsersuchen per Fax und müssen per Post antworten. Das heißt: Wir bekommen von den Daten überhaupt nichts mit, die die Unternehmen gespeichert haben, weil die direkt per Post an die Interessenten geschickt werden."
Julian Kornberger
Wer war dieser Julian Kornberger? Anscheinend ein Softwareentwickler. Vor zwei Jahren hatte er Arcor und das Bundeskriminalamt verklagt, als die ohne gesetzliche Grundlage Internetsperren einführen wollten. Ein renitentes Bürschchen also! Mittlerweile hatte er sich darauf spezialisiert mit „Selbstauskunft.net“ Datenkraken und Auskunfteien in den Wahnsinn zu treiben. Denn seit der Änderung des Datenschutzgesetzes im Jahr 2009 waren diese Firmen dazu verpflichtet, jedem der das wollte, Auskunft über seine gespeicherten Daten mitzuteilen. Das nutzte Kornberger aus: Ein selbstgeschriebenes Programm faxte per Mausklick all diese Firmen an und forderte sie zur Herausgabe der Daten auf. Knapp 100.000 Menschen hatten seinen Dienst schon benutzt, fast 80 Unternehmen standen bereits auf Kornbergers schwarzer Liste. Und er wolle mehr, sagt Kornberger:
"Jeder kann Unternehmen vorschlagen, es gibt ein Formular auf unserer Webseite. Da gibt man einfach die Daten des Unternehmens ein und einen Kommentar, in dem man erklärt, warum das Unternehmen aufgenommen werden soll. Wir prüfen das und schalten das Unternehmen frei, damit es angeschrieben werden kann. Geplant ist, dass wir noch Banken, Versicherungen und Einwohnermeldeämter in unsere Liste aufnehmen. Dazu fehlt uns bislang aber eine vollständige Liste dieser Einrichtungen. Sobald wir diese haben, wird es sicherlich auch möglich sein, die anzuschreiben."
Julian Kornberger
Die Daten-Händler zittern schon
Da waren sie also: All die Firmen, die fleißig Informationen sammelten. Nur welche davon hatte mich verpfiffen? Der Aschenbecher quoll über. Ich ging die Liste durch: Hoppenstedt Firmeninformationen GmbH, Karin Frick Adressenverlag, Arvato Infoscore GmbH, das deutsche Mietnomaden Melderegister, die Schufa und: Die microm Micromarketing-Systeme und Consult GmbH. Kornberger, Du Hund! Die Daten-Händler zitterten schon:
"Von den kleineren Unternehmen haben wir schon häufiger was gehört. Die sind teilweise nicht erfreut über das plötzliche Interesse. Sie haben allerdings wenige Möglichkeiten sich rechtlich dagegen zu wehren, weil sie zur Auskunft verpflichtet sind. Wir versuchen ein bisschen zu differenzieren, dass wir nur noch Unternehmen in die Datenbank aufnehmen, die selbst Daten speichern und nicht Unternehmen, die nur Schufa-Auskünfte weiterverkaufen."
Julian Kornberger
Endlich war ich wach. Unternehmen für Unternehmen: Ich klickte sie alle an und unterschrieb recht krakelig mit der Maus. Jetzt musste ich nur noch warten, bis mein Briefkasten überquoll. Ich drückte die letzte Zigarette aus. In ein paar Stunden würde es hell werden.

Wetter


