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Rassismus? Was darf Kunst - und wer? Die hitzige Debatte um ein Gemälde - und wofür sie vielleicht gut war

Die Künstlerin Dana Schutz hat einen Streit über Rassismus in der Kunstwelt ausgelöst. Ihr Bild ist angelehnt an ein Foto des 1955 in Mississippi ermordeten Afroamerikaners Emmett Till. Der 14-Jährige war von Weißen gelyncht worden, nachdem ihn eine weiße Frau beschuldigt hatte, er habe sie angemacht - was sich später als gelogen herausstellte.

Von: Alexandra Martini

Stand: 19.04.2017

Ein Besucher steht im Whitney-Museum New York vor dem Gemälde "Open Casket" der Künstlerin Dana Schutz | Bild: Johannes Schmitt-Tegge

"Open Casket". So heißt das Gemälde der amerikanischen Künstlerin Dana Schutz, das gerade im New Yorker Whitney Museum ausgestellt wird. Open Casket heißt übersetzt offener Sarg, und das ist auch ungefähr das, was auf dem Bild zu sehen ist. In dem Sarg liegt die grausam entstellte Leiche von Emmett Till, der 1955 in Money, Mississippi von Weißen gelyncht wurde. Seine Mutter ließ damals den Sarg ausdrücklich offen, alle sollte sehen, was ihrem Sohn passiert war. Das Foto, das um die Welt ging, ist schockierend und gilt als einer der Auslöser für die Civil Rights Bewegung.

Nun ist dieses Bild wieder zu sehen – als Gemälde von Dana Schutz. Als es jetzt zur Biennale im Whitney Museum ausgestellt wurde, gab es laute Proteste. Interessant ist, dass das Problem zunächst nicht das Kunstwerk selbst zu sein scheint, sondern die Hautfarbe der Künstlerin: Dana Schutz ist eine weiße Amerikanerin. Der Vorwurf lautet: "cultural appropriation", kulturelle Aneignung. Sie als Weiße habe kein Recht dazu, schwarzes Leiden abzubilden, und daraus möglicherweise noch Profit zu schlagen.

Parker Brigth filmt sich selbst vor dem Gemälde im Whitney Museum

Also hat sich der Künstler Parker Bright am Eröffnungswochenende der Biennale im Whitney Museum vor das Bild gestellt. Auf seinem T-shirt stand "Black Death Spectacle". Im Facebook Live-Video zur Aktion fordert er, dass das Bild abgehängt wird, es sei eine Ungerechtigkeit gegenüber der "black experience" und der Kunstszene:

"Ich finde dass sie nicht das Recht hat, generell für die schwarze Community zu sprechen, oder für Emmett Till’s Familie. Auf mich wirkt das wie weißes paternalistisches Theater: Jemand will ein bestimmtes Publikum damit befriedigen."

Künstler Parker Bright

Niemand sollte aus einem toten schwarzen Körper Geld machen, fordert Parker in seinem Protest-Video.

Zerstörung des Gemäldes gefordert

Die Diskussion schlägt Wellen, in den sozialen Netzwerken, Medien und bis nach Berlin: die dort lebende Künstlerin Hannah Black verfasst einen offenen Brief an das Whitney Museum, in dem sie sogar die Zerstörung des Bildes fordert.

Yale-Professorin Claudia Rankine

Claudia Rankine, Professorin für Poetik in Yale und Gründerin des Racial Imaginary Institute glaubt, die Forderung, das Bild zu zerstören wäre nur rhetorisch gewesen. "Niemand wollte wirklich, dass das Gemälde zerstört wird. Ich glaube, damit sollte nur ein Diskurs angeheizt werden und das hat ja funktioniert," sagt sie im Zündfunk-Interview.

Und wie reagiert die Künstlerin von "Open Casket", Dana Schutz? Sie habe nie vorgehabt, das Bild zu verkaufen, sagt sie in einem Statement. Und das Bild habe sie aus Empathie mit der Mutter von Emmett Till gemalt.

"Natürlich weiß ich nicht, wie es ist als Schwarze in den USA zu leben. Aber ich weiß, wie es ist, Mutter zu sein."

Dana Schutz

Auch wenn das vielleicht etwas unbeholfen klingen mag, das Problem liegt woanders. Wenn Künstler sich nur mit den Themen ihres eigenen kulturellen Backgrounds beschäftigen dürften, dann müsste man so einiges aus der Kunst- und Musikgeschichte tilgen: angefangen bei Picassos Guernica bis hin zu Joe Cockers Soul-Songs. Also: Was darf Kunst und wenn ja wer?

Claudia Rankine hat Anfang des Jahres das Racial Imaginary Institute gegründet. Deshalb war sie auch zur öffentlichen Debatte zum Thema im Whitney Museum eingeladen. Für sie steht das "Recht" gar nicht zur Debatte: "Wir alle haben das Recht, jeden Teil der Kultur aufzugreifen und ihn darzustellen. Natürlich hat auch Dana Schutz als Weiße das Recht dazu, aber das befreit sie nicht von Kritik. Das ist der andere Teil der Geschichte."

Whitney Museum eine "weiße Institution"

So übertrieben die Diskussion um dieses Bild für manche wirken mag - sie hat einen sensiblen Punkt getroffen, und vielleicht eine wichtige Debatte angestoßen: dass Schwarze Kultur und Identität immer noch als Abweichung der weißen Norm begriffen wird, dass "weiße Institutionen" wie auch das Whitney Museum eines ist, das immer noch nicht ändern wollen, das ist das Problem. Gerade in einem Amerika, in dem die "Whiteness" ein beunruhigendes Revival erlebt. "Es ist eben nicht so, dass der Rassismus 1955 aufgehört hat," sagt Claudia Rankine. Erst vor kurzem sei der Leichnam von Michael Brown auf der Straße gelegen. "So viele von uns sind in den letzten zwei Jahre umgebracht worden – das war nicht rechtmäßig und es ist unverzeihlich." Die Malerin selbst hätte Rankine erzählt, dass sie Emmett Till auch deshalb gemalt habe, weil sie in den letzten Jahren immer wieder in den Medien gesehen hätte, wie Schwarze in den Straßen umgekommen sind. Und nun müsse sie eben auch mit der Kritik leben, warum sie in ihrem Bild nicht gezeigt hat, was weiße Frauen mit diesen Morden zu tun haben. Insbesondere weil Emmett Till damals sterben musste, weil eben eine weiße Frau behauptet hat, er hätte mit ihr geflirtet. Um später dann zuzugeben, dass das eine Lüge war. "Also warum ist das überhaupt Thema? Weil Rassismus immer noch da ist. Und weil tote schwarze Körper Realität sind in unserem Land."


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