Kultur als Software Von der Erfindung der Versionen
Vielleicht hilft es, der eigenen Ratlosigkeit mit Pathos zu begegnen. Vielleicht kann man all das, was gerade mit unseren Plattensammlungen und Bücherregalen geschieht, nur begreifen, wenn man die Digitalisierung mit dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit vergleicht.
Damals veränderte sich die Art, wie Menschen mit dem, was wir heute Platten und Büchern nennen - also mit Kultur - umgingen, so grundlegend, dass anschließend nichts mehr passte: die Geschäftsmodelle nicht und die Vorstellung von dem, was eigentlich ein Künstler sei ebenso nicht.
Nichts wird mehr passen
Ich versuche es also mit eben diesem historischen Pathos und behaupte: Wir erleben gerade erneut einen epochalen Umbruch im Umgang mit Kultur. Nichts wird danach mehr passen: die Geschäftsmodelle nicht und die Vorstellung von dem, was eigentlich Kunst sei, ebenso nicht. Denn diese wird digitalisiert und vor allem: verflüssigt.
Die Kultur zum Anfassen - vorbei?
Wir sollten uns ganz genau merken, wie die Welt von gerade eben mit fester, greifbarer Kultur aussah. Denn wir werden unseren Kindern - ganz sicher aber unseren Enkeln - davon erzählen müssen, wie diese Welt war, in der Zeitungen und Bücher in der Wohnung rumlagen und nicht als pauschaler Informationszugang auf Endgeräten angeboten wurden. Wir werden davon berichten müssen, wie es sich anfühlte, als Kultur noch statisch war. Als wir dachten, ein Song sei wie ein Gegenstand zu behandeln, der einmal hergestellt, abgeschlossen und dann vertrieben wird. Das wird unseren Enkeln genauso unglaublich vorkommen, wie es uns heute unvorstellbar ist, dass Filme, Musik und Texte so flüssig werden, dass wir sie als Prozess und nicht mehr als Produkt denken.
Es ist sozusagen gleichzeitig Höhe- wie Endpunkt von Walter Benjamins These zum Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit. Es muss nämlich gar nicht mehr reproduziert werden.
Daten werden flüssig
Daten werden durch die Digitalisierung von ihrem analogen Träger gelöst. Sie werden frei verfüg- und leicht kopierbar. Aber vor allem werden diese Daten eben flüssig. Kultur wird zu Software, die weniger greifbarer Gegenstand als vielmehr beständiger Veränderungsprozess ist.
Software wird in Versionen ausgeliefert. Welcher Browser ist der wahre Firefox? Version 1.0 oder die gerade veröffentlichte Version 9.0? Wir nutzen Software, ohne uns darüber den Kopf zu zerbrechen. Wieso aber suchen wir bei Liedern nach dieser wahren Fassung? Was wäre eigentlich, wenn auch Songs in Versionen ausgeliefert würden? Wenn sie beständig weiter verarbeitetet, geremixt und verändert würden?
Es wäre eine Möglichkeit, die Herausforderung der Digitalisierung als Chance und nicht als Bedrohung zu denken – auch wenn wir dafür akzeptieren müssen, dass sie unsere Vorstellung von Kultur als abgeschlossenem Produkt so verändert wie es der Epochenbruch zur Neuzeit getan hat.

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