Bayern 2 - Zündfunk

Zwischenbilanz Streamingdienste Wie Spotify & Co. den Musikmarkt verändern

Seit bei uns Streamingdienste erlaubt sind, drängen immer mehr Anbieter auf den Markt. Elf Unternehmen bieten mittlerweile ihre riesigen Online-Musik-Datenbanken an. Neben Simfy, Deezer oder Juke ist das schwedische Unternehmen Spotify die bekannteste Plattform - doch wie bewähren sich diese Angebote?

Von: Matthias Hacker Stand: 20.08.2012
Spotify | Bild: BR

"Das war neulich so: Ich war zuhause in meinem Zimmer und bin dann zu meinem CD-Regal hin und hab mir gedacht: 'Warum hast du eigentlich die ganzen CD's noch. Du hast doch sämtliche Musik, die du hören möchtest sowieso online - z.B. bei Spotify.' Und ich hab mich dann tatsächlich dazu entschieden, meine CD´s wegzuwerfen oder zu verschenken. Ich kauf mir keine Alben mehr und ich werd es in Zukunft auch nicht mehr tun. Du hast alle Musik im Netz und ich kann für wenig Geld beinahe jedes Album jederzeit anhören."

Musiknutzer Jonas

"Musikstreaming ist die Revolution". Das ist nicht nur die Meinung von Jonas, bei dem zu Hause das CD-Regal verstaubt. Vinyl, Kassette, CD, MP3-Player - alles Schnee von gestern. Musik im Stream - überall und zu jeder Zeit - das ist das neue Ding. Und das geht gemeinsam, denn über soziale Netzwerke kriegt jeder mit, was der andere hört.

Der Besitz von Musik ist fast nicht mehr relevant, was zählt, ist der Zugang. Der Zugang zu über 18 Millionen Titel und zu tausenden von Neuerscheinungen pro Tag. Von Abba bis Zulu Winter.

Alles ist verfügbar

Seit Anfang des Jahres sind Streaming-Plattformen in Deutschland legal und schon wenige Monate später blicken die elf Anbieter auf eine Erfolgsstory zurück. Musikstreaming boomt, boomt, boomt. Allein in Deutschland nutzen bereits jetzt zwölf Millionen Musikfans, also jeder siebte, ein solches Angebot. Und fünf Millionen streamen ihre Musik bereits täglich im Netz.

So sieht sie aus, die Plattform Spotify.

Seien es rare Klassikerplatten von Woody Guthrie, die heißersehnte Neue von Bloc Party oder einfach nur die private Auto-Playlist von Fußballstar Rio Ferdinand - das Musikarchiv ist riesig und übertrifft jede Plattensammlung. Michael Schidlack vom High-Tech-Branchenverband Bitkom ist überrascht:

"Das war ein ziemlich rasanter Raketenstart der Dienste in Deutschland. Wir gehen davon aus, dass durch die weitere Verbreitung von Smartphones die Dienste noch stark wachsen und sie für klassische Datenträger wie die CD schon eine Art Bedrohung darstellen werden."

Michael Schidlack, Bitkom

Auch ich selbst bin seit drei Monaten bei Spotify angemeldet und besuche seither täglich die Plattform. Vor allem Neuerscheinungen höre ich mir sofort an - noch bevor sie im Plattenladen stehen. Früher habe ich mich noch mit Freunden zu privaten DJ-Sessions getroffen, Empfehlungen in Form von Mixtapes verschickt und bei Bier und Zigaretten über Singles, Hypes und alte Klassiker debattiert - face to face. Heute braucht es das nicht mehr.

Das Stichwort ist Social Listenning. Online kann ich mit all meinen Freunden im gleichen Streamingdienst über Musik diskutieren, Songs empfehlen und Playlists gleich online stellen. Mehr als die Hälfte meiner Facebook-Freunde ist beim Streaming dabei und teilt ihre Playlists. Ganz ungeniert: Selbst peinliche Hörausflug zu Britney Spears oder Snow Patrol könnrn von meiner Streaming-Community gesehen werden.

Und so heißt es dann: "Matthias Hacker hört gerade Umbrella von Rihanna."

Die guten neuen Streamingdienste sind aber mehr als nur eine gigantische Juke-Box. So kann ich mir parallel zum Song etwa den Songtext zu Girls & Boys von Blur anzeigen lassen oder in einem abgeschlossen Forum mit Freunden eine eigene Session zum Motto "Cajun-Music" starten. Auch Sebastian aus der Oberpfalz ist leidenschaftlicher Plattensammler und Vinylkäufer, aber mittlerweile ist auch er vom Angebot der Dienste überzeugt:

"Hier im Bayerischen Wald zum Beispiel ist weit und breit vom Wohnort - also in den nächsten 20 oder 30 Kilometer - kein Plattenladen verfügbar. Deshalb bietet es sich halt an solche Dienste übers Internet wahrzunehmen. Ein weiterer großer Vorteil dieser Streamingdienste ist meiner Ansicht nach, dass man beispielsweise eine Albenrezension durchlesen kann und parallel dazu gleich direkt die Musik hören kann. Wo hat man das sonst."

Sebastian Gräb

Was wird aus den Plattensammlern?

Damit verändern sich nicht nur Hörgewohnheiten, sondern auch der Musikjournalismus. Wer demnächst eine Platte von First Aid Kid rezensieren muss, wird sicher ihre Playlists abonnieren, um gleich zu wissen, welche Vorbilder die beiden Mädels haben.

Im Netz erfahren wir: "A First Aid Kit: Spotify Playlist March 2012: Scott Mc Kenzie: San Franicsco."

Momentan fahren die Streamingdienste zwar erst 2 Prozent des Gesamtumsatzes der Musikindustrie ein. Aber wie die Zukunft aussehen kann, das sieht man ganz gut in Schweden: Dort sind schon ein Drittel aller Einwohner Spotify -Abonnenten. Werden wir also, wie unser Zündfunk-Webmaster Jonas, demnächst nicht nur unsere CDs einmotten oder verschenken, sondern auch kaum noch den Weg finden in die geliebten Platttenläden?  Florian Drücke vom Bundesverband der Musikindustrie sieht erst mal in den Streaming-Diensten vor allem eines: ein zusätzliches Angebot, das Geld bringt:

"Wir sind in Deutschland ja erst am Anfang. Das ist jetzt ein weiteres Puzzlestück in dieser Angebotspalette und das wird sich weiter entwickeln. Man kann nicht mehr sagen: LP, Kassette,CD sind vorbei und jetzt kommt das Streaming. Wir bewegen uns in einer Zeit in der es auch Mischthemen gibt und in welcher der User umso mehr da abgeholt wird, wo er gerade ist."

Florian Drücke

Und das könnte sein: Endliche legale Streams für ein Taschengeld, die Remastered-Dire-Straits-CD für den Oberstudienrat und die Deluxe-Klapp-Vinyl-Ausgabe mit T-Shirt und Siebdruckcover für den Hardcorefan. Der Musik selbst ist das Format ohnehin egal.


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