Bayern 2 - Zündfunk

Hyperlokal Regionale Blogs auf dem Vormarsch

Es muss nicht immer die Welt sein: Hyperlokaler Journalismus - kurz Neues aus dem Kiez - ist auf dem Vormarsch. Hier sind vor allem die Blogs erfolgreich. Über 300 hyperlokale Blogs gibt es in Deutschland, davon drei größere in Bayern.

Von: Julia Fritsche Stand: 26.10.2012
Draußen bloggen - Symbolbild | Bild: picture-alliance/dpa

Florian Silbereisen gehört zu den Volksmusikstars, die gern das Glück ihrer heilen Großfamilie zelebrieren. Kein Wunder, dass ihm die Geschichte peinlich war, die er über seinen Neffen im Passauer Lokalblog „Bürgerblick“ lesen musste: Der Schüler hatte im Kunstunterricht ein Bild gemalt und dafür einen Preis bekommen. Weil er das Bild aber leider aus dem Internet abgemalt hatte, musste er den Preis wieder hergeben. Mit dieser Story wollte der Star aus Passau auf keinen Fall in Verbindung gebracht werden: Er klagte den „Bürgerblick“ und dessen Betreiber Hubert Denk. Heute Nachmittag, drei Jahre später, hat Hubert Denk das Urteil vom Landgericht erhalten. Und deswegen kann er in seinem Blog titeln: „Pressefreiheit siegt gegen Volksmusik.“ Ein guter Tag für den Blogger, der in seinen Texten keine Auseinandersetzung scheut. Auch ein Möbelgroßhändler und ein Pharmakonzern haben schon gegen ihn geklagt.

"Ich versuche, im besten Sinne Journalismus zu machen - ich nehme kein Blatt vor den Mund. Ich kann halt auch in alle Richtungen schreiben und austeilen und den Leuten manchmal auch einen anderen Blickwinkel geben oder Hintergründe, die sie jetzt vielleicht nicht unbedingt über die klassischen Medien erfahren."

Hubert Denk, Bürgerblick

In Abgrenzung zum lokalen Monopolisten „Passauer Neue Presse“ gibt Hubert Denk seinem „Bürgerblick“ den Untertitel „Passauer Freie Presse“. Und er ist nicht der einzige kritische Lokal-Blogger in Bayern. In der Oberpfalz piekst Stefan Aigner mit seinem Blog „Regensburg Digital“, liebend gern in die, wie er sagt, „Heipstie-Deipstie-Wohlfühlgesellschaft“.

„Hitlers liebster Knabenchor – Die erfolgreiche Propaganda des Domspatzenchors für das NS-Regime“ heißt es da auf seiner Startseite. In der Vergangenheit hat er sich schon mit einem Energieversorger und der Diözese angelegt.

"Mir bleibt immer halb das Herz stehen, wenn das Fax klingelt, weil eine Abmahnung kommt immer per Fax. Und da merke ich, da zucke ich immer."

Stefan Aigner, Regensburg Digital

Lokalblog als Geschäftsmodell

Lokalblog eins: Die "Tegernseer Stimme" ist rentabel

Doch nicht bei allen lokalen Blogs geht es nur um alternative Öffentlichkeit. Die „Tegernseer Stimme“, der drittes großes bayerisches Regionalblog beschäftigt sich heute mit der Beförderungsbedingungen der Seeschifffahrt: „Keine Fahrräder auf dem Tegernsee“. Peter Postos, der die "Tegernseer Stimme" betreibt, macht keinen Hehl daraus, dass er die sogenannten „hyperlokalen“ Blogs auch als Geschäftsmodell sieht. Er ist selbst kein Journalist, sondern Betriebswirt, war vorher im E-Commerce und für einen Schnäppchenblog zuständig.

"In der Medienlandschaft sehen wir die Tegernseer Stimme als sehr interessanten Test. Einen Test, der seit zweieinhalb Jahren läuft und der beweist, dass Journalismus online finanzierbar ist. Wir erklären immer, wie wichtig auch die Vermarktung ist. Das bedeutet nicht, dass wir den Journalismus als unwichtig erachten, der ist entscheidend. Aber wir wollen zeigen, dass gut gemachter lokaler Online-Journalismus sehr wohl finanzierbar ist."

Peter Postos, Tegernseer Stimme

Lokalblog zwei: "Regensburg Digital" möchte eine alternative Öffentlichkeit bieten

Gut 6.000 Euro verdient Peter Posztos mit der "Tegernseer Stimme" im Monat. Finanziert ausschließlich über Anzeigen und ein Branchenbuch auf seiner Seite. Er hat außerdem ein Netzwerk gegründet, das lokale Blogs vermarkten soll. Die Blogger aus Regensburg und Passau sind da Mitglied. Denn auch der kritische „Bürgerblick“ muss sich finanzieren und hat Anzeigen auf seiner Seite. Hubert Denk will sich aber nicht zu abhängig von Inserenten machen.

"Na klar, gibt es auch diese werbefinanzierten Blogs, die halt ganz viel die PR-Schiene bedienen. Aber da klinke ich mich soweit es geht aus und mache das nur sehr beschränkt mit. Und wenn, dann mit großer Transparenz und Offenheit. Dann sage ich: Liebe Leute, die Stadtwerke Passau haben uns jetzt 250 Euro Anzeigengeld gegeben. Also, soweit gehe ich schon."

Hubert Denk, Bürgerblick

Bei den Verlagen wächst das Interesse

Ein potentieller Markt sind die lokalen Blogs nicht nur für Einzelkämpfer. Auch bei den Verlagen wächst das Interesse, sagt der Medienwissenschaftler Martin Welker von der Uni Leipzig.

Lokalblog drei: Der "Bürgerblick" aus Passau hat einen Prozess gegen Florian Silbereisen gewonnen

"Verlage beobachten sehr gespannt, wie erfolgreich das letzten Endes sein wird. Dass hier Großverlage einsteigen in das Geschäft, ist mir zwar noch nicht bekannt, aber es wird zumindest sehr genau beobachtet, welchen Erfolg diese kleineren Angebote haben." Martin Welker, Medienwissenschaftler

Und Hubert Denk vom Passauer Bürgerblick beobachtet nun seinerseits genau, was seine Heimatzeitung online macht, und ob sie ihm mögliche Werbepartner wegnehmen kann.  Eine journalistische Konkurrenz stellen sie bislang jedenfalls nicht dar. „Mit 92 Jahren am Schmiedeofen - das hält jung“ steht heute auf der Startseite der Passauer Neuen Presse. Da kann Hubert Denk erst mal gelassen bleiben.


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