Bayern 2 - Zündfunk

Essayreihe Hintergrund
Stand: 13.02.2012

Leben in der Cloud

Was macht die Cloud aus uns? Der Zündfunk führte eine Debatte, wie diese virtuelle Wolke unsere Kultur und unseren Kulturbegriff demnächst und für immer verändern wird. Mit Mercedes Bunz, Dirk von Gehlen, Tobias Rapp, Maurice Summen und Johnny Häusler.

Die Geschichte der Kultur ist eine Geschichte der Formate: The medium is the message. Gerade erleben wir, wie sich diese alte Regel in Luft auflöst. Die Cloud könnte das Format aller Formate werden, ein Nicht-Format, selbst konturlos, das zudem alle anderen pulverisiert. Bald wird die mp3 Geschichte sein. Die Cloud ist der virtuelle Speicherplatz, auf den man mit mobilen Geräten wie Smartphones oder I-Pads zugreifen kann – überall dort, wo ein Netz besteht. Die Cloud ist eine beim Provider angemietete Kultur-Garage, in der wir in Zukunft unsere Kultur parken werden. Damit wird sich Kultur und die Art, wie wir sie produzieren, wahrnehmen und gebrauchen, ein weiteres Mal fundamental verändern.

Konsum ohne Besitz

In Zukunft werden wir Kultur kaum mehr besitzen, müssen aber auch keine Kisten von Büchern und CDs ins Auto hieven, wenn wir umziehen. Der Beginn von Kultur-Konsum ohne Besitz. Und damit der Abschied vom Haben. Das wird alles verändern, aber auch eine ganze Menge an Fragen aufwerfen:

Wie verändert die Cloud unsere emotionale Bindung und Beziehung zu Musik und Kultur, wenn wir sie nicht mehr besitzen, anfassen, streicheln können? Wird das nur unsere Einrichtung verschlanken? Was passiert mit unseren Kindern und deren kulturellen Praktiken, wenn keine Tageszeitungen und Bücher mehr in der Wohnung liegen, die man anfassen und durchstöbern kann. Werden wir unsere Musik anders hören, wenn sie zu einer reinen Link-Liste geworden ist? Werden wir Bücher noch ein zweites, drittes Mal aus dem Kindle ziehen, liebevoll betatschen, aus Versehen mit Rotwein besudeln?

Kultur ohne Kontur?

Gehört zu unserer Kultur nicht auch die Spuren der Benutzung (der Kratzer, die Eselsecke), das Altern und Vergilben oder ist das nur nostalgisch, von gestern? Wissen wir als Musik- und Kulturproduzenten um diese neue Nutzung: schreiben wir, denken wir, produzieren wir anders? Und vor allem: Wem gehört diese Wolke, wer verdient an der Cloud – etwa nur die Netz- und Datenriesen wie Google, Amazon und Apple? Können und wollen wir das steuern, ist eine demokratische, gar eine öffentlich-rechtliche Kultur-Cloud denkbar, auf die jeder Zugriff hat und die mit einer Art Flatrate die Kultur-Produzenten vergütet. Was liegen für riesige Chancen darin, wenn Kultur zu einer Art Software wird, die jeder benutzen, remixen und verbessern kann?

Diese Fragen stellen sich:
Maurice Summen betreibt die Plattenfirma „Staatsakt“. Er ist auch Sänger der Band „Die Türen“ und gilt als einer der besten deutschen Pop-Dichter. Das neuen „Türen“- Album wird Anfang Februar erscheinen.
Mercedes Bunz war im Ressort Medien und Technik bei „The Guardian“, zuvor Chefredakteurin der Zeitschrift De:Bug und Online-Chefin beim Berliner „Tagesspiegel“. Demnächst erscheint bei Suhrkamp ihr Buch „Digitale Wahrheiten“.
Tobias Rapp hat ebenfalls bei Suhrkamp veröffentlicht. Zuvor war er Musikredakteur bei der taz und arbeitet derzeit als Musikredakteur beim SPIEGEL
Johnny Haeusler war Moderator und Redakteur bei Radio Fritz in Berlin, Webdesigner und Sänger. Heute betreibt er den einflussreichen und mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichneten Blog "Spreeblick".
Dirk von Gehlen ist Redaktionsleiter von jetzt.de, dem jungen Magazin der Süddeutschen Zeitung. Bei Suhrkamp ist gerade sein Buch „Mashup – Lob der Kopie“ erschienen.