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Im Interview: Jeff Jarvis "Kommentare sind eine beleidigende Form der Interaktion"

Jeff Jarvis ist einer der bekanntesten und interessantesten Gäste der Münchner DLD-Konferenz. Der Journalistikprofessor gilt als Vordenker des Onlinejournalismus. Sissi Pitzer hat ihn getroffen.

Von: Sissi Pitzer

Stand: 19.01.2016

Jeff Jarvis Closeup | Bild: picture-alliance/dpa

Auf der DLD - der Digital-Life-Design-Konferenz - präsentiert sich München als "Stadt der Zukunft". Viele Stars der Web-Branche wie Netflix-CEO Reed Hastings, Whatsapp-Mitgründer Jan Koum oder Instagram-Vorstand Marne Levine sprechen hier über die Zukunft des Webs. Einer der die Online-Zukunft kennt: Jeff Jarvis. Sein Blog "Buzzmachine" wird so ziemlich von jedem Brancheninsider gelesen. Wir haben mit Jeff Jarvis über die Zukunft des Webs und des Online-Journalismus gesprochen.

Das Buzzword dieses Jahr auf der DLD ist "the next next". Was ist das für Sie?

Keine Ahnung, wenn wir das jetzt schon wüssten, wäre es ja nicht das Nächste.  Ein Thema auf der DLD dieses Jahr war einmal mehr das Verhältnis von Europa und den USA – also  zur amerikanischen Regierung und dem Silicon Valley -  und ich glaube, wir müssen das endlich mal hinter uns lassen, um uns tatsächlich dem zu widmen, was als nächstes kommt.

Was auch deutlich wurde ist, dass es nicht genug Investitionen in Europa gibt. Das ist in den USA anders und deshalb haben wir da Google, Facebook und all diese Konzerne. Man muss auch akzeptieren, dass es dafür eine größere Risikobereitschaft braucht, ansonsten kann es keine Erfolge geben. Die Konferenz hat mit den üblichen Klagen über die USA begonnen und damit, über Regulierungen zu sprechen. So kommen wir nicht weiter. Wir kommen nur weiter, indem wir investieren und Sachen erfinden.

Was sollte die nächste Erfindung sein, was steht an thematisch?

Für den Medienbereich: Der Inhalt muss zu den Menschen kommen, nicht umgekehrt. Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass die Leute unsere Webseiten besuchen. Buzzfeed hat 5 Millionen Interaktionen in einem Monat.

Jetzt, mit den neuen technischen Möglichkeiten, Artikel überall auf Webseiten einfügen zu können und mit Tools wie Google Amp, das die Ladezeiten von mobilen Webseiten auf Millisekunden verkürzt, hast du das Gefühl, eine Seite gar nicht mehr zu verlassen, wenn du auf einen Link klickst. Also diese Idee von Inhalt, der überall hinreisen kann, verknüpft mit diesem Geschäftsmodell, ist sehr wichtig.

Auf der anderen Seite brauchen wir aber gleichzeitig engere persönliche Kontakte zu den Menschen. Und lasst uns nicht immer gleich über Datenschutz sprechen und wie wir das besser machen können. Ich bin davon überzeugt, dass man das gut machen kann und vor allem auf freiwilliger Basis. Wenn ich mehr über dich weiß, kann ich dir auch eine größere Relevanz liefern und etwas Wertvolleres. Wir verkaufen immer noch, indem wir uns am Massenmarkt orientieren, wir müssen aber Angebote entwickeln, die relevanter für die Leute sind.

Wie sieht denn der Journalist der Zukunft aus, Ihrer Meinung nach?

Er ist ein Diener. Der Diener einer Community. Wir haben an der Universität, an der ich unterrichte, ein neues Fach eingerichtet: Social Journalism. Die Idee ist: Man muss erst zu einer Gemeinschaft hingehen, beobachten, zuhören, sich einfühlen in diese Community und erst dann kann man entscheiden, was für journalistische Mittel man wählt, um ihnen zu helfen, ihre Ziele zu erreichen. Es geht also nicht mehr darum, dass wir Inhalte produzieren und die Leute dazu zu bringen, diese Inhalte wahrzunehmen. Das ist sehr egozentrisch und medienzentristisch, es muss mehr um die Frage gehen: Haben wir Leuten und Gruppen geholfen, ihr Leben zu verbessern? Wenn wir unseren Erfolg so messen, wird auch der wirtschaftliche Erfolg kommen.

In Europa diskutieren wir viel über Hass im Netz, vor allem angesichts der Flüchtlingskrise. Wie kann man erreichen, dass die unterschiedlichen Parteien, Meinungsgruppen überhaupt miteinander reden, nicht nur übereinander herfallen?

Ich habe Kommentare früher immer verteidigt, aber ich bin mittlerweile auch der Meinung, Kommentare sind eine beleidigende Form der Interaktion. Bei Nachrichtenseiten funktioniert das doch so: Hier ist unser Artikel, wir wollen nichts von euch hören, bis er fertig ist und dann erlauben wir euch, den Text zu kommentieren. Das ist doch keine gute Art der Interaktion. Die höchste Form der Interaktion ist für mich die Zusammenarbeit, wenn man also zu Leuten sagt: Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dann gibt es ein klares Ziel.  Natürlich gibt es dann immer noch schlimme Menschen und üble Gedanken und Emotionen, aber so ist die Gesellschaft. Das hat es immer gegeben. Aber momentan ist die Interaktion mit den Lesern so planlos und das ermöglicht diese Form des Sichbeschwerens extrem

Können wir das ändern?

Ja, natürlich. der Guardian hat diese Seite “Comment is free“ - und vor langer zeit haben sie eine Studie in Auftrag gegeben, um herauszufinden, wie viele Kommentare übel waren. Denn das Problem ist ja: Die schlechten Kommentare ragen immer raus wie ein Felsen, die Mehrheit der Kommentare ist aber gut, weltoffen, neugierieg, so wie man es sich wünscht. Das Problem ist, dass die schlimmen Sache alles kaputt machen. Wir in den Medien müssen uns also verantwortlich fühlen und Polizei spielen, damit sowas nicht passiert.

Natürlich stellt sich da auch die Frage, wie Plattformen wie Twitter und Facebook mit sowas umgehen. Facebook hat schon ziemlich strenge Regeln, die Leute streiten nur darüber, wie sie sie umsetzen oder nicht. Bei Twitter ist es viel schwieriger, weil Twitter eine offene Plattform ist. Wir brauchen diese Offenheit aber auch, weil genau diese Offenheit zum Beispiel den arabischen Frühling ermöglicht hat oder anderen, sich zu finden und auszutauschen. Gleichzeitig ist Begrenzung natürlich auch wichtig, weil manche Menschen verwundbar sind. Aber wie kann oder sollte man eine offene Plattform wie Twitter mit diesem Volumen editieren oder zensieren –da muss ich ehrlich sagen: das ist eine Frage, die auch ich für mich noch nicht beantworten kann.

 


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