Bayern 2 - Zündfunk


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Autor des Big Data-Artikels im Interview "Die ganzen Verschwörungstheoretiker irren"

Warum der Text "Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt" so oft geteilt wurde: Scheinbar erklärt er, wie Trump die US-Wahl gewinnen konnte. Nämlich mittels Big Data. Der Artikel spart jedoch Aspekte aus. Wir haben Hannes Grassegger, einen der beiden Autoren, danach gefragt.

Von: Florian Schairer

Stand: 06.12.2016

Hannes Grassegger, Autor und Journalist | Bild: Sebastian Magnani

Der Artikel "Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt" der Journalisten Mikael Krogerus und Hannes Grassegger für das Schweizer "Das Magazin" hat eine große Diskussion ausgelöst. Donald Trump verdanke seinen Wahlsieg maßgeblich der Arbeit eines Unternehmens, das auf Basis von Big Data arbeitet, heißt es in dem Text. Viele wenden ein, die dystopische Darstellung sei überspitzt, einige Aspekte der US-Politik und des Wahlkampfs fehlten in der Darstellung außerdem. Dass Big Data-Analysen in Wahlkämpfen eingesetzt werden, ist auch gar nicht neu, erklärte der Social-Media-Experte Benedikt Koehler im Zündfunk.
Autor Hannes Grassegger hat uns ein paar Fragen zu seinem Text beantwortet.

Zündfunk: Die Begeisterung, mit der Ihr Artikel geteilt wird, ist ähnlich groß wie die Ablehnung, die er von manchen erfährt. Waren Sie vielleicht in Ihrer Darstellung einfach zu reißerisch?

Hannes Grassegger: Wir sind absolut überrascht und angetan, dass die Leute so auf das Thema einsteigen. Wir begrüßen wirklich jede Form des Weiterdenkens - und dazu gehört natürlich auch Kritik.
Die ganzen Verschwörungstheoretiker, die auf unseren Text so abfahren, irren genauso wie all die Leute, die behaupten, wir hätten da jetzt eine Verschwörungstheorie in den Raum gestellt. Wir haben lediglich das neuste Verfahren, das es in der Polit-Marketingwelt gibt, vorgestellt. Und das zielt darauf ab, die Menschen in einen gewissen Diskussions- und Informationsraum einzupacken und für sich zu gewinnen. Aber die große Gretchenfrage bleibt dieselbe: Kann man Menschen mit Informationen manipulieren? Das können wir nicht beantworten. Wir haben die Methode aufgezeigt, die diese Firma gegen Geld anbietet, und zwar vor allem rechten Parteien.

"Das Wahlergebnis ist der Effekt von verschiedenen Faktoren. EINER dieser Faktoren waren die Wahlmethoden."

Zündfunk: Eine Frage, die oft gestellt wird, ist: Bevor Cambridge Analytica von Donald Trump beauftragt wurde, hat die Firma für Ted Cruz gearbeitet. Aber wenn diese Methode so gut funktioniert, warum ist dann nicht Ted Cruz Präsident geworden?

Hannes Grassegger: Das Wahlergebnis ist der Effekt von verschiedenen Faktoren. Einer dieser Faktoren waren die Wahlmethoden. Andere Faktoren sind die Persönlichkeiten oder das politische Programm usw. Wir haben uns in unserem Artikel auf dieses eine für uns interessante Element gestürzt und haben das beschrieben. Auf jeden Fall war die Art und Weise, wie Donald Trump agiert hat, optimal geeignet, um daraus Schnipsel zu ziehen, die man individualisiert den gewünschten Empfängern zuspielen konnte: dass er zu allem ja und nein gesagt hat, dass er sich so oft widersprochen hat, dass er überhaupt so viele Äußerungen gemacht hat. Man konnte ein Original-Zitat an jede beliebige Empfängerschaft senden. Das zeigt sich auch in Zahlen: Am Tag der dritten Debatte wurde von Trumps Wahlkampfteam 175.000 Variationen seiner Messages verschickt – je nach Empfänger.

Zündfunk: Die Diskussion kreist ja vor allem darum, wie groß der Anteil der Big Data-Firma Cambridge Analytica am Erfolg von Donald Trump tatsächlich ist. Ging es Ihnen vor allem darum?

Hannes Grassegger: Es gibt zwei Sachen, die übersehen werden von den Kollegen, die jetzt mitdebattieren. Zum einen die Frage, wem diese Datensets gehören. Da gibt es eine Firma, die sagt, sie hätte die Datensets von 230 Millionen US-Bürgern. Und das sind sehr ausführliche Sets, wenn man sich die Präsentationen anschaut, die diese Firma immer wieder an verschiedenen Orten gegeben hat: Namen plus Alter plus politische Einstellung plus Familienzusammenhang plus Einkaufsverhalten usw. Es war aber nicht festzustellen, wem Cambridge Analytica eigentlich gehört. Diese Firma ist mehrfach registriert in verschiedenen Steuerparadiesen wie Delaware zum Beispiel. Wir sind in die Panama Papers eingestiegen, um festzustellen, wer die Shareholder der Mutterfirma SCL Elections sind. Aber es lässt sich nicht restlos aufklären, wem diese Daten eigentlich gehören. Und dann muss man sich fragen: Wer könnte sich diese Daten kaufen? Das ist eine Firma, die sich als sehr opportunistisch erwiesen hat - und bei diesen Daten handelt es sich wirklich um sehr detaillierte Informationen.

Zündfunk: Sie meinen, welche politischen Kräfte Zugang zu diesen Daten bekommen?

Hannes Grassegger: Die Frage, ob er diese rechten Parteien aus ideologischen Gründen unterstützt hat, wurde dem Geschäftsführer Alexander Nix mehrfach gestellt. Aber Nix hat zum Beispiel vor dem Brexit eine Pro-Cameron Erklärung unterschrieben [Anmerkung der Redaktion: und Cameron war bekanntlich gegen den Brexit]. Das heißt, er hat dann mit seiner Firma eine Kampagne gegen seine eigene politische Position geführt. Zweitens wurde er mal gefragt, wie er zu der Kritik wegen der politischen Ausrichtung stehe, und da hat er gesagt, solche Fragen entscheidet - wie alle Dinge im Leben - letztendlich der freie Markt. Wir haben es hier mit einem absolut opportunistischen Akteur zu tun und dessen Hauptinteresse ist nicht mal die Wahl an sich. Wahlen sind im Vergleich zu Werbekampagnen sehr schlecht bezahlt. 15 Millionen vom Trump-Team ist nicht ernsthaft eine große Summe für einen Betrieb von mittlerweile 150 Leuten. Diese Firma will auf jeden Fall in den kommerziellen Bereich und nutzt die US-Wahlen als reines Showcase und als bestes Beispiel für ihre Fähigkeiten, Leute für Dinge zu gewinnen, von denen man nicht gedacht hat, dass sie die jemals tun würden.

"Die US-Wahlen als reines Showcase"

Zündfunk: An Ihrem Artikel wurde auch kritisiert, dass tatsächliche Belege für die Wirksamkeit der beschriebenen Methoden fehlen.

Hannes Grassegger: Was wir tun konnten, ist zumindest, die einzig uns bekannte Studie zum Ocean-Based Micro-Targeting aufzutreiben. Sie ist leider noch nicht veröffentlicht – ich würde sie sehr gerne teilen. Es ist eine Kooperation der Universität Stanford und der Universität Cambridge und die Studie hat experimentell verglichen: Wie gut funktioniert das psychologisch basierte Micro-Targeting im Vergleich dazu, wenn man einfach etwas in die Breite auf Facebook bewirbt? Und da wurde eine Steigerung der sogenannten Conversion-Rate von 1400 Prozent festgestellt. Die Forscher waren selber absolut überrascht von dieser Wirksamkeit.

Zündfunk: Ein Grund, warum der Text so oft geteilt wurde, ist, dass er uns scheinbar erklärt, wie dieses eigentlich unvorstellbare Wahlergebnis von Donald Trump überhaupt zustande kommen konnte. Sozusagen die Geheimformel, die die Menschen manipuliert hat. Bei manchen Menschen ist der Eindruck entstanden: Wir sind Big Data hilflos ausgeliefert und wir sind gar nicht mehr in der Lage freie Entscheidungen zu treffen …

Hannes Grassegger: Wir sind immer noch genauso in der Lage freie Entscheidungen zu treffen. Es gibt jetzt einfach viel bessere Methoden, wie wir bei der Informationssuche, die der Entscheidung vorausgeht, beeinflusst werden können: Welche Informationen uns wann im Internet erreichen, das kann mittlerweile extrem genau berechnet und auf uns angepasst werden. Und damit lässt sich dann auch die Entscheidungsfindung zumindest beeinflussen. Aber deshalb ist genau die Debatte darum wichtig. Wenn die Leute informiert sind, dass das, was sie auf Facebook sehen, gekaufte Ware ist und keine unabhängige Information, dann können sie sich auch viel freier entscheiden, wie sie mit diesen Informationen umgehen und wie sie reagieren wollen.


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