Bayern 2 - Zündfunk

Schnappschüsse von Google und Games Motivjagd vor dem Bildschirm

Fotokunst ohne Kamera? Das machen Ingame-Fotografen. Sie finden ihre Motive vor dem Computerbildschirm, bei Google Streetview oder in Computerspielen. Die Macher wählen Motive aus den Spielewelten aus und suchen nach ungewohnten Perspektiven.

Von: Christian Schiffer Stand: 19.09.2012
Ingamefotos | Bild: Leonardo Sang

Es ist ein schöner Tag in am Strand von Liberty City. Die Sonne scheint, ein paar Spaziergänger flanieren über die Promenade. Am Horizont erhebt sich die beeindruckende Silhouette der Stadt, mit all ihren Wolkenkratzern, rechts davon schmiegt sich der alte Vergnügungspark an die Küste, eines der vielen Wahrzeichen von Liberty City. Hier und da trübt zwar eine wilde Schießerei das pittoreske Gesamtbild, aber alles in allem kann man sagen: Liberty City ist eine schöne Stadt mit vielen reizvollen Fotomotiven. Allerdings: Liberty City existiert nur virtuell, nämlich in dem Computerspiel GTA 4. Viel zu sehen und zu fotografieren gibt es aber trotzdem, findet der Brasilianer Leonardo Sang. Auf der Seite becance.com veröffentlicht er unter anderem auch "Ingame-Fotografie", also Bilder, die er in Computerspielen geschossen hat:

"Ich habe GTA 4 gespielt, bin dort herumspaziert und Auto gefahren. Irgendwann habe ich da dieses kleine Gebäude gesehen und habe mir gedacht: Hey, das aber ein schönes Gebäude! Das könnte ich doch mal fotografieren! Der Prozess ist dann ganz ähnlich, wie wenn ich im echten Leben Fotos auf der Straße mache: Ich überlege mir das Motiv, suche nach Formen, achte auf geometrische Figuren, auf Symmetrie und Farben."

Leonardo Sang, Ingame-Fotograf

Bei vielen Ingame-Fotos erkennt man nicht auf Anhieb, um welches Spiel es sich handelt. Die Perspektive ist oft eine andere als die des Spielers, gerne werden Dinge fotografiert, die beim Durchqueren der virtuellen Welt gar nicht aufgefallen sind. Ein Flugzeug am Himmel, eine trostlose Tankstelle, ein hübscher Sonnenuntergang. Wie manchem Fotografen in der realen Welt geht es den Ingame-Bildersuchern darum, verborgene Schönheit in den Focus zu rücken. Und ob die Aufnahme gelingt, liegt nicht immer in der Hand des Künstlers.    

"Abhängig vom Spiel kann man den Winkel nicht so genau einstellen wie in der echten Welt und oft verpasst man auch den richtigen Moment. Im echten Leben hängen gute Bilder auch oft vom Licht ab, wie der Schatten fällt und so weiter. Und das funktioniert in einem Computerspiel manchmal nicht."

Leonardo Sang, Ingame-Fotograf

Bei der Ingame-Fotografie stellt sich zudem die Frage, ob es aus Urheberrechtsgründen überhaupt zulässig ist, künstlerisch gestaltete Szenen abzufotografieren und ins Netz zu stellen. Die meisten Hersteller fühlen sich allerdings geehrt, wenn ihre Spiele als Fotomotive verwendet werden. Und schließlich sehen sich Ingame-Fotografen noch dem Vorwurf ausgesetzt, dass ihre Arbeit überhaupt kein künstlerischer Akt sei. Rainer Sigl betreibt den Blog videogametourist.at und sammelt besonders herausragende Ingame-Fotografien. Für ihn ist das eine Kunstform wie jede andere auch.

Auch Bilder von Gebäuden gelten als Kunst

"Man macht ein Foto von einer Umgebung, die zu 100 % von anderen fremdbestimmt und erschaffen ist. So ist das bei Computerspielen. Man fotografiert schließlich etwas, was Computerspieldesigner und Grafiker gemacht haben. Wenn das keine Kunst ist, dann ist auch Architekturfotografie keine Kunst. Denn da bewegt man sich auch in einer Umgebung, die künstlich ist. Und es geht beim Fotografieren um den subjektiven Blickwinkel des Fotografen. Und das ist eben in modernen Computerspielen, in denen man sich in einer 3D-Umgebung frei bewegen kann, also in virtuellen Architekturen, ziemlich analog zu sehen."

 Rainer Sigl , Sammler von Ingame-Fotos

Flucht vor der Google-Kamera

Dass Fotografen am Bildschirm Fotos knipsen, ist gar mal nicht mal so ungewöhnlich und dabei wird auch die echte Welt abgelichtet: Fotograf Michael Wolf etwa klickt sich mit Google-Streetview durch die Welt und schießt Fotos vom heimischen Rechner aus. Viele seiner Bilder sind tragisch oder komisch: Männer fallen von Fahrrädern, Kinder prügeln sich, es gibt Unfälle zu sehen und ausgelassene Straßenfeste. Das ist das Faszinierende an Streetview-Fotos: Das immer neutrale Google-Auge zeigt die Welt wie sie ist, mit allem Gutem und Schlechten. Michael Wolf sucht stundenlang nach Motiven, vergrößert sie und stellt sie auf riesigen Leinwänden aus. Die Welt aus der Sicht der neun-äugigen Google-Kamera hat für ihn eine ganz besondere Faszination:

"Ich liebe die Ästhetik, diese RGB-Linien des Monitors und auch das Google-Interface. Da gibt es Pfeile und Quadrate, wenn man die Maus bewegt, diese ganze Ästhetik von Google fand ich spannend. Und das dann gekoppelt mit der Möglichkeit wirklich interessante Bilder zu machen. Das ist nur eine Frage der Geduld und des Durchhaltvermögens bis man irgendetwas findet."

Michael Wolf, Streetview-Fotograf

Man muss unzählige virtuelle Kilometer gehen, um interessante Motive in Google Streetview zu finden. Dennoch wird Michael Wolff Faulheit vorgeworfen: Fotografen müssen rausgehen in die echte Welt und mehr machen, als nur Fotos von Fotos zu scheißen, heißt es dann immer wieder. Eine Kritik, die Michael Wolf kalt lässt. Er arbeitet eben mit dem Material, das eine Maschine fotografiert hat und arrangiert und interpretiert es neu. Damit sieht er sich - und all die anderen Bildschirm-Fotografen - in einer großen Tradition:

"Das hat man von Andy Warhol auch gesagt und er ist jetzt einer der interessantesten Künstler des letzten Jahrhunderts. Er hat ja sich ja sehr viel angeeignet, von Seifenkisten bis hin zu Fotos, die er in Zeitungen gefunden hat. Dann hat er das umgewandelt anhand von Siebdrucken und Nachbauten, sodass es zu seiner eigenen Arbeit wurde. Das hat große Tradition in der Kunst. Leute die das nicht als Kunst sehen, haben einfach nicht genügend drüber nachgedacht."

Michael Wolf, Streetview-Fotograf


0