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Gesundheit gehackt Wenn das Fitnessarmband alleine Sport macht

Versicherer und sogar Arbeitgeber geben mittlerweile Nachlässe und Boni für Teilnehmer an ihren Fitnessprogrammen. Bedingung: die Einhaltung eines gesunden, sportlichen Lebensstils, überwacht durch Fitness-Tracker. Wie leicht die zu manipulieren sind und was das bedeutet, zeigt das Kunstprojekt "Unfit Bits".

Von: Tobias Schießl

Stand: 04.02.2016

Fitness Tracker | Bild: picture-alliance/dpa

Travis Bogard ist Vize-President von Jawbone, einem der Weltmarktführer für Wearables, Fitnessarmbänder. Ein Amerikaner, mit unerschütterlichem Optimismus. Er will die Welt besser machen. Oder dünner.

"75 Prozent aller US-Amerikaner sind übergewichtig. Und der Rest der Welt wird auch immer dicker. Man kann von einer globalen Gesundheitskrise sprechen. Mit Wearables können wir erkennen, wo das herkommt und Methoden entwickeln, um das Problem zu lösen. Wir haben eine Utopie: Wir wollen die Weltgesundheit verbessern und den Menschen helfen, besser zu leben."

Travis Bogard

Wie viel Spaß das den Wearable-Trägern offenbar machen kann, sieht man hier in diesem heile-Welt-Werbeclip von Jawbone:

Auch deutsche Versicherer wollen möglichst gesunde Kunden haben, denn die kosten nicht so viel. Wer fleißig Sport treibt und sein Fitnessarmband zusammen mit der App der Versicherung nutzt, bekommt etwa bei der Barmer Bonuspunkte und irgendwann Prämien. Was aber, wenn das mein Lebensstil nicht zulässt? Wenn ich keine Zeit oder keine Möglichkeit habe, permanent zu trainieren? Oder einfach keine Lust habe meine privaten Daten für die Prämien zu verhökern?

Dann schnallen wir das Fitnessarmband doch einfach unserem Hund um den Hals, kleben es an den Autoreifen, an die Bohrmaschine oder an ein Metronom. Kein Witz – das funktioniert. Schon haben wir den Fitness-Tracker gehackt und überlistet: Wir haben angeblich Sport getrieben.

Der Trick kommt von Tega Brain und Surya Mattu und ihrem Kunst-Projekt "Unfit Bits".

"So ein Fitness-Tracker arbeitet nicht so genau: Wenn man ihn aus Versehen in der Handtasche vergisst oder mit in die Waschmaschine schmeißt, dann zählt das Ding trotzdem weiter Schritte. Die Hersteller erzählen dir aber, dass der Fitness-Tracker ein verlässliches und objektives Bild des Nutzers aufzeichnet. Wir wollten das widerlegen und zeigen, dass sich die Geräte täuschen lassen."

Tega Brain

Die Bohrmaschine sorgt für Bewegung

Tega Brain ist Ingenieurin und Künstlerin. Die Experimente mit Fitness-Trackern, die sie mit ihrem Kollegen Surya Mattu durchgeführt hat, sind keine Anleitung zum Versicherungsbetrug. Sie zeigen vielmehr, dass diese Tracker zwar fleißig Daten sammeln – diese Daten aber wenig belastbar sind. Allein die weit verbreiteten Modelle der Hersteller Jawbone und Fitbit liefern völlig unterschiedliche Ergebnisse bei ein und derselben Bewegung.

"Die Fitness-Tracker gehen davon aus, dass man über eine bestimmte Anzahl an Schritten erkennen kann, wie aktiv man ist, wie gesund man lebt Daraus entsteht die Norm eines gesunden Menschen, die für viele aber gar nicht repräsentativ ist. Als diese Geräte entwickelt wurden, ist man bei der Normierung eines Schritts von einem weißem Mann als Standard ausgegangen. Da fängt das Problem mit der Objektivität ja schon an."

Tega Brain

Fitness-Armband ans Metronome geschnallt | Bild: Screenshot Vimeo/Video von Surya Mattu

Immer schön im Takt "gehen"...

Natürlich könnte man jetzt erwidern, dass das höchstens amüsant, vielleicht frustrierend, aber auf jeden Fall unerheblich ist, ob das Armband eines Fitnessjunkies jetzt 100 Schritte mehr oder weniger anzeigt. Oder ob sich jemand die Mühe macht, sein schlechtes Gewissen auszutricksen. Es wird aber dann problematisch, wenn Versicherer davon ausgehen, dass diese Daten objektiv sind und Tarife danach ausrichten. Oder wenn Tracking-Daten als Beweise im Gericht angeführt werden. Wie erstmals 2014 in Kanada, als eine Fitnesstrainerin nach einem Unfall eine höhere Entschädigungen forderte, weil sie seitdem sportlich nicht mehr so leistungsfähig sei. Als Beweis dienten die Daten ihres Fitness-Armbands, die angeblich unter dem Leistungsdurchschnitt von ähnlichen Nutzern lagen. Richter wissen, dass Zeugen und Angeklagte nicht immer ganz korrekt aussagen oder voreingenommen sind, aber begegnen sie Tracking-Daten mit der gleichen Skepsis? Surya Mattu und Tega Brain wollen auch weiterhin mit kreativen Aktionen vor blindem Technikvertrauen warnen. Das Problem hört nämlich nicht bei Fitness-Trackern auf.

"Auch im 'Internet der Dinge' werden permanent Daten gesammelt. Micro-Controller werden in alle möglichen Alltagsgegenstände eingebaut, auch in Socken und Schuhe. Das würden wir auch sehr gerne hacken und zeigen, dass Daten allein kein objektives Bild der Welt zeichnen, sondern auch immer nur eine bestimmte Perspektive bieten. Letztendlich ist die Welt aber deutlich komplexer."

Tega Brain

Tega Brain und Surya Mattu stellen ihre Projekte auch im Rahmen der Ausstellung "Nervöse Systeme/Quantifiziertes Leben und die soziale Frage" im Haus der Kulturen der Welt in Berlin aus. (Fr, 11. März — Mo, 09. Mai 2016, Eröffnung Do, 10. März).


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