Mitschneiden verboten Streit um digitale Kassettenrekorder
Der Kassettenrekorder ist vom Aussterben bedroht. Songs werden nicht mehr aus dem Radio mitgeschnitten, sondern aus dem Internet – vor allem aus dem Videoportal YouTube. Die Seite "YouTube-mp3.org" ist so ein digitaler Kassettenrekorder. Gebaut hat sie Philip Matesanz, ein 21-jähriger Informatikstudent aus Hannover.
"Die Seite hab ich 2009 aufgemacht, als ich festgestellt habe, dass es keine Seiten gibt, die wirklich den Fokus auf die Interessen der Nutzer legen. Deshalb hab ich eine Seite gebaut, die wenig Werbung beinhaltet und alles so einfach wie möglich macht. Es gibt ja die URLs, also Internetadressen, und jedes YouTube-Video hat so eine URL. Der Nutzer braucht einfach nur die Adresse bei meiner Seite eingeben und dann wird ein Server von mir auf YouTube zugreifen, das Video herunterladen und in ein anderes Format umwandeln, so dass es der Nutzer auf seinen PC laden kann."
Philip Matesanz, YouTube-mp3.org
Das einfache Funktionsprinzip war ein voller Erfolg, laut eigenen Angaben hatte YouTube-mp3.org mehrere Millionen Nutzer. Die Betonung liegt auf hatte. Anfang Juni hat Philip Matesanz eine Unterlassungsaufforderung von YouTube bekommen und kurz darauf wurde seinen Servern der Zugriff auf das Videoportal gesperrt. Seitdem funktioniert seine Seite nicht mehr. YouTube begründet das eigene Vorgehen in einem kurzen schriftlichen Statement:
"Dienste wie youtube-mp3.org schaden nicht nur den kreativen Menschen, die YouTube zur Veröffentlichung und Förderung ihrer Inhalte nutzen, sondern letztlich auch der gesamten YouTube-Community."
YouTube
Herz für Künstler?
YouTube entdeckt also plötzlich sein Herz für Künstler. Vor wenigen Monaten stand das Unternehmen noch in der Kritik, kaum Abgaben an die Urheber zu zahlen. YouTube-mp3.org zahlt ihnen zwar auch nichts, allerdings bereichert sich Matesanz auch nicht an seiner Seite. Laut eigenen Angaben finanziert er mit den Werbeeinahmen nur seine Server – deshalb sei es nicht gerechtfertigt, sie zu sperren. Zu seinen Beschwerden wollten sich aber weder YouTube noch der Mutterkonzern Google äußern.
"Als ich zum Beispiel in Hamburg angerufen und nach deren Rechtsabteilung gefragt habe, da wurde mir gesagt, dass man genau mit mir nicht sprechen wolle und nur schriftliche Kommunikation wünsche – was aber auch in so einem Monolog geendet hat: Ich hab denen lauter Emails geschickt und nie eine Antwort bekommen. Dann hab ich eine Hand voll Google-Leute direkt angeschrieben, und einer von denen hat ein Telefonat mit dem Hausjustiziar arrangiert. Das war auch nicht wirklich konstruktiv, weil man auf meine Argumente nicht eingehen konnte. Im Prinzip war’s nur langes Herumgerede, dass meine Seite illegal sei und die Nutzer in Urheberrechtsverstöße verstrickt würden."
Philip Matesanz, YouTube-mp3.org
Dieser Vorwurf trifft nicht zu. Durch die Nutzung der digitalen Kassettenrekorder verliert YouTube Klicks und Werbeeinnahmen, und die Künstler selbst haben auch nichts davon. Doch die YouTube-Aufnahmen gelten nach deutschem Urheberrecht als legale Privatkopien, genau wie ein Radiomitschnitt auf Kassette, erklärt Medienrechtsexperte Christian Solmecke:
"Es macht keinen Unterschied, ob etwas im Radio ausgestrahlt worden ist, im Fernsehen oder auf einer Internetseite zu finden ist – oder im Live-Stream bei YouTube zum Beispiel. Fakt ist, solange die Verbreitung nicht offensichtlich rechtswidrig war, darf ich Mitschnitte anfertigen oder mir auch Kopien erstellen im Wege des Downloads."
Christian Solmecke, Medienrechtsexperte
Online-Petition gestartet
Was legal auf YouTube zu sehen ist, darf also auch für private Zwecke heruntergeladen werden. Deshalb wollte sich Philip Matesanz nicht geschlagen geben und hat eine Online-Petition gestartet. Sie fordert YouTube dazu auf, Rekorder-Seiten von Drittanbietern zuzulassen und hat bereits 1,3 Millionen Unterstützer – doch es gibt einen Haken: Anders als die ePetitionen an den Bundestag ist der Beschwerdebrief von Matesanz in keinster Weise bindend für Google und YouTube – sie müssen nicht mit ihm verhandeln, egal wie viele Leute noch unterschreiben.
In dem offenen Brief wendet sich Matesanz jedoch nicht nur an die Internetriesen, sondern auch an die Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner und die EU-Kommissarin für Digitale Agenda, Neelie Kroes. Von ihnen erhofft sich der Informatikstudent noch eine Stellungnahme. Gegen Google will er rechtlich vorgehen – doch dafür muss er sich erst mal ein Urlaubssemester nehmen.

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