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Der russische Facebook-Klon "VK" Neue Heimat für rechte Hetzer

Facebook greift seit kurzem härter gegen die Flut an Hasskommentaren durch, die jeden Tag gepostet werden. Viele Nutzer wurden schon gesperrt. Sie machen trotzdem weiter. Zwar nicht auf Facebook, aber auf VK.com.

Von: Christian Alt

Stand: 04.02.2016

Logo Russisches Facebook VK | Bild: Logo von vk.com

Vor einigen Wochen stolpere ich über folgenden Facebook-Post:

"Junge Mädchen zu vergewaltigen und dann zu Döner verarbeiten ist nicht neu. Das gibt es auch in Deutschland. Ich bin solche Täter schon 5 Jahre im Netz auf der Spur. Bilder von diesen Schlachtungen habe ich auch. Die darf ich hier nicht zeigen bei FB. Bei VK geht es da habe ich schon einige drin. Deswegen kommt zu VK. www.vk.com"

Verfasser des Posts ist Erwin P., ein Nürnberger mit dem Logo der NPD als Profilbild. Seine Botschaft: Auch Facebook, das seit neuestem Hass-Kommentare aus seinem Berliner Büro heraus löscht, gehört schon längst zu den Systemmedien. Die Wahrheit, die gibt es nur beim russischen Facebook-Klon VKontakte. Fünf Minuten später steht auch mein Account – ich besuche Erwin bei VK.

Screenshot vk.com

Es folgt der erste Schock: Meine Fresse, sieht das altbacken aus. Die Seite sieht aus wie StudiVZ vor zehn Jahren. Erwin ist schnell gefunden. Seine Nähe zur NPD verschweigt er auch auf VK nicht. Warum auch? VK fühlt sich an wie eine dreckige Stadt im Wilden Westen – ohne Sherriff. Community Standards gibt’s bei VK zwar, aber es scheint sich niemand dafür zu interessieren, was hier gepostet wird. NPD-Erwin hat auf seiner Seite ein zweitgeteiltes Bild mit dem Titel "Gute Zeiten, schlechte Zeiten": unten sind die schlechten Zeiten, das üble Merkelregime, oben die guten Zeiten: Hitler, der vor einer Hakenkreuzflagge den Blick über das tausendjährige Reich streifen lässt. Unter dem Hitlerbild der Kommentar:

"Bei dem wurden keine Frauen angefasst. Und wenn war der ganz schnell wo anders."

Und auch die Bilder der Dönerkannibalen sind schnell gefunden:

"Hier werden junge Mädchen geschlachtet. Das alles in Deutschland."

Ich sehe tatsächlich nacktes Fleisch und einen abgetrennter Arm. Nur spielt "das alles" nicht in Deutschland. Eine schnelle Recherche per Rückwärtssuche verrät: Die Bilder kursieren schon mindestens seit 2009 im Netz und zeigen keinen Dönerladen in Berlin-Hellersdorf, sondern vermutlich einen thailändischen Anatomiekurs. Oder wie es einer der Kommentatoren auf Erwins Seite zusammenfasst:

"Wie blöd kann man eigentlich sein?"

VK-User Erwin P. | Bild: Screenshot vk.com

VK-User Erwin P.

Ein paar VK-Posts später wird es richtig spannend. Unter einem Schild in Frakturschrift - "Vorsicht bei Facebook, Feind liest mit" - erzählt Erwin wie er bei Facebook rausgeflogen ist. Er sei bei Facebook wieder für vier Wochen gesperrt, im Dezember war er schon zwei Mal eine Woche gesperrt, jetzt wieder vier Wochen. Dafür gibt es 42 Likes - und fast jeder Kommentator hat eine ähnliche Geschichte zu erzählen: Jeder hier ist ein Facebook-Flüchtling und sucht in Russland Asyl. Manfred z.B. schreibt, VK sei die einzige Alternative. Er ist ein echter Promi unter den Netznazis. Am 30. Dezember veröffentlichte Manfred noch auf Facebook ein Bild von sich: Mit grauen Haaren, Seitenscheitel, dickem Schnurrbart und einem tief eingezogenen Bauchansatz posiert er im Feinrippunterhemd vor dem Spiegel.  Darüber der Kommentar:

"Sollen die jungen, wehrfähigen Asylanten auf die Idee kommen, bei mir einzubrechen, müssen sie mit einem deutschen Bären kämpfen. Ich werden ihnen die Seele aus dem Leib reißen und ihr Fleisch an die Schweine verfüttern (1,87cm, 120 kg)."

Manfreds Post ging viral: Das halbe Netz hat über seinen eingezogenen Bauch gelacht, er selbst wurde bei Facebook rausgeschmissen. Jetzt ist er auf VK – und das Lachen über Manfred bleibt mir im Halse stecken. Auf VK postet Feinripp-Manfred antisemitische Nazipropaganda und veröffentlicht Bilder von Mitgliedern der Antifa, mit Klarnamen und Arbeitgeber. Sein Kommentar: „Befindet sich in Lebensgefahr“. Den Post melde ich sofort, ich hoffe nur, es sieht jemand. Manfred betreibt nach Selbstaussage Graswurzelarbeit auf VK. Sein Ziel: Möglichst viele Volksgenossen auf die Plattform bringen:

"Guten Morgen, liebe Freunde und Patrioten. Mittlerweile sind mir 63 Freunde auf das Sozialnetz VK.com gefolgt. Es werden täglich mehr. Dieses Netz ist nicht so gut strukturiert wie FB, aber dafür UNZENSIERT."

Was Manfred vermutlich nicht weiß: VK hat andere Privatsphäreeinstellungen als Facebook. Eine Option, die Beiträge nur für Freunde freizuschalten, gibt es nicht. Manfreds Profil und seinen rechtsradikalen Schmutz kann man sogar sehen, ohne mit ihm befreundet zu sein oder auch nur einen VK-Account zu besitzen. Genau wie auf Facebook sind die meisten auf VK in Gruppen aktiv: Eine der größten ist die Gruppe "INFOKRIEG". Die ist mit fast 4000 Mitgliedern fast genau so stark wie die Schwestergruppe auf Facebook. Der Exodus von Facebook zu VK ist offenbar riesig. Einer von ihnen: Alexander. Er postet in die Gruppe einen Link zu einer Hitlerrede. Für die wurde er auf Facebook gesperrt. In den Kommentaren fragt er um Rat:

Jeff Jarvis Closeup | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Im Interview: Jeff Jarvis "Kommentare sind eine beleidigende Form der Interaktion"

Jeff Jarvis ist einer der bekanntesten und interessantesten Gäste der Münchner DLD-Konferenz. Der Journalistikprofessor gilt als Vordenker des Onlinejournalismus. Sissi Pitzer hat ihn getroffen. [mehr]

"Wenn ich mich einloggen will kommt das hier: 'Wir haben etwas entfernt, das du gepostet hast.' Wie lange geht das so? Wo kann ich mich hinwenden?"

Der Rat, den er von der Community bekommt lautet wahlweise, er solle sich nicht so von Amerika und Facebook abhängig machen oder sich nicht von den "Linksfaschos" bevormunden lassen und dauerhaft zu VK kommen.

Aber auch im Netz-Paradies holt die Paranoia die selbst ernannten Patrioten schon wieder ein. Denn wie Hitlerreden-Alexander recherchiert hat: man weiß nicht genau, wer hinter VK nun wieder steckt. Seiner Ansicht nach sei das das Gleiche wie FB, nämlich "ebenso unter muslimisch/jüdischer Kontrolle". Wir fragen beim bayerischen Verfassungsschutz nach. Der teilt mit: Sie sind bereits auf VK aufmerksam geworden und beobachten die Netznazis dort. Vergehen würden der Polizei gemeldet. Die Verfassungsschützer halten das Netzwerk für essentiell, wenn szeneintern kommuniziert werden soll. Aber die breite braune Masse erreiche man nur mit Facebook. 


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