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Im Interview: Bruce Sterling "Die Zukunft ist nur Geschichte, die noch nicht passiert ist"

Wir fragen einen, der es wissen muss, die Cyberpunk-Legende Bruce Sterling: Ist die Zukunft so düster wie in Ihren Romanen? Christian Schiffer traf den 61-Jährigen auf der Make Munich-Messe 2016.

Von: Christian Schiffer

Stand: 18.01.2016

Eindrücke von der Make Munich 2016 | Bild: Make Munich / Tom Garrecht

Kreative und innovative Maker, Bastler, Elektronik-Geeks und Designer zeigten am Wochenende ihre Ideen auf der „Make Munich“, der bedeutendsten Veranstaltung seiner Art in Süddeutschland. Zu sehen gab es eine Menge Roboter, viele 3D-Drucker, Startup und alte Nähmaschinen. Dazu gab es Vorträge unter anderem von der Cyberpunk-Ikone Bruce Sterling. Christian Schiffer hat ihn zum Interview getroffen.

Sie haben gerade über die Maker-Szene gesprochen, über die Do-it-yourself-Bewegung - haben Sie irgendetwas an sich, was Sie selbst gemacht hast?

Etwas, das ich selbst gemacht habe? Da muss ich mal kurz in meine Taschen schauen. Normalerweise habe ich ein Multitool dabei. Ah doch! Ich habe diesen Ring hier dabei, den habe ich selbst designet! Da war ich 15 Jahre alt, der ist also fast 50 Jahre alt.

Mit der Maker-Szene werden ja viele Erwartungen und Utopien verbunden, also beispielsweise Herzklappen in der Dritten Welt, die man per 3D-Drucker selber herstellen kann. Wird die Welt dank Maker-Szene zu einem besseren Ort?

Sie wird unsere Welt sicherlich verändern, dadurch muss sie sich aber nicht unbedingt verbessern. Natürlich wollen die Mitglieder der Maker-Szene Dinge verändern, aber vor allem interessieren sie sich für alternative Produktionsweisen. Kommerzielle Hits haben sie bisher kaum hervorgebracht, von der Pebble-Smartwatch mal abgesehen oder ein paar Kickstarter-Geschichten. Ich mag sie, weil sie mich überraschen. Interessant ist, dass sich die Bewegung verändert: Sie wird lokaler, weniger global und spiegelt mehr regionale Besonderheiten wider - es wird eben vor Ort produziert. Ich glaube, das ist gut so. Und typisch für Design. Das ist wie mit McDonalds: Statt globalem Allerweltsgeschmack schätzen immer mehr Menschen lokale Spezialitäten.

Bastelbrothers and -sisters - Eindrücke von der Make Munich

Sie haben davon gesprochen, dass das Internet inzwischen zwischen den Big Five aufgeteilt ist, also Google, Facebook etc. Das könnte bei der Maker-Szene doch eigentlich auch passieren, dass sie kommerzialisiert wird?

Ich habe ich einen Apple-Laptop und davon bin ich wenig begeistert. Ich würde liebend gerne ein idealistischeres Leben führen, ich würde gerne ausschließlich Open Source-Produkte benutzen, die von Makern entwickelt wurden. Aber ehrlich gesagt: Das wäre nicht besonders bequem und lange durchhalten könnte man das auch nicht. In dem Turiner FabLab „Casa Jasmina“, da haben alle Apple oder Android-Smartphones und natürlich auch die ganzen Apps und Services. Man kann diesen Konzernen nicht entgehen, außer natürlich man lebt in China, hinter der großen Firewall.

Wie sehen Sie die Zukunft? Das wollte ich einen Cyberpunk-Autoren immer schon einmal fragen - ist sie so düster wie in Ihren Romanen?

Die Zukunft ist auch nur eine Form von Vergangenheit. Es handelt sich eben um Geschichte, die noch nicht passiert ist. Aus historischer Perspektive muss man sagen: Es liegen natürlich auch düstere Zeiten hinter uns, beispielsweise das sprichwörtliche „dunkle Zeitalter“. Und da ist es ja nur logisch, dass auch Teile der Zukunft recht düster ausfallen.
Natürlich hat die Zukunft auch eine tragische Dimension. Denn dort werden wir sterben. In der Zukunft sind wir alle tot. Das ist natürlich unerfreulich. Aber so ist die Realität und eigentlich macht der Tod das Leben erst wertvoll. Die Zukunft, das sind einfach „weitere Jahre“. Man kann die Geschichte kennen, über die Zukunft spekulieren - aber leben kann man nur jetzt. Lebe das Leben so lange lebst!


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