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Blogger Dmitrij Panov Bis zum Endboss: "Sterben mit Swag"

Bloggen über Krankheit und Leid - statt über Mode und Rezepte. Einige Krebspatienten dokumentieren ihr Leben mit der Krankheit, auch Prominente wie Wolfgang Herrndorf und Christoph Schlingensief. Dmitrij Panov betreibt seinen Blog mit Offenheit, Humor und viel Liebe zur Popkultur.

Von: Christian Schiffer

Stand: 28.07.2016

Sterben mit Swag Blog Screenshot | Bild: Dmitrij Panow

Aus der Traum vom Vaterschaftsurlaub und der gemütlichen Rentnerzeit voller Videospieleabende.
- Sterben mit Swag Blog

Videospiele, Filme, Popkultur - darum geht es auf dem Blog "Sterben mit Swag". Es geht aber auch um Morphinspritzen, um Krankenhausbesuche, Schmerzen, permanente Müdigkeit, Momente der Verzweiflung und wie unerfreulich es ist, dass die Medikamente die Mundschleimhaut so sehr in Mitleidenschaft ziehen, dass ein tränenfreier Verzehr von Sushi mit ordentlich Wasabi oben drauf kaum noch möglich ist. "Sterben mit Swag" ist der Blog von Dmitrij Panov, der 25-Jährige leidet an einem Medulloblastom, einer besonders aggressiven Tumorart. 2011 wurde der Tumor diagnostiziert, mittlerweile hat er gestreut. Der Krebs drückt auf das Rückenmark des 25-Jährigen, sodass ihm das Gehen immer schwerer fällt. Ende 2015 bekommt Dmitrij Panov mitgeteilt, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt, kurze Zeit später schreibt er den ersten Eintrag:

Ich schwanke irgendwo zwischen "Passiert" und "Gibt Schlimmeres". Man kann ja auch bei lebendigem Leibe von Ameisen gefressen werden. Oder aufwachen und feststellen, dass man Donald Trump ist. In Relation dazu geht's mir ja eigentlich echt gut.
- Sterben mit Swag Blog

Dmitrij Panov in seinem Zimmer

Wie viele andere, die mit ihrem Tod konfrontiert werden, will auch Dmitrij etwas hinterlassen. Eine seiner Lebensregeln: "Nimm alles was haben kannst, gib aber mehr als du nimmst. Und das mit dem Geben ist halt schwer, wenn man mit so einer Diagnose konfrontiert wird. Da kann man nicht noch tausend Sachen lernen und etwas Großes machen. Man hat eben nur noch ein paar Monate zu leben und da muss man eben das beste aus seiner Situation machen. Und ich dachte mir, dass so ein Blog noch das meiste ist, was ich aus dieser rausholen kann."

"Swag" wurde als Begriff von dem österreichischen HipHopper Moneyboy bekannt gemacht. Dann kam es, wie es kommen musste: Die Lappen vom Duden wurden auf einer ihrer Gammelfleischpartys auf das Wort aufmerksam und kürten es zum Jugendwort des Jahres. Seitdem hat der Begriff "Swag" natürlich einiges an Swag und Lässigkeit eingebüßt, es sei denn, man benutzt das Wort ironisch - so wie Dmitrij Panov in seinem Blog.

Genau 30 Tage bis zur Aufführung. Darf nur nicht bis dahin sterben oder sonst wie spielunfähig werden. Egal mit wieviel Swag.
- Sterben mit Swag Blog

Theater, das ist neben Videospielen, Filmen und Sushi die andere große Leidenschaft von Dmitrij. Mitte April steht er noch einmal auf der Bühne in seiner Heimatstadt Herborn, danach muss er sofort in Krankenhaus.

OP lief gut, entsprechende Metastase zum Teil rausgeschnitten, Rest soll noch bestrahlt werden. Die Narkose ging schnell weg, aber was ich da an nervigen Bildern in ADHS-Geschwindigkeit gesehen habe, reicht auch schon für ein ganzes Leben.  Aber: Alleine aufs Klo gehen läuft, Internet läuft, Essen läuft, besucht werden läuft.
- Sterben mit Swag Blog

Seine Großmutter und seine Mutter beobachten seinen Blog hingegen argwöhnisch. Sie finden es seltsam, dass Dmitrij so offen mit seiner Krankheit umgeht, über die ekstatischen Freuden eines gelungenen Stuhlganges schreibt und über Hirnwasser.

Hirnwasser praktisch zellfrei, auch ganz geil.
- Sterben mit Swag Blog

"Sterben mit Swag" Blog, Screenshot

Seine Leser lieben ihn genau für diese schnodderige Direktheit. Demnächst wird Dmitrij sich an seinen Laptop setzen und anfangen einen besonderen Blogpost für "Sterben mit Swag" zu verfassen. Den Blogpost, den seine Mitbewohnerin nach seinem Tod freischalten wird. Und dann wird er sein Testament angehen. Jede seiner 650 Blu-rays soll jemand ganz bestimmtes bekommen. Dasselbe gilt für seine Computerspielsammlung. Dmitrij Panov ist ein großer Fan der Dark Souls und Bloodborne-Spiele. Ausgerechnet Dark Souls und Bloodborne! Düstere Fantasyspiele, vor allem deswegen bekannt und berüchtigt, weil sie unerbittlich sind und man dort so oft stirbt wie in kaum einem anderen Spiel.

Und es gibt Parallelen zwischen diesen Spielen und dem Leben von Dmitrij, nämlich "dass man sich nicht unterkriegen lässt, wenn man ein Tief hat - das ist dann vergleichbar mit einem besonders schweren Boss in Bloodborne - dass man da irgendwie immer noch eine Möglichkeit findet, das zu schaffen. Und dass man das übertragen kann und sich sagt: Ja, der Tod, der gehört irgendwie dazu."

Im Leben wie im Spiel geht es darum Endgegner aus dem Weg zu räumen - auch wenn das nicht immer gelingt.


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