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Margaret Atwoods Dystopie "The Handmaid's Tale" gewinnt den Emmy für die beste Drama-Serie

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood ist gerade mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2017 ausgezeichnet worden. Auf Hulu läuft derzeit die neue Serie "The Handmaid's Tale" basierend auf ihrem Buch "Der Report der Magd". Staffel 1 wurde jetzt mit einem Emmy für die beste Drama-Serie ausgezeichnet.

Von: Maria Fedorova

Stand: 07.06.2017

Szenen aus "The Handmaid's Tale" | Bild: picture-alliance/dpa

Zwei Frauen werden beschimpft und aus einem Café rausgeschmissen - nur weil sie Frauen sind. Sie können ohnehin nichts kaufen, da ihre Kreditkarten gesperrt sind. Es wurden neue Gesetze verabschiedet. Frauen dürfen kein Eigentum besitzen, keine Bildung bekommen, keine Arbeitsstellen annehmen. Das ist nur der Anfang einer beklemmenden Entwicklung in der neuen Serie "The Handmaid's Tale" nach dem dystopischen Roman der Kanadierin Margaret Atwood.

Der Plot: In Nordamerika haben christlichen Fanatiker die Macht übernommen und die Republik Gilead gegründet. Kinder sind ein rares Gut, weil viele Frauen durch Umweltkatastrophen unfruchtbar geworden sind. Und in dieser neuen Gesellschaft werden die wenigen fruchtbaren Frauen zu staatlichen Gebärmaschinen, wie überhaupt jeder Mensch in eine Funktion gezwungen wird. Bei den Frauen sind es drei Kasten: Ehefrauen, die mit regimetreuen Männern verheiratet sind, Haushaltspersonal und die sogenannten Mägde, die Gebärmaschinen. Die neuen Herrscher sehen darin die natürliche Bestimmung der Frauen.

Wie kann aus einer modernen Gesellschaft ein fanatischer Gottesstaat werden?

Autorin Margaret Atwood

Margaret Atwood hat ihren Roman 1984/85 geschrieben – unter dem Einfluss der Islamischen Revolution, den Spitzel-Staaten in Osteuropa und dem Aufstieg der religiösen Rechten unter Ronald Reagan in den USA. Im Grunde beinhaltet "Der Report der Magd" nichts, was es nicht so ähnlich schon gegeben hat: ein Überwachungssystem, Schauprozesse, Massenhinrichtungen, staatliche Geburtenkontrolle.

Für die Serien-Version, dreißig Jahre später, wird die Geschichte zugunsten der Aktualität überarbeitet: mit Anspielungen auf den IS, auf die Dating App Tinder, auf den Fahrservice Uber. Und die Bilder der Frauenproteste lassen sofort an den Women's March denken. Die Serie sei erschreckend aktuell, so das Urteil der meisten Kritiker. Denn auch die westliche Welt ist vor dem plötzlichen Backlash nicht geschützt.

Eine liberale Gesellschaft wählt einen sexistischen Demagogen zum Präsidenten. Wie kann das passieren? Oder, um es mit der Serie zu formulieren: wie kann aus einer modernen Gesellschaft ein fanatischer, patriarchaler Gottesstaat werden? Nicht ohne die Hilfe von vielen Frauen, so zumindest in "The Handmaid's Tale". Denn einige von ihnen profitieren von dem neuen System: die Ehefrauen und die sogenannten Tanten, die die Mägde mit Hilfe von Slut-Shaming umerziehen sollen. Das ist Frauenpower, die mit Frauenrechten wenig zu tun hat. Mit ihren Predigten über die Familienwerte und natürliche Rolle der Frau erinnern diese Tanten an bekannte politische Figuren wie Sarah Palin, Marine LePen oder Frauke Petry.

Frauenrechte sind Menschenrechte

Einkaufen und Gebären: Frauen in "The Handmaid's Tale"

Die Serien-Verfilmung hält vor allem unserem Zeitalter den Spiegel vor, denn die Hauptfiguren, also die Mägde, sind die Verkörperung der modernen jungen Frauen: die liberal und gleichberechtigt erzogen wurden – und es einfach nicht fassen können, wie ihnen plötzlich alle Rechte genommen werden. Ähnlich fassungslos, wie man heute beobachtet, dass Frauen- und Bürgerrechte Stück für Stück abgebaut werden können. Vor allem aber erzählt die Serie die Geschichte einer Frau, die in einer totalitären Gesellschaft überleben will - ein Plot, der mindestens zwei Staffeln lang spannend bleiben muss.

Women rights are human rights, Frauenrechte sind Menschenrechte - diese politische Parole wird in zehn großartige Folgen übersetzt und macht The Handmaid’s Tale zur feministischen Serie der Stunde.


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