Bayern 2 - Zündfunk

Eine kleine Geschichte des Kulturpessimismus Immer dieses neue Zeug

Das Buch "Digitale Demenz" warnt vor den Folgen des Internets. Sein Autor Manfred Spitzer reiht sich damit in die lange Tradition des Kulturpessimismus ein. Egal ob Buch, Kino oder Handy: sie alle sind schuld an der Verdummung.

Von: Christian Schiffer Stand: 03.09.2012

4000 vor Christus

Wer als erster die Schrift erfunden hat, ist nicht ganz klar. Vielleicht waren es die Ägypter, vielleicht die Sumerer, vielleicht auch Chinesen. Schnell stellt sich jedoch heraus: Schreiben verblödet. Denn schriftliche Notizen entlasten das Gehirn und führen zu analoger Demenz. Anstatt Riten, Regeln, Gesetze und Erfindungen von Generation zu Generation am Lagerfeuer weiterzuerzählen, kann die Menschheit sie einfach aufschreiben. Das Gehirn hat nichts mehr zu tun und verkümmert langsam. Ein Desaster, findet auch der Philosoph Platon. In seinem Werk Phaidros schreibt er 370 vor Christus:

"Wer die Schrift gelernt haben wird, in dessen Seele wird zugleich mit ihr viel Vergesslichkeit kommen, denn er wird das Gedächtnis vernachlässigen. Die Menschen werden jetzt viel zu wissen meinen, während sie nichts wissen."

Platon in Phaidros

Die Schrift ist quasi das, was heute Google ist. Statt sich Dinge zu merken, spicken die Menschen einfach. Nur eine Tatsache verhindert, dass die Menschheit schon in der Antike völlig verdummt: Es kann kaum jemand Lesen und Schreiben.

Das 18. Jahrhundert

Im Mittelalter werden Bücher - wenn überhaupt - nur von gemütlichen Mönchen geschrieben und von der Kirche kontrolliert, sodass sie für die Gehirne der Bevölkerung keine Gefahr darstellen.

Das ändert sich mit der Erfindung des Buchdrucks. Der Büchermarkt entsteht, die Aufklärung bricht über die Menschen herein, das Bürgertum setzt auf Bildung und so dauert es nicht lange, bis am Horizont eine dunkle Gefahr aufzieht: Die Lesesucht. Bücher sind das World of Warcraft des 18. Jahrhunderts. Sie machen fett, zerstören soziale Beziehungen und sind so schlimm wie harte Drogen, wenn nicht gar schlimmer. Junge Männer und vor allem junge Frauen tun es: lesen, lesen und lesen. Und natürlich lesen sie nur Schund, Belletristik etwa. Der Pfarrer Johann Rudolph Gottlieb Beyer warnt 1795:

"Die erzwungene Lage und der Mangel aller körperlichen Bewegung beim Lesen führt zu Schlaffheit, Verschleimung, Blähungen und Verstopfungen in den Eingeweiden, namentlich zu Hypochondrie, die beim weiblichen Geschlecht, recht eigentümlich auf die Geschlechtsteile wirkt."

Johann Rudolph Gottlieb Beyer

Das 20. Jahrhundert

Mädchen mit trudelsicherem Tonbandgerät

Jetzt ist der Geist schon aus der Flasche, es geht Schlag auf Schlag. Verdummte Gehirne erfinden Dinge, die nur noch weiter verdummen. Eine Spirale der Ignoranz, die sich nicht mehr aufhalten lässt: Als die Postkarte erfunden wird, befürchten viele, dass nun keine Briefe mehr geschrieben werden. Und tatsächlich: Die Postkarte wird zum Massenkommunikationsmittel, die Sätze werden kürzer, die Sprache wird verstümmelt, in einem Ausmaße wie es heute nur Twitter fertig bringt. Doch es kommt noch dicker: Die nunmehr geringen Restbestände menschlicher Intelligenz werden von einer neuen Erfindung hinweggerafft: Dem Kino. Der Kunsthistoriker Konrad von Lange mahnt vergeblich:

"Die dargestellten Vorgänge verlangen geradezu das Ausschalten jeder Denkkraft, sodass sie, öfter genossen, geradezu verdummend auf den Geist wirken müssen."

Konrad von Lange

Bald steht in jedem Haushalt ein kleines Kino, man nennt das ganze Fernsehen. Und das Fernsehen, das macht richtig dumm. Generationen verbringen Jahre auf der Couch und lassen sich passiv berieseln, und auch sie werden natürlich fett, süchtig und aggressiv.

Und jetzt?

Am Ende kommen auch noch Computerspiele dazu. Anders als das Fernsehen werden sie nicht passiv genutzt, sondern aktiv, was aber alles nur noch schlimmer macht: Computerspiele machen noch fetter, noch süchtiger und noch aggressiver. In den 90er verfallen zudem Tausende von Jugendliche der Telefonitis. Es wird stundenlang telefoniert, anstatt sich auch mal in „Real Life“ zu treffen. Das ist fast so schlimm wie heute bei Facebook. Apropos Facebook: Das Internet vereint Schrift, Sprache, Kino, Fernsehen, Computerspiele in einem neuen Medium. Der logische Schlusspunkt  einer desaströsen Entwicklung. Doch gottseidank gibt es auch noch die Mahner und Warner. Etwa Manfred Spitzer, Hirnforscher und Autor des Bestsellers „Digitale Demenz“.

"Google ist problematisch, denn wenn sie etwas googlen, wissen sie ja: Ich kann das googlen. Deswegen haben Wissenschaften in einer Reihe von Experimenten herausgefunden, dass die die Chance geringer ist, dass etwas hängen bleibt, wenn sie googlen."

Manfred Spitzer

Wissen ohne Ende

Dank des Internets hocken wir zombiegleich und aufgedunsen vor unseren Tablets, Computer-Bildschirmen und Handys. Wir sind so dumm geworden, dass wir sogar das Geschwätz derjenigen glauben, die behaupten, das Internet sei in Wirklichkeit die größte Wissensmaschine aller Zeiten. Wir sind so blöd, dass wir manchmal auch die Ergebnisse der Hirnforschung in Zweifel ziehen oder die Studien, die Manfred Spitzer in seinem Buch zitiert. Und manchmal sind wir so blöd, dass wir dafür dankbar sind, dass vor 4000 Jahren die Schrift erfunden wurde. Denn sonst wäre dieser ganze Unsinn schon längst in Vergessenheit geraten.


2