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Kultserie feiert Comeback Alle lieben "Twin Peaks" - zurecht?

David Lynchs Mystery-Serie "Twin Peaks" ist Kult. Autorin Maria Fedorova hat es geliebt, all die Symbole und Popkulturzitate zu entschlüsseln. Nun ist "Twin Peaks" wieder da - doch Maria versteht die Welt nicht mehr. Was ist da los?

Von: Maria Federova

Stand: 24.05.2017

Twin Peaks: Die erste Staffel der Serie war im Frühjahr 1990 einer der größten Quoten-Hits im US-Fernsehen | Bild: picture-alliance/dpa

Es ist Dienstag der 23. Mai 2017 und wir fahren zurück in die nebelige Stadt Twin Peaks. Man sieht sich wieder, genauso wie es die verstorbene Schönheitskönigin Laura Palmer am Ende der zweiten Staffel versprochen hat: „We will see each other in 25 years.“

25 Jahre später erleben Serien ihr goldenes Zeitalter – und „Twin Peaks“ war ihr Wegbereiter. Der 90er-Jahre Klassiker „Akte X“, die Bestatter-Serie „Six Feet Under“ oder neue Produktionen wie „Stranger Things“ - morbide Geschichten, absurder Humor oder mystische Thriller feiern Erfolg, alles dank „Twin Peaks“.

Twin Peaks, 25 Jahre später

Die Frage „Who killed Laura Palmer“ wurde zum Küchengespräch, zum neuen „Who killed JFK“. Der jungen Generation - auch ich, die die Serie als DVD-Box kaufte - wurde „Twin Peaks“ sofort als ein intellektuelles Gesamtkunstwerk serviert: Der Mordfall war nicht mehr so wichtig. Es machte Spaß die unzähligen Symbole und Pop-Zitate zu entschlüsseln. Man lauschte dem Soundtrack und identifizierte sich mit der Ästhetik.

Expliziter Sex statt suggestiver Erotik

In der neuen Staffel kommt die Welt des Mystischen wieder in Berührung mit der Welt der Menschen. Doch 2017 verlassen die bösen Geister Twin Peaks und verteilen sich über die gesamten USA. Statt einem Mord, der der Auslöser für die weitere Geschichte war, gibt es jetzt gleich drei Leichen. Eine Bibliothekarin wird in der eigenen Wohnung in South Dakota tot aufgefunden. Und in New York tötet ein Monster ein junges Pärchen in einer Art Untergrundlabor.

Die Eleganz und Schönheit der Kleinstadt Twin Peaks mutiert in den neuen Folgen zum Hyper-Trash. Die suggestive Erotik des Originals wird zum expliziten Sex. Statt der Leiche von Laura Palmer, die an ein klassisches Gemälde erinnert, sieht man demolierte Körper. Special Agent Dale Cooper hat sich auch verändert: Nach den vielen Jahren in der Geisterwelt kommt er mit der Realität nicht zurecht. Außerdem schleicht sich sein böser Doppelgänger durch die Gegend und es gibt eine dritte Reinkarnation von Cooper namens Dugy.

Wartet mal, wer zum Henker ist dieser Dugy???

Das ist eine von vielen unzähligen Fragen, die man sich stellen könnte. Aber man hat keine Chance die Geheimnisse zu entschlüsseln: Bild reiht sich an Bild, es gibt keine strukturierte Handlung mehr. David Lynch ist Mitglied der Sekte Transzendentale Meditierer. Die neuen „Twin Peaks“-Folgen wirken, als drifte David Lynch allmählich in esoterische Welten ab. Ein weiter Grund, die Suche nach tieferer Bedeutung aufzugeben.

"Ich sage immer, dass die Menschen Detektive sind und dass sie Geheimnisse mögen. Wir versuchen gerne herauszufinden, was vor sich geht. Die ganze Welt ist voller Geheimnisse."

David Lynch

„A complete furnished world“

Bei den ersten beiden Staffeln funktionierte diese Lynch-Parole noch. Je tiefer man in die Geschichte eingetaucht ist, umso mehr menschliche Abgründe und Geheimnisse kamen zum Vorschein. Der italienische Philosoph Umberto Eco hat Serien wie „Twin Peaks“ einmal als „a complete furnished world“ bezeichnet - eine komplett eingerichtete Welt, die dich reinsaugt. Mit den neuen Folgen wird das nicht passieren: Sie sind die Visualisierung von Lynch-Fantasien, die in erster Linie für ihn selbst relevant sind. Ein experimenteller Film, ohne Message oder aber mit so vielen Messages, das man keine mehr versteht. Aber vielleicht ist das auch egal, oder um es mit David Lynch auszudrücken:

"Ich verstehe nicht, warum Menschen erwarten, dass das Kunstwerk irgendeinen Sinn ergeben soll. Sie akzeptieren doch auch die Tatsache, dass das Leben sinnlos ist."

David Lynch

Ich schaue die Staffel weiter: Weil es ein interessantes filmisches Experiment ist. Weil ich mich dabei ertappe, wie ich bei manchen Dialogen wirklich lachen muss. Aber: Ich werde nicht traurig sein, wenn es vorbei ist. Denn zu viel Eso-Kitsch kann auch ziemlich nervtötend sein...


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