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Der Film "Sun Ra - Space is the Place" Warum wir wieder über Afrofuturismus reden sollten

Was heute "Black Lives Matter" ist, war früher "Black Power". Und was heute Kedrick Lamar ist, war früher der Jazz-Pianist und Big-Band-Leader Sun Ra. Der Film "Sun Ra - Space is the Place“, eine Mischung aus Spiel- und Konzertfilm, wurde restauriert - ein erstaunlich relevanter Grundkurs in Afrofuturismus.

Von: Roderich Fabian

Stand: 03.07.2017

Sun Ra Konzert | Bild: picture alliance / Jazzarchiv

Es ist unerlässlich, sich das Jahr 1972 in Amerika vorzustellen, in dem dieser Film entstand. "Tricky Dick", also Richard Nixon, war Präsident, der Vietnamkrieg tobte noch unvermindert, die schwarze Bürgerrechtsbewegung hatte schwere Rückschläge hinnehmen müssen, vor allem durch die rabiate Zerschlagung der militanten Black Panthers. Der Afrofuturismus war als Begriff noch gar nicht erfunden, wurde aber als Mischung aus Widerstand und Eskapismus schon heftig praktiziert.

Die Idee hinter der Utopie war: Die Afro-Amerikaner wandern aus den USA aus, nicht nach Afrika, sondern auf einen neuen Planeten, in dem sie in Frieden und ohne Weiße eine bessere und gerechtere Welt aufbauen können, die Wut und Frustration hinter sich lässt. Am Anfang des Films sehen wir Sun Ra, wie er - gekleidet wie ein ägyptischer Sonnengott, über eben diesen Planeten wandelt und genau diese Utopie beschreibt.

"Planet Earth’s the sound of guns, anger, frustration."

Im Folgenden landet der Außerirdische auf der Erde, um sein Volk abzuholen. Allerdings muss er die Leute erst überzeugen. Wir sehen die afro-amerikanische Community der frühen 70er. Im Community Center hängen noch die Plakate der Black-Panther-Anführer Huey Newton und Bobby Seale. Aber Sun Ra bietet seine Alternative für den bewaffneten Kampf an, der ja nicht viel gebracht hat. Im Film hat er einen schwarzen Gegenspieler, den sogenannten "Overseer".

Sun Ra Schallplattencover "Universe in Blue"

Das ist ein Hustler, ein Zocker, der sich mit dem System arrangiert hat. Er ist im Grunde genau das, wofür heute viele Rapper stehen: ein Weiberheld, der mit seinem dicken Auto durch die Neighborhood fährt und ja zum Kapitalismus sagt. Unterwegs spricht er junge Leute an, um gegen Sun Ra zu agitieren und dessen Glaubwürdigkeit zu untergraben: "You mean you tell me you, a smart little brother like you, believes in that shit? I mean, here comes this dude from outer space wearing clothes you never seen before, leaning on a rap you never heard and you can’t even relate to it." - "Da kommt dieser Typ aus dem Welltall, in Kleidung, die du vorher noch nie gesehen hast, redet Zeugs, dass du noch nie gehört hast und zu dem du gar keinen Bezuig hast."

"If you are fearful you will die in your fear"

Die Jugend lässt sich in diesem Film nicht so leicht blenden, wie überhaupt der ganze Film einen positiven Drive hat: Es gibt eine Rettung aus dem rassistischen Dilemma, sagt "Space is the Place": Beschäftigt euch nicht mehr länger mit den weißen Vorgaben, sondern glaubt konsequent an die eigene kulturelle Identität. Aber hinter den utopischen Vorstellungen sitzt ein humorvoller Realismus, den Sun Ra in diesem Film immer wieder aufscheinen lässt. Verlangen wir das Unmögliche, fordert er hier, um das Notwendige zu bekommen. Der 80-Minuten-Film klingt aus mit einem Mitschnitt eines Konzerts des Sun-Ra-Arkestras, wo Sun Ra an der Seite von Sängerin June Tyson seine Thesen poetisch formuliert.  

Klar, dass "Space is the Place" eher als historisches Dokument funktioniert denn als gediegene Kino-Unterhaltung. Nicht nur die Klamotten und die Haare hier sind schwer von gestern, sondern auch die trashigen Anleihen an die schwarzen Exploitation-Krimis à la "Shaft" und "Superfly", die Anfang der 70er ja in Mode waren. Aber man erfährt hier eben viel über die Roots sowohl von Denkern wie Kendrick Lamar als auch von Gangstern wie Snoop Dogg. Und auch, dass der immerwährende Kampf der Realos gegen die Fundis keine Erfindung der Grünen war.


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