Bayern 2 - Zündfunk

Neuer Weingartner-Film Ganz unten

Die fetten Jahre sind vorbei, folgt mit "Die Summe meiner einzelnen Teile" ein geradezu minimalistischer Film. Es geht um einen Mathematiker, den der Alkohol in eine Penner-Existenz zwingt - erträglich wird das nur mit Fantasie.

Autor: Roderich Fabian Stand: 02.02.2012
Szene aus "Die Summe meiner einzelnen Teile" | Bild: picture-alliance/dpa

Vom schönen Bayern aus betrachtet, wirkt dieser Film zunächst mal wie der Blick in eine fremde Welt: Das Berlin, das uns Hans Weingartner zeigt, ist das der stehengebliebenen Abbruch-Häuser, der schäbigen S-Bahnhöfe und der kargen Umgebung, die früher einmal "DDR" hieß. An solchen Orten hält sich Martin auf, notgedrungen. Martin wird am Anfang des Films aus der Psychiatrie entlassen, wo er einen Alkohol-Entzug durchziehen musste. Nun geht er zu seiner alten Firma und hofft darauf, wieder seinen ehemaligen Job aufnehmen zu können. Aber der Abteilungsleiter zerstört Martins Illusionen.

"Ihre fachliche Qualifikationen sind unbestritten. Sie sind einer der besten Mathematiker, die wir je hatten. - Aber Sie haben mir doch vor drei Monaten gesagt, dass ich hier wieder anfangen kann, wenn ich gesund bin. - Ja, das habe ich getan: Ich sagte, ich werde mein Möglichstes tun. Ich habe mich im Unternehmen sehr für Sie eingesetzt - aber es gibt hier eben starke Vorbehalte gegenüber Ihrer Belsastbarkeit."

Szene aus dem Film

Märchen und Realität: In Hans Weingartners Film ist vieles symbolisch

Improvisierte Dialoge geben der "Summe meiner einzelnen Teile" noch mehr Authentizität. Man kann diesen Film also neorealistisch nennen, so wie die italienischen Problemfilme der 50er Jahre, wo es ja immer um Einzelschicksale als Beispiel für eine verrohte Gesellschaft ging. Nach dem Vorstellungsgespräch geht es entsprechend wieder abwärts mit dem eigentlich ja so talentierten Mathematiker.

Martin fängt in seiner Sozialwohnung erneut zu saufen an und landet schnell wieder auf der Straße. Aber er bleibt ein Einzelgänger, dockt nicht an die Berliner Penner-Szene an. Seine einzige wirkliche Bezugsperson ist schließlich ein Siebenjähriger Ukrainer, der nach dem Drogentod seiner Mutter ebenfalls auf der Straße lebt. Martin kann sich mit dem Kleinen nur mit Händen und Füßen verständigen.

Migranten-Szene und Prekariat

Die beiden Außenseiter stehen natürlich für etwas - schließlich haben wir es mit einem Hans-Weingartner-Film zu tun. Der Junge steht für die nicht integrierte, vernachlässigte Migranten-Szene in Deutschland. Und Martin steht für die ins  Prekariat verdrängte Mittelschicht. Gemeinsam sind sie vielleicht stärker.

Deswegen bauen sie sich eine Hütte im Brandenburgischen Wald und leben dort eine Weile wie Robinson und Freitag. Doch Martin wird eingholt, von den Behörden und von seiner Sozialarbeiterin, die der Meinung ist, den kleinen Jungen habe sich Martin nur eingebildet.

Protagonist Martin gerät in arge Selbstzweifel

"Die Summe meiner einzelnen Teile" ist eine seltsame Mischung aus realistischer Abbildung der untersten Unterschicht und einer Art Märchen, das sich erst am Schluss auflöst. Letztlich ist alles hier symbolisch. Dass ein Mathematiker, also ein Mann der Logik, sich derartig im Surrealen verfängt, dass ihm letztlich niemand helfen kann, auch er selbst nicht, das soll uns sagen: Rational lässt sich die Entwicklung dieser Gesellschaft nicht begreifen.

Dank des großartigen Schauspielers Peter Schneider bleibt Martins tragische Geschichte aber derartig packend, dass man den ganzen didaktischen Überbau oft vergessen kann, dann nämlich ist "Die Summe meiner einzelnen Teile" das, was es sein sollte: Reines Kino.