Die DVD "Our Day will come" Amok laufend
Romain Gavras ist in Frankreich ein Pop-Star. Er verdankt das vor allem zwei Musik-Videos: 2008 das verstörende „Stress“-Video für die Band Justice, bei dem eine marodierende Gang eine Spur der Verwüstung hinterlässt. 2010 folgte das Video zu dem M.I.A.-Song „Born free“, das drastisch eine Hetzjagd auf rothaarige Menschen zeigt. Nun hat Gavras seinen ersten Spielfilm gedreht, der das Thema „Rothaarige als verfolgte Minderheit“ erneut aufgreift. Und zwar so heftig, dass der Film in Deutschland morgen nur auf DVD erscheint.
Die Musik in „Our Day will come“ steht nicht im Vordergrund. Musiker des führenden Pariser Electro-Labels „Ed Banger Records“ haben Romain Gavras nicht mit fetten Beats, sondern mit Streicher-Arrangements unterstützt, gelegentlich kommt auch mal ein Klavierkonzert von Rachmaninoff zum Einsatz. Die Musik unterstreicht also den Hang zur Dramatik, der dem ganzen Film eigen ist.
Die Hauptfiguren sind zwei rothaarige Männer: Der völlig verunsicherte Abiturient Rémy, der wegen seiner Besonderheit ständig gehänselt und unterdrückt wird, und sein Psychiater Patrick, der mit allerlei Tricks versucht, seinem Schützling mehr Selbstvertrauen zu verschaffen. So tritt er mit Remy im Schlepptau auf eine Gruppe von Jugendlichen zu in der Absicht, Remy endlich mal eine Freundin zu besorgen.
Der Psychiater ist das genaue Gegenteil von Remy, ein rotzfrecher Draufgänger. Gespielt wird er folgerichtig von Vincent Cassell, der seit dem Film „La Haine/ Hass“ von 1995 immer wieder den anarchistischen Staatsfeind Nummer eins gibt.
Cassell dominiert den Film mit seiner Power dann auch voll und ganz. Und er versucht, Remy mitzureißen.
Der junge Mann sieht irgendwann ein Plakat, das für Urlaub in Irland wirbt. Darauf: lauter rothaarige Menschen. Da will Remy unbedingt hin. Psychiater Patrick erkennt in diesen Fluchtgedanken zunächst mal Feigheit vor dem Feind.
„Our Day will come“ verwandelt sich nun in ein Road Movie. Die beiden Männer verlassen das Provinzkaff, aus dem sie kommen, und reisen in Richtung Atlantik-Küste. Unterwegs gelingt es Patrick allmählich, das aufständische Potential von Remy zu wecken.
Der Film erinnert hier oft an das französische, revolutionäre Kino der 70er Jahre, als in Filmen wie „Das Große Fressen“ oder „Trio Infernal“ die bürgerliche Gesellschaft in chaotischen Exzessen unterging. Im Vergleich mit diesen Vorbildern hält sich „Our Day will come“ inhaltlich jedoch zurück, d.h. hier hagelt es keine krassen Szenen voller Gewalt und Exkremente.
Romain Gavras geht es eher um das Spannungsverhältnis zwischen den Generationen. Der Psychiater hat nur die pure Destruktion der bestehenden Ordnung im Sinn, während der junge Remy noch lange auf Erlösung, auf Fortschritt hofft.
Natürlich mündet der Film in einem destruktiven Amoklauf. Und das ist auch die Botschaft von Romain Gavras, der ganz offenbar nicht auf eine Verbesserung der Lage für Randgruppen und Minderheiten hofft. Anders als sein Vater, Constantin Costa-Gavras, dessen Filme immer gesellschaftlichen Wandel forderten, hat der 31-jährige Sohn alle Hoffnung fahren lassen. In diesem Film geht’s nicht mehr um das Lösen von Problemen, sondern nur noch darum, ein bisschen Dampf abzulassen.

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