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Neu im Kino: Nocturama Wie entsteht Terror?

"Nocturama" ist eine gelungene Parabel. Der französische Regisseur Bertrand Bonello beschäftigt sich in "Nocturama" mit der Frage: Wie entsteht Terror? Ein verstörender und faszinierender Film über junge Attentäter.

Von: Roderich Fabian

Stand: 17.05.2017

Nocturama: Frau mit Goldener Maske im Spiegelbild | Bild: Carole Bethuel

Das erste Drittel von "Nocturama" zeigt eine konzertierte Aktion. Ein rundes Dutzend junger Leute bewegt sich an verschiedenen Stellen durch Paris. Man redet nicht viel, tauscht heimlich Informationen aus, schickt Whatsapps, wirft sich ernste Blicke zu, wirft Handies weg - ganz klar: Wir haben es hier mit einer Verschwörung zu tun. Die haben etwas Fieses vor, alle wirken hochkonzentriert. In Rückblenden wird uns das Leben dieser Leute näher gebracht. Es gibt Studenten unter ihnen, Bankangestellte, Security-Leute und auch Arbeitslose.

Ein etwas älterer Mann spricht zwei von ihnen im Warteraum des Arbeitsamtes an. Es ist schnell klar, wofür er sie rekrutieren will: eine terroristische Aktion.

Die hier vorgestellten Leute sind irgendwie ein Querschnitt durch die französische Jugend: Klug, gut ausgebildet, gelangweilt, frustriert und ohne Perspektive, mit und ohne Migrationshintergrund - alle sind jedenfalls höchst sympathisch, das gibt uns Regisseur Bonello mit auf den Weg. Trotzdem hat der Mittdreißiger, der die Gruppe zusammenführt, leichtes Spiel, aus der Gruppe eine Terrorbande zu machen. Und er verfügt über den nötigen Sprengstoff.

Klug, gut ausgebildet, frustriert

"Nocturama" ist eine gesellschaftlich-politische Parabel. Die Pariser Gegenwart erscheint als spätkapitalistisches System, gegen das kein Kraut gewachsen ist, obwohl die Beweise für dessen Ungerechtigkeit auf der Hand liegen. Das ist die Motivation der Attentäter. In der Mitte des Films explodieren dann an verschiedenen Stellen der Stadt diverse Bomben. Die koordinierten Anschläge richten sich eher gegen Sachen und Gebäude als gegen Menschen, sind aber spektakulär, ein Medienereignis. Doch die Attentäter haben auch für die Zeit danach geplant. Sie verstecken sich in einem Luxus-Kaufhaus in der Innenstadt, wo die übrigen zwei Drittel des Filmes spielen. Ein Mitverschwörer arbeitet im Security-Team des Kaufhauses.

Konsum als Zuflucht

Es ist natürlich kein Zufall, dass "Nocturama" in einem Kaufhaus spielt. Ähnlich wie die Zombies in George Romeros Klassiker "Dawn of the Dead" gehen die Attentäter zu einem Sehnsuchtsort, zu einem Konsum-Tempel. Denn natürlich sind sie Kinder ihrer Zeit, wollen geile Klamotten und elektronische Gadgets, mit denen sie in der Nacht dann auch spielen.

Sie fühlen sich sicher, bis zwei von ihnen im Fernsehen sehen, dass das Kaufhaus inzwischen in den Fokus der Polizei gerückt ist. Was im Folgenden geschieht, wollen wir nicht verraten, aber natürlich liegt auf der Hand, wie die Rache der Enterbten ausgehen wird. Regisseur Bertrand Bonello ist hier ein spannender, intensiver und höchst ungewöhnlicher Film gelungen. Und obwohl es nach Ende des Films viel zu diskutieren gibt, bleibt auf jeden Fall die Erkenntnis, dass wir in einer bizarren Zeit mit scheinbar unauflösbaren Widersprüchen leben, die eine ganze Generation um ihre Zukunft betrügt.


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