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Der neue Film von Darren Aronofsky "mother!" - ein abstoßender, aber unfassbar spektakulärer Film

„Der Mensch ist schlecht“ sagt uns Darren Aronofsky („Requiem for a Dream“) mit seinem neuen Film und schickt seine aktuelle Freundin - Jennifer Lawrence - auf einen Horror-Trip in ländlicher Umgebung. Der Film ist aber weit mehr als ein „Haunted House“-Gemetzel, sondern ein diskutabler Kommentar zum Zeitgeist - nicht empfohlen für Schwangere und zart-besaitete Gemüter.

Von: Roderich Fabian

Stand: 13.09.2017

Szene aus Darren Aronofskys neuem Film "Mother" mit Jennifer Lawrence und Harvier Bardem | Bild: Paramount

Der ganze Film spielt in einem einsamen, alten Landhaus. Dort lebt ein Paar in scheinbarer Idylle. Er - Javier Bardem - ist ein prominenter Schriftsteller mit Schreibblockade. Sie - Jennifer Lawrence - ist eigentlich viel zu jung für ihn. Sie ist erfüllt von der Aufgabe, das historische Haus wieder herzustellen und hat das erforderliche, handwerkliche Geschick dafür. 

Es ist von Anfang an klar, dass wir es bei „mother!“ nicht mit einer Romantic Comedy zu tun haben. Denn die Stimmung ist düster. Sie - sie hat keinen Namen - ist irgendwie krank, muss ständig ein Mittelchen einnehmen. Und sie hat ständig Angst, vor undefinierbaren Geräuschen und kryptischen Visionen, die sie heimsuchen. Haben wir es hier tatsächlich mit einem „Haunted-House“-Film zu tun, dem abgenudeltsten aller Horror-Themen? Kann nicht sein, dies ist ein Darren-Aronofsky-Film! Vielleicht ist es so etwas wie „The Shining“ - Schriftsteller mit Schreibblockade, der allmählich durchdreht… Aber Javier Bardem wirkt eigentlich die ganze Zeit so, als ob er seine Sinne beieinander halten kann. Das Unheil kommt dann auch von außen. Ein alter Mann klingelt an der Tür, offenbar ein Fan des Schriftstellers. Und dieser empfängt den Gast mit offenen Armen, zur Verwunderung seiner Frau.

Eine neue Version von „Rosemary’s Baby“?

Jennifer Lawrence und Javier Bardem im Film "mother!"

Der Gast - Ed Harris - ist todkrank und ziemlich eklig, aber der Schriftsteller - auch er hat keinen Namen - kümmert sich rührend um ihn und auch um dessen Frau - gespielt von Michelle Pfeiffer - die bald darauf eintrifft. Könnte es sich bei „mother!“ vielleicht um eine neue Version von „Rosemary’s Baby“ handeln: Der Ehemann verbrüdert sich mit Fremden gegen die eigene Frau - der perfekte Alptraum! Die Gäste - es werden immer mehr - verhalten sich jedenfalls ziemlich unverschämt. Sie beginnen, Dinge kaputt zu machen, Grenzen zu überschreiten, in das Privatleben des Paares einzudringen, als ob das ihr gutes Recht wäre. Und die düster abgelebte Michelle Pfeiffer gibt der jungen, irgendwie unbefleckten Jennifer Lawrence ungebetene Ratschläge - zum Beispiel, sie solle doch Kinder kriegen: "Dann erschaffen Sie gemeinsam etwas. Hier, das ist alles nur Kulisse."

Tatsächlich ist das Haus nur die Bühne für Darren Aronofskys ganz großes Theater, das mit Beginn der zweiten Stunde derartig abdreht, wie man es selten in einem Hollywood-Film gesehen hat. Mit Jennifer Lawrence Mutterschaft beginnt der Regisseur nun seine ganz große Abrechnung: Mit der menschlichen Eitelkeit, mit den Verheißungen der Religionen, mit der Sackgasse, in die wir uns alle längst verrannt haben. „mother!“ wird von einem Kammerspiel zu einer große Oper mit Pauken und Trompeten.

Lars Von Triers amerikanischer Bruder im Geiste

„Mama mia, let me go“  wird sich da mancher denken, denn der Regisseur setzt immer noch einen drauf, wenn man denkt, dass es jetzt genug ist. Das kann man verstiegen und auf jeden Fall sehr abstoßend finden, aber „mother!“ ist ganz einfach unfassbar spektakulär, ein Film, zu dem man sich verhalten muss, so erklären sich dann auch der Jubel und die Buhrufe bei der Premiere. Und spätestens jetzt steht fest: Lars Von Trier hat endlich einen amerikanischen Bruder im Geiste gefunden: Darren Aronofsky - Mama Mia!


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