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Im Kino: "Good Time" Das amerikanische Imperium ist im Begriff, unterzugehen

Good Times für die Safdie Brothers: Ihr Film "Good Times" läuft bei uns im Kino an. Ein White Trash-Thriller mit Robert Pattinson in der Hauptrolle. Das Setting erinnert an die realistischen New-York-Thriller des frühen Martin Scorsese.

Von: Roderich Fabian

Stand: 03.11.2017

Robert Pattinson in "Good Time" | Bild: A24 / Everett

"Twilight“ bedeutete den Durchbruch für seine beiden Hauptdarsteller: Kristen Stewart spielte in anspruchsvollen Art-House-Filmen mit, Robert Pattinson hatte bislang aber keine so glückliche Hand bei der Filmauswahl. Vielleicht deshalb kommt Pattinson nun mit einem echten Indie-Film um die Ecke: "Good Time" von den New Yorker Safdie Brothers.

Der Film startet mit einer grandiosen, authentisch wirkenden Szene: Ein Typ Marke Berufsboxer, ganz offenbar mit einer geistigen Behinderung, hat eine Sitzung bei einem Psychologen. Der versucht, seinem Patienten mit einigen Wortspielchen auf den Zahn zu fühlen:

"Was bedeutet diese Redewendung für Sie: 'Du solltest nie über ungelegte Eier reden.'"
"Du sollst nicht reden."
"Okay."
"Was schreiben Sie da auf?"
"Wissen Sie, der Grund, warum ich Ihnen diese Fragen stelle, ist: Ich muss aufschreiben, was Sie antworten."
"Aber warum schreiben Sie das auf?"
"Ich sag’s Ihnen doch - nur für den Fall, dass ich es vergessen sollte."
"Ich will aber nicht, dass Sie über mich reden, nachdem ich hier war!"

Der Typ namens Nick Nikas hat wohl eine Art Autismus, er ist unsicher und immer leicht aggressiv. Überzeugend gespielt wird Nick von Benny Safdie. Der und sein Bruder Josh haben diesen Film realisiert. "Good Time" ist der vierte Spielfilm der Safdie Brothers aus New York, aber der erste, der bei uns regulär ins Kino kommt. Die Safdie Brothers erinnern in ihrer Art weniger an die Coen Brothers und mehr an die Arbeiten des frühen Martin Scorsese, an Filme wie "Hexenkessel" oder "Taxi Driver", die in der kleinkriminellen Subkultur von New York City spielten - genauso wie "Good Time" es tut.

Der erste Film der Safdie Brothers, der bei uns ins Kino kommt

Dass "Good Time" bei uns einen Kino-Start hat, liegt auch an dessen Hauptdarsteller: Robert Pattinson, berühmt geworden durch die "Twilight Saga". Der spielt Nicks Bruder Connie. Die beiden haben gerade einen dilettantisch-durchgeführten Banküberfall hinter sich. Nick wurde verhaftet, Connie konnte entkommen. Und er setzt alles daran, seinen Bruder aus dem Knast zu holen. Zunächst versucht er das auf reguläre Art: Er will Geld auftreiben, um die Kaution zu bezahlen und versucht sein Glück bei einer ebenfalls ziemlich durchgeknallten Freundin, die noch bei ihrer Mutter lebt.

"Mein Bruder wurde verhaftet und sitzt auf Ryker’s Island."
"Oh mein Gott, das ist ja furchtbar!"
"Ja, allerdings! Ich muss ihn da rausholen, bevor was Schlimmeres passiert! Sie könnten ihn da drin töten. Was die Kaution angeht, bin ich etwas klamm."
"Was heißt etwas? Werden schon ein paar Tausend sein."
"Du hast doch die Kreditkarte von deiner Mutter, und ich dachte: Vielleicht kann die uns …"

Robert Pattinson spielt einen Mann, der nicht lange fackelt und immer sofort zu Plan B, C oder D übergeht, wenn irgendwas nicht klappt. Da sich das mit der Kaution als totales Desaster erweist und sein Bruder im Knast inzwischen schwer vermöbelt wurde, entschließt er sich, Nick aus dem Krankenhaus zu entführen. Und es gelingt ihm tatsächlich, einen komplett bandagierten Mann rauszuholen. Aber als sich die beiden bei einer Zufallsbekanntschaft verstecken, erleben Connie und auch der Entführte eine ziemliche Überraschung. 

"Was ist hier los? Warum habe ich Handschellen an?"
"Du warst im Krankenhaus an dein Bett gefesselt. Ich hab den Falschen rausgeholt. Ich wollte meinen Bruder … Ich hab’s verkackt. Tut mir leid, aber es war so: Ein Bulle war vor deinem Zimmer, und du bist der Falsche."
"Was - um Gottes Willen - soll ich jetzt tun?"
"Du kannst tun, wozu du Lust hast, außer hier rumzubrüllen und dafür zu sorgen, dass ich hier rausflieg!"

Das Porträt eines Losers, lustig und abgründig zugleich

Wer jetzt denkt, "Good Time" wäre eine Krimi-Komödie, liegt aber falsch. Der Film ist eher das Porträt eines Losers, der zwar diverse amerikanische Träume träumt, aber nie genug darüber. Und die meisten der vielen Menschen, denen Connie begegnet in dieser einen Nacht, in der der Film spielt, sind genauso drauf. Wir erleben eine Stadt, wo jeder dem schnellen Geld hinterherläuft, keinerlei moralische Bedenken hat und niemals die Konsequenzen des Handelns ins Auge fasst.

Mit einem Wort: Connie und die meisten anderen in "Good Time" sind wie Donald Trump. Das ist lustig und abgründig zugleich, denn dieser rastlos-durchgepowerte Indie-Film macht uns klar, dass das amerikanische Imperium längst im Begriff ist, unterzugehen. Und der düstere Elektro-Soundtrack von Großmeister Oneohtrix Point Never rundet das Ganze auf böse Weise ab. Man wird noch einiges hören von den Safdie-Brothers.


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