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Tiger-Girl-Regisseur Jakob Lass "Ich will ein wildes und gefährliches Kino"

Das deutsche Kino wird wieder wild: Jakob Lass macht Filme ohne doppelten Boden. Die Schauspieler haben keinen festen Text, Lass entwickelt den Film erst während des Drehs. Jetzt kommt sein neuer Film Tiger Girl in die Kinos. Wir haben ihn getroffen und gefragt: Wie macht er das?

Von: Roderich Fabian

Stand: 06.04.2017

Jakob Lass, Regisseur von "Tiger Girl" | Bild: BR

Love Steaks, so hieß das Erstlingswerk von Jakob Lass. Ein wilder Film, der in einem Luxushotel spielt. Jetzt geht es raus auf die Straße. Sein neuer Film heißt "Tiger Girl" und handelt von einem Mädchen, das sich durch Berlin prügelt. Die Gemeinsamkeit beider Filme: beide sind zu großen Teilen impovisiert.

Zündfunk: Wie sieht ein Drehbuch für einen deiner Filme aus?

Jakob Lass: Es ist sehr reduziert. Ich nehme nur die wichtigsten Szenen für den Film und die fasse ich in wenigen Sätzen zusammen.

Also Tiger streitet mit Vanilla darum, dass sie gerade eine Frau auf der Straße geschlagen hat.

Genau, zum Beispiel. Oder: Tiger begegnet Vanilla im Supermarkt und danach bemerkt Vanilla, dass sie Kekse zugesteckt bekommen hat. Die Momente, wo ich denke: Da wendet sich die Geschichte, da entwickeln sich die Figuren weiter. Und darüber versuche ich dann die Dramaturgie im Griff zu haben. Das gibt dem Film Halt und Struktur. Aber die Momente und die einzelnen Dialoge, die Freiheit im Dreh darauf zu reagieren, was sonst so noch passiert, das wird dadurch erst möglich.

Aber du weißt vor dem Dreh schon, wie die Geschichte insgesamt verlaufen soll, oder? Du hast ein Anfang und ein Ende, Eckpunkte, plot points und so weiter. Das steht schon fest?

Ja, unbedingt. Darüber will man während eines Drehs auch nicht mehr nachdenken müssen. Das wäre zu viel. Und darüber will man sich ja auch mit allen einig sein.

Ist es dir schon mal während eines Drehs passiert, dass du gemerkt hast: Oh diese Geschichte entwickelt sich in eine andere Richtung, jetzt ändere ich da noch mal was?

Klar. Aber ich versuche immer der Grundidee treu zu bleiben. Wenn man seine Grundidee infrage stellen würde während eines Drehs, dann bricht es auseinander. Aber klar, ich folge schon dem, was sich mir anbietet und was die Schauspieler auch mitbringen. Oder was auch sonst entsteht oder an diesem Tag das Besondere ist. Ich kann auf so viel reagieren: Auf das Wetter oder auf die dokumentarischen Situationen, in denen wir sind.

Wie viele Takes verbrauchst du pro Szene? Gibt es Szenen, die du dutzende Male drehst, bis du sagst: Es passt?

Ja. Nur: Ich wiederhole es nicht im klassischen Sinne. Das würde nicht funktionieren. Ich variiere es immer wieder. Ich drehe es immer wieder ein bisschen anders und versuche da neue Impulse reinzubringen, sodass kein Take dem anderen ähnelt. Ich geb den Schauspielern oft geheime Anweisungen, die dann die anderen nicht wissen und versuche die so in Konflikte zu treiben.

Großstadtgeflüster macht die Musik, die ja eine Sehnsucht nach einer wilden Stadt versprühen. Ist bei dir die Sehnsucht da, dass Deutschland gefährlicher und wilder sein könnte?

Mir geht’s eigentlich nur um’s Kino. Ich will ein wildes und gefährliches Kino. Das ist eine innere Wirklichkeit, die da abgebildet wird, keine äußere. Es geht um Sehnsüchte, um Ängste, die wir haben. Und um Fantasien, Träume.

"Love Steaks", dein erster Film, war ja ein Indie-Projekt. Jetzt hast du es zu tun mit der Constantin Film, da sind als Produzenten Martin Moszkowicz dabei und Oliver Berben, das ist eine ganz andere Liga, mit der du es zu tun hast. Inwiefern ändert das deinen Film?

Ich würde sagen: gar nicht. Es macht ihn möglich. "Love Steaks" konnten wir nur machen, weil wir alle Studenten waren. Und weil wir alle für unseren Lebensunterhalt schon vorgesorgt hatten, entweder durch Bafög oder durch unsere Eltern. "Love Steaks" komplett ohne Förderung zu produzieren war eine bewusste Entscheidung. Weil wir dachten, dass wir das so einfach schneller hinkriegen. Denn schon in der Hochschule wurde uns nicht viel Vertrauen entgegen gebracht für die Methode.  Das hat sich ja jetzt geändert mit dem Beispielfilm.

Jetzt hast du es aber mit professionellen Produzenten zu tun, die wollen auch, dass der Film Kasse macht. Inwiefern nehmen die Einfluss auf die Herstellung des Films?

Kaum bis gar nicht. Wir haben alle künstlerischen Freiheiten gehabt, die wir haben wollten, und bauen jetzt sehr auf die Verleihexpertise. Und hoffen, dass der Film sein Publikum findet.

Ich vergleiche es mal mit einem Indie-Musiker, der auf seinem eigenen Label Erfolg hat. Irgendwann kommt dann Warner Bros. oder Sony und sagt: So, jetzt dürft ihr bei uns ein Album machen. Dann steigt ja auch der Druck auf die Band.  Denn jetzt muss es mal so richtig knallen. Hat das bei dir im Hinterkopf mitgespielt, dass du dachtest: Jetzt muss ich aber mal liefern?

Der Druck ist ein innerer, das hat nicht so viel damit zu tun. Sondern, dass ich für mich mich weiterentwickeln wollte und Erwartungen an mich selber hatte. Das ist natürlich schwierig nach einem Film wie "Love Steaks" zu sagen: Ich will alles, was ich damals gut gemacht habe wiederholen und trotzdem einen ganz neuen Film machen. Das sind die eigenen Ansprüche, die einen da unter Druck setzen.

Tiger Girl läuft ab dem 06. April 2017 im Kino.


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