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Zum Start der zweiten Staffel Fünf Gründe, warum "Stranger Things" die Achtziger wieder hip macht

Sie waren so durch, so Therme Erding, so Dauerwelle, ausgelutscht: die Achtziger. Dann kam die Netflix-Serie "Stranger Things". Mit ihrem Nostalgie-Retro-Chic hat sie Millionen vor die Glotze geholt und dem Jahrzehnt wieder Coolness eingehaucht.

Von: Alba Wilczek und Michael Bartle

Stand: 30.10.2017

Stranger Things Still | Bild: Netflix

1. Runaway: Der Soundtrack mit dem dünnen Schnauzer in der Fresse

In der siebten Episode der zweiten Staffel fahren die "Stranger Things"-Macher den musikalischen Elchtest: Der Score wagt sich endgültig aus der Achtziger Jahre-Komfortzone in die Achtziger-No-Go-Area: Bon Jovi! B-O-N fckn J-O-V-I ! Wie peinlich! Und noch peinlicher: Wir finden, Runaway kommt richtig gut! Das Keyboard! Der Schlag! Uuuh-living in another world-pling-pläng-Uuh-she's a little runaway - uuh-Daddy's girl learned fast. Unser Haar: sowas von geschüttelt!

In der ersten Folge haben wir ja noch schwer geschluckt, als Vokuhila-Billy, the new kid in town, der "was hat der für einen dünnen Schnauzer"-Billy aus seinem Auto "Rock You Like A Hurricane" heraus dröhnen lässt. SCORPIONS. Oida, SCORPIONS! Und dann werden die ganzen Achtziger durchdekliniert: "Whip it" von Devo, eh lässig klar. Rares wie Oingo Boingo oder die Psychedelic Furs, wie schön! Und am Ende ganz viel Halb- und Unmögliches: Mötley Crue, Toto, Pat Benatar. Allerspätestens bei Ghostbusters drehen wir die Scheiben runter, lehnen den Ellbogen aus dem Fenster und brüllen lauthals mit. Müssen wir also unseren musikalischen Kompass neu justieren?

Schon der Soundtrack zur ersten Staffel hatte sechs Millionen Klicks auf Spotify. Zum Start der zweiten Staffel hat sich der Streaming-Anbieter daher etwas Besonderes überlegt: eine eigene Spotify-Playlist zu jedem der neuen und alten Haupt-Charaktere. Bei Anmeldung analysiert das neue Feature die Hörgewohnheiten des Nutzers und vergleicht sie mit den Playlists. So kann jede und jeder herausfinden, welcher Stranger-Things-Charakter er und sie so ist. Das ist doch sowas von social gedacht! Und jetzt, Obacht, der musikalische SPOILER: Wenn in der letzten Folge die verbliebenen Kids zu "Time after Time" und "Every breath you take" tanzen, kullern auch über unsere zynischen Wangen Tränen um Tränen.

2. You’ve got the look: Mode von gestern für heute

Hey! Coole Hose! Hab ich die nicht neulich in der Stadt gesehen? Und diese Schuhe. Hmm, die hat sich doch mein Freund erst gekauft - Moment, die wir wahrscheinlich alle anhatten, als wir am Wochenende "Stranger Things" durchgebinget haben! Levis-Jeans, Nike Cortez und Bomberjacken. Eighties Style pur. Die Kostümbildner müssen echt gefeiert haben: "Oh. Mein. Gott. Endlich mal wieder eine Serie, in der wir die Achtziger modisch komplett ausschlachten können. GEIL."

Das Ergebnis: Crazy Frisuren, die sich selbst Rick Springfield nie getraut hat. Dauerwelle und Bleistiftrock bei den Mädels. Und für die Kinder: süße Kleidchen und Zöpfe mit Haarband-Scrunchies. Die hässlichste Art von Zopfgummi (heutzutage aber übrigens auch wieder überall zu finden). Im Anbetracht des aktuellen Trends "aus alt mach cool" ist also nachvollziehbar, warum reihenweise Menschen dieses Jahr an Halloween "Stranger Things"-Charaktere als Verkleidung wählen: Doppel-Retro ist einfach in. Denn die Achtziger sind mittlerweile in der bereits zweiten Retro-Verwertungsschleife. Beispiel: Gleich in der ersten Folge (Klischee-Overload!): Billy, der "neue bad boy" (ja, genau, der von oben, mit dem Oberlippenbart!) trägt Vokuhila, offene Hemden und Levis-Jeansjacke. Vielleicht ein Tick too much. Aber irgendwie auch wieder gut.

Kleiner Exclusiv-Tipp für Fans, die nach der zweiten Staffel direkt Entzugserscheinungen haben: Einfach mal nach Berlin Kreuzberg fahren und mit ein bisschen Fantasie die Leute beobachten. 1984 ist auch dort sowas von badass!

3. Little red corvette: Die Serie mit dem stimmigsten Design

Sie. Sind. Die. Coolsten. Wenn sie cruisen. Wenn sie durch die City düsen. Diese Autos, Mann! Diese Autos. Der 1976er Ford Pinto von Winona Ryder, alias Joyce Byers. Oder der Chevrolet 1980 von Chief Hopper. Hach, was sehnen wir uns danach, mal mit einem dieser coolen Gefährte durch die Gegend zu fahren. Die Folge: Mittzwanziger träumen heute davon, einen Oldtimer zu besitzen! Scheiß auf den Kollateralschaden mit dem Diesel, ist eben hip. Was gibt es denn Cooleres, als in einer schwarzen Corvette viel zu schnell über die Landstraße zu brettern? Ok. Vielleicht, wenn wir dabei noch Scorpions hören (siehe Punkt 1).

Szenenbildner Chris Trujillo hat in dieser Serie jedenfalls alles richtig gemacht. An den Wänden hängen Weißer Hai-Plakate. Im Fernsehen laufen alte Cartoons. Die Gang um Will Byers kommuniziert über Walkie-Talkies, größer als ihre Köpfe. Und sie fahren mit coolen Vintage-BMX-Rädern durch die Stadt. Selbst den typischen Neon-Charakter der Achtziger vergisst Chris Trujillo nicht: Gleich in der ersten Folge der neuen Staffel hängen die Jungs im hell illuminierten Arcade-Spiele-Center herum. Und zocken dort Spiele-Klassiker wie "Pacman" oder "Dig Dug". "Stranger Things" nimmt uns mit in grell beleuchtete American Diners. Und natürlich an den Ort, an dem sich fast alle Eighties-Teenie-RomComs abgespielt haben: die typische amerikanische High School. Wuäääh-hä-hä. Nun sitzen wir also da, denken an Filme wie "Breakfast Club" oder "16 Candles" und haben Pipi in den Augen. Hach, war das toll damals. Scheiß Nostalgie!

4. Who wants to live forever? Das große Winona-Comeback

"Winona Forever" - diese zwei Worte zierten einst Johnny Depp's Oberarm. Der verruchte Schönling und das Porzellangesicht Ryder waren das Traumpaar der Neunziger. Nach einer turbulenten Ehe schließlich der Horror für alle Fan-Romantiker: die Trennung. Herrjeh. Auf Johnny Depp's Oberarm steht seitdem etwas anderes: Wino Forever. Irgendwie eine Art Metapher. Winona hat sich davongestohlen. Diebstahl, Trunkenheit, eine tolle Peinlichkeit jagt die Nächste. Und ein Film-Flop nach dem anderen. Ihr letzter richtiger Erfolg liegt über zehn Jahre zurück. In "Girl, interrupted" (dt.: "Durchgeknallt") spielte sie 1999 zusammen mit Kollegin Angelina Jolie eine Frau mit psychischen Problemen.

Jetzt also "Stranger Things". Die schöne Winona als die furchtlose, liebende Mutter Joyce. In der ersten Staffel dachten wir noch: Die spielt komisch, die kuckt komisch. Jetzt, in der zweiten Staffel, dann das Learning: Sie spielt nicht komisch, sie spielt meta - sie zitiert. Sie weiß, dass sie in einem Time Warp gefangen ist und sozusagen eine B-Movie-Ausgabe einer Mutter spielen muss, so wie sie eben von der Profi-Obercool-Schauspielerin Winona Ryder niemals gespielt worden wäre. Spielen, wie man nie gespielt hätte - klingt kompliziert, aber siehe da: Es zündet. Kritiker sprechen von einem Comeback, die Resonanzen sind weitgehend positiv und die Fans glücklich: Sie haben ihre Winona wieder. Ein Eighties-Star in einer großen Eighties-Hommage. Der Schriftzug "Winona Forever" gewinnt langsam wieder an Strahlkraft. Natürlich in Neon-Farben.

5. E.T., Please Stand By Me and call Freddy Krüger: Eighties-Movie-Referenzen

Jetzt mal Klartext - in der ersten Staffel haben wir uns vor Spannung in die Hosen gemacht. Und mit jeder Folge ist das Gefühl in uns gewachsen: Irgendwo hab ich das schon mal gesehen. Oder gehört. Jup, das Gefühl trügt nicht! "Stranger Things" ist gespickt mit Easter Eggs und Referenzen auf unsere Lieblings-Film-Klassiker. Die beiden Produzenten des Soundtracks Kyle Dixon und Michael Stein lehnen sich mit der "Stranger Things" Original-Score ganz liebevoll und vorsichtig an den Horrorfilm-Musik-Großmeister John Carpenter an. Glatte Synthesizer mit pochend-schrillen Klängen, die eine Spannung erzeugen, dass sich unsere Fußnägel einrollen. In dem Carpenter-Film "Das Ding aus einer anderen Welt" (1982) geht es um ein Monster, das immer weiter wächst und fast eine ganze Forschungsstation mitsamt Besatzung auslöscht. Auch hier eine klare Referenz: Vom Aussehen her könnte "Das Ding" glatt eine ältere Version des Schattenmonsters aus "Stranger Things 2" sein. Quasi der Demorgorgon 1.0.

Auch aus dem Grusel-Klassiker "Nightmare on Elm Street" (1984) zitieren die Regisseure Matt und Ross Duffer. Die letzte Folge der ersten Staffel "Stranger Things" erinnert sehr stark an den Freddy-Höhepunkt: Teenager locken ein Dimensionen-wechselndes Monster in ein Haus voller Fallen und fackeln es schließlich ab. Sogar Szenen in dieser Folge sind gestellt, wie im Freddy Krüger-Streifen. Klasse. Und dann sind da noch die vier Jungs und ihre Gang. Unwillkürlich müssen wir sofort an ein bewegendes Freundschafts-Movie mit Grusel-Faktor denken: "Stand By Me" aus dem Jahr 1986: Eine Gang, eine Leiche, ein Abenteuer. Na, NA, SEHT IHRS? "Stranger Things" vereint all unsere alten, heimlichen Lieblingsschmonzetten in einem. Die charmanteste Referenz ist dabei das Mädchen Elf, der "Stranger Things"-Charakter mit den telekinetischen Fähigkeiten. Wie damals E.T. (1982) ist Elf ein charmantes Wesen aus einer anderen Welt, das eigentlich nur nach Hause möchte. Ein Kind findet E.T./Elf und versteckt es bei sich zuhause. Pure Nostalgie.

Anschauen! Und dann aber endlich und für immer: die Achtziger abfackeln. Dieses Jahrzehnt aus einer anderen Dimension, das ständig seine Gestalt wechselt.


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