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Der Krieg im Kopf "Die Welt sehen" - Ein Kriegsfilm ohne Krieg

„Krieg im Kopf“ - Die französischen Schwestern Delphine und Muriel Coulin haben einen Kriegsfilm gedreht, in dem es keine Kampfszenen gibt. Wir erleben zwei Soldatinnen und ihre Kompanie beim Stressabbau in einem zypriotischen Luxushotel. Aber ein paar Tage Sonne und Strand können die traumatischen Erfahrungen aus Afghanistan nicht verdrängen.

Von: Roderich Fabian

Stand: 08.11.2017

Die Welt sehen - Film | Bild: Peripher Film

„Die Welt sehen“ - das stammt aus einem Werbeslogan für die französische Armee. Und die Kompanie, um die es in diesem Film geht, hat einen Teil der Welt gesehen, nämlich die Kriegsgebiete in Afghanistan. Nun sitzen die Soldaten im Flugzeug und sind im Landeanflug auf Zypern. In einem Luxushotel sollen sie drei Tage lang zur Ruhe kommen und die Kriegserlebnisse abstreifen, Stressabbau bei House Music und coolen Drinks. Die beiden Soldatinnen Aurore und Marine gehören zu dieser Kompanie. Und sind die Hauptfiguren dieses Films.

Was ist die "gerechte Sache"?

Tatsächlich dürfen die Soldatinnen nicht nur relaxen auf der Sonneninsel. Jeden Vormittag müssen sie vor versammelter Mannschaft über ihre traumatischen Erlebnisse in Afghanistan berichten. Jeder kommt mal dran. Die Erzählungen werden zeitgleich mit einer Computer-Simulation an die Wand gebeamt. Die Narrative werden also zu Filmen, die wie ein Videospiel aussehen. Auch das gehört zum Stressabbau. Aurore erzählt, wie sie in den afghanischen Bergen in einen Hinterhalt geraten ist: "Plötzlich wurden wir beschossen. Ich wurde getroffen. Wir haben zurückgeschossen. Die Kugeln kamen von überall. Ich wusste nicht, wohin ich zielen sollte. Wir sahen nichts. Wir versuchten zurückzuschießen, aber dann...renne ich. Ich versuche zu verstehen. Ich denke mir 'Scheiße, Scheiße'."

Aurore - gespielt von Ariane Labed, einem neuen Star des französischen Kinos - ist sensibler als ihre Kollegin, die burschikose, aufbrausende Marine, die von der Sängerin Soko gespielt wird. Aurore hat bei diesem Einsatz in Afghanistan ihren Glauben an die „gerechte Sache“ verloren, die die französische Armee am Hindukusch angeblich verteidigt. Beide Frauen haben sich bei der Armee verdingt, weil es in ihrer strukturschwachen Gegend sonst kaum Arbeitgeber gab. Die Regisseurinnen, die Schwestern Delphine und Muriel Coulin, versuchen typische Soldatinnen zu zeigen, die eben vorher nicht allzu viel über diesen Job nachgedacht haben und die mit der realen Kriegssituation massiv überfordert sind.

Der Krieg in den Köpfen hört nicht auf

Zumindest Aurore macht aber einen ziemliche Entwicklung durch, auch beim Wohlfühl-Programm auf Zypern. Sie lässt sich mit einem Inselbewohner ein und landet anschließend auf einem Dorffest, wo sie schon von ihren männlichen Kollegen erwartet wird. Ihr zypriotischer Freund wird sofort von einem Soldaten angegangen. Aurore versucht vergeblich, ihn zu verteidigen. 

Die fremdenfeindliche Aggression ihrer Mit-Soldaten macht klar, dass die ganze Aktion auf Zypern eine reine Augenauswischerei ist. Die Kompanie hat den Krieg weiterhin in den Köpfen. Es braucht nur wenig bis zur nächsten Eskalation, die eben auch dann passieren kann, wenn die Truppe wieder zuhause in Frankreich eingetroffen ist. Die Offiziere hier spulen einfach ihr vorgeschriebenes Programm ab, die Touristen auf der Insel wirken wie Aliens, die in einem virtuellen Paradies leben. „Die Welt sehen“ - das ist ein Kriegsfilm, der ohne Kriegsbilder auskommt. Und er ist ein Anti-Kriegsfilm, weil er zeigt, was der Krieg aus Menschen macht, die aus irgendwelchen politischen Interessen heraus ins Feuer geschickt werden. „Die Welt sehen“, das heißt in diesem Fall die Abschottung Europas vor der globalen Wirklichkeit erleben.


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