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"Ohrfeige" von Abbas Khider Das Buch der Stunde

Abbas Khider ist 1996 aus dem Irak geflohen und lebt seit 2000 in Deutschland. Gerade hat er "Ohrfeige" veröffentlicht. Es ist der vermutlich erste große Roman in Deutschland, der komplett aus der Perspektive eines irakischen Flüchtlings geschrieben ist. Wir haben uns mit Abbas Khider getroffen.

Von: Michael Bartle

Stand: 03.02.2016

Der irakische Schriftsteller Abbas Khider | Bild: Pressefoto/Peter-Andreas Hassiepen

Polizeisirenen, Personenkontrollen - München, das Karree zwischen Hauptbahnhof, Goethestraße und Marsstraße: Shisha-Kaffees, türkische Obsthändler und kleine irakische oder kurdische Kulturvereine. Ein paar Quadratkilometer in der Münchner Innenstadt, die noch nicht komplett gentrifiziert sind – auch wenn sich das ein oder andere neue Hotel dazwischen gepflanzt hat.

Wir sind mit Abbas Khider unterwegs in diesem Bahnhofsviertel, sein neuer Roman spielt teilweise hier. Hier in den verrauchten Hinterzimmern hat er eine kleine Schattenwirtschaft ausgemacht – an den schwarzen Brettern der irakischen Kulturvereine kann man so einiges erstehen, was man als Geflüchteter zum Überleben braucht. Falsche Pässe, heiratswillige Mädchen aus der Heimat, eine Route, einen Weg, einen Schleuser, der einen rein- und schlimmstenfalls wieder rausbringt.

"Diese Leute sind leicht zu finden unter Exilanten. Wenn es plötzlich um Leben und Tod geht, dann muss man sich nicht wundern, wenn sie nach illegalen Geschäften suchen. Das gab es in allen Kulturen: zum Beispiel die Juden, die im Dritten Reich aus Deutschland abgehauen sind - die brauchten auch Schleuser und Vermittler, die von ihrem Leiden profitiert haben. Das funktioniert immer noch so. Manchmal denke ich, das System schafft viele Arbeitsplätze für solche Menschen."

Abbad Khider

Abbas Khider, der 1996 aus dem Irak geflohen ist und seit 2000 in Deutschland lebt, hat das Buch der Stunde geschrieben. Es ist der vermutlich erste große Roman in Deutschland, der komplett aus der Perspektive eines irakischen Flüchtlings geschrieben ist.

Als die Hauptfigur Karim Menzy nach langer Flucht von der Ladefläche eines Lastwagens springt, wähnt er sich am Ziel seiner Träume, in Paris, in der Nähe seines Onkels. Tatsächlich ist er aber mitten in der bayerischen Provinz gelandet. Und muss sich nun durchschlagen – durch Erstaufnahmelager, Flüchtlingsunterkünfte und schäbige Nachtlager. Muss klarkommen mit nahezu nichts in der Tasche und einer Ausweisung, die unmittelbar bevorsteht. Karim wird kreuz und quer durch Deutschland gewirbelt, kein Subjekt, sondern ein Objekt seines Schicksals. Er wird nie ankommen. Und das absolut Großartige an diesem Roman: Karim spricht mit einer unvergesslichen Stimme, er ist ein poetischer Schelm, ein gleichzeitig naiver und bauernschlauer Don Quijote, der einen aussichtslosen Kampf führt gegen die deutsche Bürokratie.

"Es ist komisch, dass sich die Geschichte immer wiederholt. Wir machen immer die gleichen Fehler. Wir reden hier die ganze Zeit über Asylanten - natürlich kommen gerade viele hierhier. Das größte Problem beginnt aber in der Phase der Integration. Da kommt das System und die Behörden. Diese Menschen hatten in ihren Heimatländern Angst um ihr Leben, in den Ländern, wo sie Asyl suchen, haben sie Angst um ihre Zukunft. Aufenthaltserlaubnisse werden nicht verlängert, es gibt keine Arbeitserlaubnis, Abschiebehaft, Widerruf etc. Ständig Angst. Und wir wundern uns, dass einige von ihnen durcheinander sind und Dummheiten machen. Es ist eine unglaubliche innere Folter für sie. Darüber reden wir nicht."

Abbad Khider

Im Buch wird weder dramatisiert noch skandalisiert

Auf seiner Odyssee durch die Randzonen Deutschlands lernen wir gnadenlose deutsche Sachbearbeiter kennen, aber auch arabische Loverboys, die ihren Körper einsetzen, um sich ein paar Mark dazuverdienen. Und die knallharten Jungs von der irakischen H&M Bande, die in einer bayerischen Kleinstadt jeden ausnehmen, der sich ausnehmen lässt. Das alles wird in dem Buch "Ohrfeige" weder dramatisiert noch skandalisiert und dennoch hat man als Leser immer wieder das Gefühl, man müsse die Figuren aus Abbas Khiders Universum in Schutz nehmen gegen die besorgten Bürger und Afd-ler.

"Das ist nicht die Aufgabe der Autoren und der Literatur. Ich denke weder an Religion noch an die Gesellschaft noch an die Regierung oder irgendwas. Ich schreibe Literatur. Ich schreibe über eine bestimmte Zeit und die will ich darstellen. Und auch die bestimmte Seite der Gesellschaft und bestimmte Leute, die keine Stimme haben, denen möchte ich eine Stimme geben. Literatur und Kunst müssen weh tun, wenn es notwendig ist."

Abbas Khider

"Ohrfeige" von Abbas Khider Hanser Verlag, 19,90€, ISBN 978-3-446-25054-3

Wir müssen es nochmal sagen: Abbas Khider hat das Buch der Stunde geschrieben, man möchte es jedem Menschen in die Hand drücken, der wegknickt unter dem Orkan des nachrichtlichen Agenda-Settings, in dem Flüchtende nur noch in Verbindung gebracht werden mit sexuellen Übergriffen und Kriminalität. Wer heute in die Glotze schaut, Facebook aufmacht und eine Zeitung aufschlägt, möchte meinen, diese Menschen sind der letzte Dreck, bestenfalls Problembären, etwas, wofür eine Lösung gefunden werden muss, die aber bitteschön weit außerhalb unserer Behörden und unserer Grenzen liegt. Dieses Buch ist ein zutiefst menschliches, es gibt einem das Gefühl, sogar die Gewissheit, dass wir Menschen treffen, wenn wir von Abschiebung reden, von Kontingenten und von Obergrenzen. Und noch ein letztes Lob: Abbas Khiders Buch hat diese ganze aufgeladene Diskussion nicht mal nötig, seine Figuren könnten ganz für sich stehen, wir Leser werden sein Personal niemals ab- oder zur Seite schieben wollen.

"Ich konnte mich wirklich hineinversetzen in diese Figur. Und ich konnte das gut nachvollziehen, weil ich ein Mensch bin, der früher auch gefoltert wurde. Es ist schwierig diese Erinnerung jemals loszuwerden. Aber ich glaube, wenn man zurückschlagen kann, schafft man es. Und ich habe irgendwann die Möglichkeit gehabt, zurückzuschlagen - mit meiner Literatur."

Abbas Khider


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