Bayern 2 - Zündfunk

Die "Neger"-Fans Eine Typenstudie

Momentan aufgeregte Diskussion: Darf das Wort "Negerlein" in einem Kinderbuch vorkommen? Die Argumente für das "Negerlein" kommen von Leuten, die damit gar nicht in erster Linie zu tun haben, nämlich vor allem aus dem weißen Bildungsbürgertum. Julia Fritzsche hat sich die Einwände angeguckt und eine Typenstudie zu den "Neger"-Fans gemacht.

Von: Julia Fritzsche Stand: 22.01.2013
Die kleine Hexe (Buchcover) | Bild: Thienemann

Einwand 1: "Aber wo führt das denn hin, wenn wir jetzt alles ändern!"

Sie sind der Typ Sprachliebhaber, ein Widerstandskämpfer der Semantik. Wenn es nach Ihnen ginge, sollten Bücher gar nicht geändert werden, keine neue Kommasetzung, keine neue Grammatik, keine neuen Wörter. Sie lesen das Nibelungenlied noch im Original, die Bibel in Altgriechisch mit eingestreuten Zitaten in Aramäisch. Wahrscheinlich haben Sie DIE ZEIT abonniert und sind froh, dass sich das Zentralorgan des Bürgertums diese Woche in seinem Dossier endlich mit einem wichtigen Thema wie dem Schutz der deutschen Sprache beschäftigt, anstatt mit dem Einmarsch im fernen Mali. Sie sind wert-konservativ, vielleicht Gymnasiallehrer, Richter oder Kulturjournalist. Sie halten es mit Ulrich Greiner, der in der ZEIT schreibt:

"…dass die monierten Bücher in der Lesebiografie deutscher Kinder eine wichtige Rolle gespielt hätten und dass man ihnen nicht die Erinnerung stehlen dürfe."

Ulrich Greiner, ZEIT

Genau! Sie wollen Sprache und Ordnung bewahren. Das Wort "Neger" ist für Sie schützenswert wie die Meeresschildkröte oder die Steinerne Brücke in Regensburg.

Einwand 2: "Aber früher war 'Neger' noch normal!"

Sie sind der Typ Historiker oder Literaturwissenschaftler. Sie sind geschichtsbewusst, wollen von der Vergangenheit lernen. Gut, früher war es normal, Schwule einzusperren und Frauen zu verbrennen, das heißt natürlich nicht, dass das heute demokratisch ist. Aber Sie finden trotzdem, wir sollten die Vergangenheit achten. Sie fragen nicht: Was hat uns Goethe heute noch zu sagen? Sondern: Was können wir von Goethe lernen. Das Wort "Neger" ist für Sie historisches Anschauungsmaterial! Sie fordern wie der medienpolitische Sprecher der FDP Burkhardt Müller-Sönksen von den Eltern "pädagogisch motivierte Gespräche" und Sie finden, eine Sozialkundestunde am Abend hat noch keinem geschadet. Und die Kinder, die "Die kleine Hexe" schon selbst lesen, können ja in einen debattierfreudigen Lesekreis eintreten.

Einwand 3: "Das ist Zensur. Das verletzt Artikel 5 des Grundgesetzes!"

Bei "Pippi Langstrumpf" wurde aus dem "Negerkönig" ein "Südseekönig".

Sie sind der Typ Freiheitskämpfer oder FDP-Wähler. Zensur ist für Sie eine persönliche Beleidigung. Dass sich der Thienemann-Verlag zusammen mit der Familie Preußler frei und selbst "für eine behutsame und sprachliche Modernisierung dieses Textes" entschieden hat, halten sie für irrelevant. Wenn es nach Ihnen ginge, sollte eben jeder "Neger" sagen müssen. Einziger Trost für Sie: Das Recht, Menschen weiterhin "Neger" zu bezeichnen, bleibt bestehen. Sie können sich entweder schnell noch ein unzensiertes "Negerlein"-Original sichern. Oder Sie lesen in Zukunft ihren Kindern da, wo jetzt Südseekönig steht, einfach wieder Negerkönig vor.

Einwand 4: "Die sollen sich nicht so anstellen! Immer diese Politische Korrektheit!"

Sie sind eher so der coole, lockere Typ. Amüsieren sich über Gutmenschen. Ihren Humor kann man auch nur schwer angreifen. Ein typischer Satz von Ihnen: "Dann darf ich ja auch in Zukunft nicht mehr "Zigeunerschnitzel" sagen". Sie finden alles sehr amüsant, vielleicht sind Sie auch selbst Journalist und zitieren wie Jan Fleischhauer von Spiegel-Online ihren alten Sprachlehrer Wolf Schneider,

"der für politische Vorgaben wenig Interesse hatte und Burkina Faso unverdrossen weiter Obervolta nannte, weil er nicht bei jedem drittklassigen Militärputsch die nächste Staatsumbenennung mitmachen wollte."

Jan Fleischhauer, Spiegel-Online

Ansonsten stützen Sie sich gern auf Umfragen. Die aktuelle Umfrage der BILD am Sonntag kommt zwar leider zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der Deutschen es gut findet, dass in Kinderbüchern nicht mehr Neger steht, DIE WELT weist aber auf etwas Besonderes hin.

"Je höher der Bildungsabschluss der Interviewten ist, desto größer ist der Anteil derer, der gegen eine Reform der Kinderbücher ist."

DIE WELT

Na bitte: Den Neger behalten zu wollen, ist sogar ein Ausweis von Klugheit!

Einwand 5: "Mir geht das Thema am Arsch vorbei!"

Gratuliere, Sie sind weder Sprachliebhaber, noch Denkmalschützer, noch FDP-Wähler. Ihnen ist es egal, ob "Neger" aus deutschen Kinderbüchern verschwindet. Vermutlich sind Sie einfach nur weiß. Und als weißer Mensch sind Sie noch nicht oft mit Rassismus in Berührung gekommen. Denn als Weißer sind Sie privilegiert, die Norm. Sie wundern sich, wenn das Wort "Neger" manchmal bei Schwarzen "zu Herzrasen und Angst führt", wie ein Blogeintrag der Aktivistin Noah Sow verrät. Oder dass sich Schwarze, wie Dialika Neufeld im Spiegel beschreibt, an eine Zeit erinnert fühlen,

"in der Neonazis Asylbewerberheime anzündeten und Schwarze von rechten Schlägern durch die Straßen gejagt wurden."

Dialika Neufeld, Spiegel

Das muss Sie auch alles weiter nicht beschäftigen, denn als Weißer kann Ihnen das Thema "Neger" egal sein. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden Sie von Rassismus nie betroffen sein, sondern immer nur davon profitieren.


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