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Chris Kraus im Interview Wie aus „I Love Dick“ ein feministischer Klassiker wurde – und dann eine Serie

"I Love Dick": Der Titel sitzt. Und zwar so gut, dass sich Lorde mit dem Buch auf Instagram sehen ließ und Amazon eine Serie daraus gebastelt hat. Maria Federova über die erstaunliche Entwicklung des 1997 veröffentlichten Romans, der heute als feministisches Manifest gilt.

Von: Maria Fedorova

Stand: 18.07.2017

Chris Kraus: I Love Dick | Bild: Matthes & Seitz Verlag

Das Private ist politisch! Die Schriftstellerin Chris Kraus nimmt sich die Parole der Zweiten Feminismus-Welle zu Herzen und macht in ihrem Erstlingsroman „I Love Dick“ die eigene Lebensgeschichte zur Geschichte der Hauptprotagonistin: Diese heißt ebenfalls Chris Kraus und sieht sich selbst als alternde, erfolglose Filmemacherin. Chris verliebt sich in Dick, den Kollegen ihres Mannes, und fängt an, ihm Briefe zu schreiben. „I Love Dick“ ist keine Lovestory, vielmehr nutzt Chris die Liebe zu Dick als Projektionsfläche, um ihre Meinung über Männer, Ehe, Kunst und Literatur auszusprechen.

Aus den Briefen wird schließlich ein Roman, irgendwo zwischen feministischem Manifest und Kunsttheorie. Inzwischen ist „I Love Dick“ im Mainstream angekommen. Nach dem Siegeszug der Blogs, wo jeder schreibt, wie es ihm gerade so geht, wirkt diese Offenbarung der intimsten Gefühlen nicht mehr schockierend. Aber noch vor 20 Jahren wurden Bücher wie die von Chris Kraus systematisch in die Nische gedrängt: „Ursprünglich war der Roman für einen engen Kreis von Intellektuellen und Künstlern geschrieben. Ich war Teil dieser Welt und wusste wer meine Leser waren. In meinem Roman ‚Summer of Hate‘ gibt es eine Figur, die mir sehr ähnelt. Sie ist auch Schriftstellerin und ihre Bücher werden einzig von Asperger-Kids, Akademikern im Mittelbau, die nie befördert wurden, Ritzern, Strippern und von Huren gelesen. Und ja, es klingt übertrieben, aber ich glaube ‚I Love Dick‘ wurde damals von solchen Leuten gelesen.“

Von den intellektuellen It-Girls gefeiert

Mittlerweile sind es die intellektuellen It-Girls Tavi Gevinson, Lena Dunham oder Lorde, die den Roman „I Love Dick“ von Chris Kraus  feiern. Jill Soloway, Macherin der Transgender-Serie „Transparent“ machte daraus eine Serie für Amazon, eine Art Weitererzählung des Buches. Die prominente Autorin Emily Gould sammelt auf ihrem Blog Instagram-Selfies mit dem Buch und Fan-Art. Eines davon zeigt die Cartoon-Figur Lisa Simpson bei der Lektüre von "I Love Dick". Wird aus dem radikalen Werk also ein Lifestyle-Accessoire für die junge Generation? "Der Titel schreit doch danach. Ich bin nicht überrascht: Frauen lieben es, mit diesem Cover gesehen zu werden. Jemand hat sogar einen Sticker mit „I Love Dick“ auf sein Auto geklebt. Es ist lustig zu beobachten, wie die Leser einzelne Aspekte rauspicken und zu etwas Neuem machen“, so Chris Kraus.

Wie jede Minderheit haben Frauen versucht perfekt zu sein

„I Love Dick“ - eine mögliche Übersetzung wäre auch: „Ich bin in einen Deppen verliebt“. Damit lässt es sich auch leicht identifizieren. Ein Glück, dass sich diese Art von Humor in der Popkultur etabliert hat, erklärt Chris Kraus:

"Obwohl Frauen demographisch keine Minderheit sind, wurden sie immer als eine Minderheit wahrgenommen. Und wie jede Minderheit haben Frauen versucht perfekt zu sein, um noch das Sagen zu haben. Sie konnten es sich nicht erlauben, widersprüchlich zu sein, sie mussten funktionieren. Nur die universellen Männercharaktere konnten sich die Freiheit nehmen, komisch zu wirken. Das war auch die Basis für die klassischen Komödien. Mittlerweile beanspruchen auch die Frauen diesen Raum für sich, was zeigt, dass Frauengeschichten universell geworden sind."

Chris Kraus, Autorin von „I Love Dick“

Die Geschichten über nerdige, weirde Frauen mit kaputten Beziehungen, die über sich selbst lachen können, reichen von einer etwas intellektuelleren Hannah Horvath aus der Serie „Girls“ bis zur mainstreamigen Variante à la Bridget Jones. Chris Kraus kann man als Vorreiterin dieser Entwicklung sehen. Sie selbst lehnt das aber ab. Lieber schlägt sie einen Haken mehr und entzieht sich einer allzu einfachen Einordnung: “Wer will schon ein Role Model sein? Das ist wirklich langweilig.”


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