T.C. Boyle Wenn das Schlachten vorbei ist
Werk Nummer 19: T.C. Boyle lässt in "Wenn das Schlachten vorbei ist“ einen cholerischen Tierschützer und eine unterkühlte Wissenschaftlerin aufeinanderprallen. Es gibt kaum einen Schriftsteller, der so gekonnt aus Umweltaktivisten spannende Romanfiguren macht.
T.C. Boyle hat seinen neuesten Roman in Santa Barbara und den davor liegenden Kanalinseln angesiedelt. Quasi direkt bei ihm vor der Haustüre. Als Werbung hat der ehemalige Hippie, der mit Geschichten über Außenseiter und Exzentriker zum Bestseller-Autor geworden ist, einen richtig fetten Trailer drehen lassen. Mit Luftaufnahmen von den Inseln und richtigen Schauspielern. Der Clip zeigt den ersten Konflikt zwischen den beiden unterschiedlichen Naturschützern, der Biologin Alma Boyd Takesue und dem Aktivisten Dave LaJoy:
"Alma Boyd Takesue: Diese Eindringlinge sind eine echte Gefahr für das Überleben der Insel. Unsere Kanalinseln sind die Galapagosinseln Nordamerikas. Wir reden hier von Arten, die nirgendwo sonst auf der Welt existieren.
Dave LaJoy: Wer genau hat euch dazu auserwählt?
Alma Boyd Takesue: Mr. LaJoy, sie werden Gelegenheit haben sich dazu zu äußern, aber jetzt setzen sie sich bitte und warten sie, bis Sie an der Reihe sind. Der Wirkstoff ist schnell und dabei human.
Dave LaJoy: Noch mehr Lügen! Es ist Rattengift. Dieses Gift verursacht einen langsamen Tod, durch inneres Verbluten. Das dauert drei bis zehn Tage, zehn Tage! Das nennen sie human?"
(Aus 'Wenn das Schlachten vorbei ist', Trailer)
Darf man Ratten vergiften, damit die einheimischen Singvögel wieder eine Chance haben? Gibt es wertvolle und weniger wertvolle Tiere? Klar, die Fragen, die T.C. Boyle in seinem neuesten Roman aufwirft, sind Variationen seines Lieblingsthemas: Mensch und Natur. Die Hybris der Menschen, aus der Wildnis einen Selbstbedienungsladen und einen Streichelzoo machen zu können. Aber in keinem anderen seiner Bücher ist das Verhältnis Mensch und Natur so zerrüttet. Die Menschen sind eher unsympathisch, allen voran der militante Tierschützer Dave LaJoy. Besitzer von mehreren Filialen für Heimelektronik, BMW-Fahrer, der Kellner schikaniert und in seinem Garten keine Waschbären duldet. Aber der den Gedanken nicht erträgt, dass im Auftrag des Staates und zum Schutz einer seltenen Vogelart Ratten getötet werden.
"Dave La Joy: Nazis. Alles töten, das ist ihre Lösung. Töten, töten, töten! Unsere eigene Bundesregierung meint, Gift vom Himmel regnen zu lassen, sei okay. Sie foltern Tiere zu Tode. Da kommt noch was auf Sie zu! Sie sagen mir, ich soll mich zivilisiert benehmen! Zivilisiert! Das werde ich sein, wenn das Schlachten vorbei ist!"
(Aus 'Wenn das Schlachten vorbei ist', Trailer)
Gute Absichten - fatale Wirkung
Seine Gegenspielerin ist Alma Boyd Takesue, promovierte Biologin, die die Zeit seit ihrem Studium damit verbracht hat, Tiere umzubringen, um andere Tiere zu schützen. Die zwei repräsentieren also die Menschen – Menschen mit vermeintlich guten Absichten und oft fataler Wirkung. Und auf der anderen Seite die Natur: die Ratten, Wildschweine, Kaninchen, die sich – einmal eingeschleppt – auf den Naturschutzinseln wie bekloppt vermehren und ein sensibles Ökosystem durcheinander bringen. Die brutalste Szene in dem Buch ist auch die Schlachtorgie der Natur – auf einer der Inseln mit Schafszucht:
"Der Vogel landete, das breite Kreuz der Schwingen weit ausgestreckt, und pickte dem Lamm die Augen aus, während ein zweiter ihm bereits die Brust aufriss, wo die dünne Haut so weich und nachgiebig war wie Schlagrahm. Ein zweites Lamm ging zu Boden und dann ein weiteres, die Raben stürzten sich auf sie und hüpften vom einen zum anderen wie Damesteine, die über sämtliche Felder der Wiese sprangen. Die Raben hatten es eilig. Sie wollten das Herz, das warme, noch schlagende Herz, sie wollten die Leber und die Nieren – den Rest konnten sie sich später noch holen."
(Aus 'Wenn das Schlachten vorbei ist')
Eine Zumutung im positiven Sinne
T.C. Boyle wirft viele Fragen auf und beantwortet keine einzige. Zum Glück, sonst wären seine Bücher, die oft im Milieu der Aussteiger und Ökoaktivisten spielen, didaktisch-langweilig. "Wenn das Schlachten vorbei ist“, ist eine Zumutung – aber im positiven Sinne. Es gibt kaum einen Schriftsteller, der so gekonnt aus Umweltaktivisten spannende Romanfiguren macht: Der sie nicht als die automatisch besseren Menschen zeigt und ihre Arbeit – für die er privat gewiss Sympathien hegt – auch der Lächerlichkeit preisgibt. Seit seinem Studium ist T.C. Boyle von den Ideen der Existenzialisten beeindruckt und das merkt man seinen Büchern an: "Wenn das Schlachten vorbei ist“, ist auch ein witziges Buch – aber es ist oft das Lachen des Sisyphos, ein Lachen in dem man die Verzweiflung und die Liebe zur Welt hört.

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