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Ann-Kathrin Eckardt über ihr Buch "Flucht und Segen" "Ich habe auch lieber die schönen Geschichten erzählt"

"Die ehrliche Bilanz meiner Flüchtlingshilfe": so lautet der Untertitel von Ann-Kathrin Eckardts Buch "Flucht und Segen". Die Journalistin hat vor einigen Jahren eine Patenschaft für zwei Familien aus dem Irak übernommen. Sie sagt: Die Diskussion um die Schwierigkeiten bei der Integration wurden bisher nicht laut genug öffentlich geführt - auch unter Helfern.

Von: Bärbel Wossagk

Stand: 21.03.2017

Die Journalistin Ann-Kathrin Eckardt | Bild: BR

Als im Spätsommer 2015 so viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, wollten viele helfen. Ganz spontan zuerst mit Kleiderspenden und Teddybären, dann immer besser organisiert mit Helferkreisen, Online-Plattformen und Sprachkursen.

Die Journalistin Ann-Kathrin Eckardt hat schon einige Zeit vor Angela Merkels "Wir schaffen das" und den Szenen am Münchner Hauptbahnhof beschlossen, dass sie geflüchteten Menschen helfen möchte. Aus einem kleinen Sprachkurs in der Elternzeit wurde eine Patenschaft für zwei jesidische Familien aus dem Irak. Zu tun gibt es jede Menge: Wohnungssuche, Krippensuche, Behördengänge, Formulare. Nervige Sachen sind es ehrlich gesagt meistens. Und trotzdem gibt es auch viele schöne Erfolgserlebnisse. Zum Beispiel das erste deutsche Wort der kleinen Tochter der Jesidin Nadja zu hören: "Schettaming", aus dem dann bald der korrekte Schmetterling wurde. Oder die Anmeldung von Hazal, ebenfalls jesidische Mutter, zum Kurs für den Realschul-Abschluss. Alles tolle Erfolge, über die Helfer gerne erzählen. Aber es ist nicht die ganze Geschichte. Ann-Kathrin Eckhardt hat einen Artikel in der Süddeutsche Zeitung darüber geschrieben, dass die Helfer-Arbeit manchmal auch richtig schlecht läuft. Aus dem preisgekrönten Artikel wurde nun ein Buch, mit den eigenen Erfahrungen und mit ganz vielen Gesprächspartnern. Der Titel: "Flucht und Segen. Die ehrliche Bilanz meiner Flüchtlingshilfe".

Zündfunk: Sie schildern in dem Buch einige frustrierende Erlebnisse. 

"Flucht und Segen" von Ann-Kathrin Eckardt ist bei Pantheon erschienen und kostet 14,99 Euro

Ann-Kathrin Eckardt: Davon gab es einige. Um nur zwei Beispiel zu nennen: Nadja und Jusuf haben durch viele glücklich Fügungen eine neue Wohnung bekommen, eine Sozialwohnung mit vier statt wie bisher nur zwei Zimmern. Weil ich an dem Wochenende ihres Auszugs nicht da war, habe ich ihnen kurz erklärt, was sie machen müssen: aufräumen, Termin zur Übergabe machen usw. Wie sich dann herausstellte, war die Wohnung überhaupt nicht aufgeräumt, der Müll wurde nicht rausgebracht, nichts. Als ich die Fotos gesehen habe, die mir die alte Vermieterin als Beweis geschickt hatte, war ich wirklich den Tränen nahe. Ich dachte mir, das gibt’s nicht. Nadja hat sich später entschuldigt: Jusuf hätte gesagt, er putzt und sie hat mit ihm geschimpft. Das war schon sehr frustrierend, vor allem, weil ich mich danach noch sehr bemüht hatte, dass die beiden nicht die 5.000 Euro Kosten zahlen mussten, die die Vermieterin von ihnen haben wollte. Das fand ich dann auch wieder übertrieben, das hat mich auch wieder geärgert. Ein anderes Mal habe ich einen Praktikumsplatz für Nadja in einer Kinderkrippe gesucht. Ich habe mir die Finger wund telefoniert und als ich dann endlich einen Praktikumsplatz hatte und Nadja ganz freudig anrufe, sagt sie: sie muss erst mit Jusuf reden. Fünf Stunden, zwei Tage die Woche geht nicht, so lange, kann er nicht auf den Kleinen aufpassen. Dann hab ich wieder telefoniert und konnte mich mit der Elterninitiative auf zwei Stunden an fünf Tagen einigen. Dann ruf ich Nadja wieder an: es klappt, du kannst anfangen! Dann war sie wieder sehr verhalten: nein, Jusuf meint, auch zwei Stunden sind zu lang für ihn. In dem Moment hätte ich echt das Telefon an die Wand schmeißen können.

Haben Sie in dem Moment auch mal gedacht: jetzt schmeiß ich alles hin?

Ja, in dem Moment sicherlich. Und auch am Tag danach noch. Am zweiten Tag kam dann schon wieder die Überlegung: Wenn die Eltern schon keinen richtigen Job hier kriegen, will ich, dass die Kinder einen richtigen Job hier kriegen und einen leichteren Eintritt in die Gesellschaft bekommen. Später habe ich dann auch reflektiert, was ich für Fehler gemacht habe. Ich bin zu schnell vorgeprescht. Nadja hat sich gar nicht getraut zu sagen, dass es für sie zu früh ist mit einem Praktikum, der Kleine war erst sechs Monate alt. Erst später, als ich interkulturelle Seminare belegt habe, bin ich mir darüber bewusst geworden: vielleicht muss ich auch erst dem Mann einen Job suchen und dann der Frau, weil das einfach kulturell nicht geht, wenn erst die Frau einen hat. Ich kann mir wahrscheinlich viel Arbeit ersparen, wenn ich genauer hinhöre oder diese Dinge beachte.

Macht es Sinn, dass man als Helfer interkulturelle Seminare besucht?

Ich finde ja. Am Anfang habe ich mir immer gesagt, mir fehlt die Zeit, mein Ehrenamt jetzt auch noch vor- und nachzubereiten und an Wochenenden auf irgendwelche Seminare zu gehen. Aber als ich die dann gemacht habe, war das sehr bereichernd. Ich kann das nur jedem empfehlen. Mir sind ganz viele Lichter aufgegangen und es gab sehr viele Aha-Erlebnisse.

"Die ehrliche Bilanz meiner Flüchtlingshilfe" ist die Unterzeile dieses Buchs "Flucht und Segen". Gab es denn zu viele "unehrliche" Bilanzen? Oder muss man Angst haben, dass man Applaus von der falschen Seite bekommt, wenn man Probleme ehrlich benennt?

Als ich damals den Artikel in der SZ geschrieben habe, der die Grundlage für dieses Buch war, hatte ich schon Angst. Davor, dass sich die rechte Seite Beispiele aus dem Buch rauspickt und sagt: 'Schau, genauso ist es. Die räumen die Wohnung nicht auf, die nehmen die Jobs und die Praktika nicht an, die wir ihnen suchen.' Und ich hatte andererseits auch das Gefühl, dass damals Flüchtlingshelfer bzw. auch ich selber eher die schönen Geschichten erzählt habe. Die mit der Wohnung habe ich echt lange nicht erzählt. Deswegen steht auf dem Buch "ehrliche Bilanz". Weil ich auch im Bekannten- und Verwandtenkreis wirklich lieber die schönen Geschichten vom Sprachenlernen erzählt habe und nicht die anderen.

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Aber es war Zeit dafür oder?

Ja, es war auf jeden Fall Zeit. Ich fand, dass es die Diskussion so nicht gab oder sie zumindest nicht laut genug öffentlich geführt wurde. Dass auch die Flüchtlingshelfer sagen können, was überhaupt nicht funktioniert, und dass die auch mal frustriert sind. Und dass die Flüchtlingshelfer auf der anderen Seite aber auch nicht so als Engel stilisiert werden, die sie auch nicht sind. Da will jeder was für sich rausnehmen und macht das nicht nur aus altruistischen Gründen, behaupte ich.

Aber Sie haben auch einiges gelernt bei der ganzen Geschichte.

Ich habe wahnsinnig viel gelernt. Viel über mich, aber ich habe auch viel von den Flüchtlingsfamilien gelernt, um die ich mich gekümmert habe, zum Beispiel wie sie anders mit Kindern umgehen. Ich finde es ganz toll, wie die Männer mit den Kindern umgehen. Der Mann von Hazal etwa nimmt mir mein schreiendes Kind aus dem Arm und hält es in irgendeinem Babygriff und schon ist das Kind ruhig! Welcher deutsche Mann würde das machen? Es ist wirklich sehr berührend, auch wie sie mit meinen Kindern umgehen. Ich habe sehr viel über Familienleben und –zusammenhalt von ihnen gelernt. Und auch, was ich für ein Glück habe, dass ich meine Familie hier habe, meine Eltern besuchen kann. Was für ein Drama es ist, wenn man das nicht kann, wenn einer stirbt und man nicht hinfahren kann. Das alles hält mir sehr oft vor Augen, was für ein Glück ich habe, hier geboren zu sein.


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