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Überwachung statt Durchblick Anklage gegen die Transparenzgesellschaft

Der Philosoph Byung Chul Han hat in seinem erstem Buch "Müdigkeitsgesellschaft" gezeigt, was die Moderne mit uns macht: Sie saugt uns aus. Nun hat Byung Chul Han ein neues Werk veröffentlicht: Transparenzgesellschaft. Wieder ein kurzes Büchlein mit gewichtigem Inhalt.

Von: Sammy Khamis Stand: 13.07.2012
Der Philosoph Byung Chul Han | Bild: Matthes & Seitz Berlin

"Das Transparente ist geglättet, durchsichtig, eingeebnet, operational. Transparenz ist ein neues Wort für Gleichschaltung."

Byung Chul Han in Transparenzgesellschaft

Das schreibt der Philosoph Byung Chul Han gleich zu Beginn seines Buchs "Transparenzgesellschaft". Es ist ein kurzer Text, der sich liest wie eine Anklageschrift gegen die Idee, dass Transparenz etwas Positives ist.

Kein anderes Schlagwort beherrscht heute den öffentlichen Diskurs so sehr wie die Transparenz. Sie wird vor allem im Zusammenhang mit der Informationsfreiheit empathisch beschworen. Die allgegenwärtige Forderung nach Transparenz, die sich zu deren Fetischisierung und Totalisierung verschärft, geht auf einen Paradigmenwechsel zurück, der sich nicht auf den Bereich der Politik und Wirtschaft begrenzen lässt. Diesen Paradigmenechsel verortet Han im Übergang einer Negativ- in eine Positivgesellschaft.

Was meint er damit?

Eine Positivgesellschaft ist eine Gemeinschaft ohne Geheimnisse. Das fängt an bei Facebook-Bildern, setzt sich fort bei der Partnersuche und gipfelt in den staatlichen Datensammlungen. Transparenz ist Durchleuchtung, Durchleuchtung des Einzelnen. Han sieht darin zwei große Gefahren.

Erste Gefahr

Transparenz ist für ihn durchsichtig, farblos und vor allem inhaltsleer. Denn Transparenz ist noch kein Wert an sich, keine Idee, kein Programm. Deshalb kritisiert er auch die Partei, die unter dem Schlagwort Transparenz gerade ein Länderparlament nach dem anderen erobert: die Piraten. Für Byung Chul Han setzen die Piraten

"die Entwicklung zur Post-Politik fort, die einer Entpolitisierung gleichkommt. Sie ist eine Anti-Partei, ja die erste Partei ohne Farbe. Die Transparenz hat keine Farbe. Farben sind dort nicht als Ideologien, sondern nur als ideologiefreie Meinungen zugelassen. Meinungen sind folgenlos. Sie sind nicht so durchgreifend und durchdringend wie die Ideologien. … Die Flexibilität der 'Liquid Democarcy' besteht darin, situativ Farben zu wechseln. Die Piraten-Partei ist eine farblose Meinungspartei."

Transparenzgesellschaft

Zweite Gefahr

Transparzenz löst Machstrukturen nicht auf. Sie vermittelt nur die Illusion der Nachvollziehbarkeit – ändern wird sich aber nichts. Im Gegenteil: Wer Transparenz fordert, so Han, der tut dies nur, um eine gefestigte politische Struktur zu bestärken. Die  Wiki-Leaks-Veröffentlichungen zum Irak-Krieg haben deshalb weniger aufgeklärt, sondern vom Eigentlichen abgelenkt - nämlich Krieg, Geheimdienste und Armeen grundsätzlich zu hinterfragen.

Byung Chul Han geht sogar noch weiter und setzt Transparenz mit Kontrolle und Überwachung gleich. Dafür wendet er Michel Foucaults Idee des Panoptikums auf die Gegenwart an. Das Panoptikum ist eine architektonische Formation, gerne ein Gefängnis, in dem die Gefangenen überwacht werden können.

"Heute vollzieht sich die Überwachung nicht, wie man gewöhnlich annimmt, als Angriff auf die Freiheit. Man liefert sich vielmehr freiwillig dem panoptischen Blick aus. Man baut geflissentlich mit am digitalen Panoptikum, indem man sich entblößt und ausstellt. Der Insasse des digitalen Panoptikus ist Opfer und Täter zugleich. Darin besteht die Dialektik der Freiheit. Die Freiheit erweist sich als Kontrolle."

Transparenzgesellschaft

Und das nicht nur in der Politik, sondern auch in Bereichen wie der Sexualität und der Wirtschaft. Was Hans Betrachtungen vom reaktionären Kulturpessimismus eines CSU-Landesverbandes unterscheidet, ist die Präzesion seiner Analyse. Er fordert keinen starken Staat, sondern ein starkes Indivduum, eine starke Intuition und eine starke Phantasie.

"Mehr Information führt erwiesenermaßen nicht notwendig zu besseren Entscheidungen. … Durch wachsende, ja wuchernde Informationsmasse verkümmert heute das höhere Urteilsvermögen." Transparenzgesellschaft

Das Geheimnis ist die Lösung

Nicht die Transparenz ist der Weg aus politischen, sexuellen oder wirtschaftlichen Sackgassen. Han bricht eine Lanze für das Geheimnis. Und was ist geheimnisvoller als das eigene Denken? Dieses Denken gilt es zu entdecken, nicht zu durchleuchten. Das Buch "Transparenzgesellschaft" hilft uns genau dabei.

Das Buch ist im Matthes & Seitz Berlin Verlag erschienen, hat 96 Seiten und kostet € 10.


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