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Ars Electronica 2012 Wie Maschinen immer tierischer werden

Mit dem Werk „Desire of Codes“ der japanischen Künstlerin Seiko Mikami ist auf der Ars Electronica eine Installation aus Überwachungskameras zu sehen, die dem Besucher wie ein lebendiges Insekt erscheint. Eine von vielen Spielereien an der Schwelle von Kunst zu Technik.

Von: Laura Freisberg Stand: 03.09.2012
Videoinstallation "Desire Of Codes" von Seiko Mikami auf der Ars Electronica 2012 | Bild: BR

Im ersten Raum der Ausstellung von Seiko Mikami „Desire of Codes“ hängen sechs Überwachungskameras von der Decke herunter, an Armen, die sich in alle Richtungen drehen. Man wird erst einmal angeglotzt. Auch die Wand im nächsten Raum ist mit Kameras übersät. Sobald man sich auf sie zu bewegt, werden sie ganz nervös und leuchten einen an - wie viele kleine Augen oder Zeigefinger. Was diese Kameras aufgenommen haben, sieht man zeitversetzt auf einer Fläche, die aussieht wie ein Fliegenauge aus wabenförmigen Bildern.
Ob und wie lange die Videos der Besucher gespeichert werden, wissen die Gefilmten nicht so genau. Wie im wirklichen Leben. Der Kunsthistoriker Andreas Broeckmann stellt die Installation vor - inklusive gesellschaftskritischer Interpretation:

"Ich denke schon, wenn man sich hier mit dieser Installation beschäftigt, kommt man nicht umhin, darüber nachzudenken, was das eigentlich für ein System ist, das das hier treibt."

Andreas Broeckmann

Die Maschine mit eigenem Willen wirkt am Ende ziemlich sinnlos - und doch bedrohlich. Die Ars Electronica ist aber eigentlich eher ein Ort für Technikfreunde. Hier gibt es sogar eine Großinstallation mit 50 Quadrocoptern - kleinen Flugdrohen, die als Geschwader Formationen fliegen können - und mit bunten Lampen am Bauch zu Kunst erklärt werden. Sieht hübsch aus und harmlos.

An der Schwelle von Technik zu Kunst

Segeldrohne auf der CyberArtsShow

Auch im Museum, in der CyberArts Show, ist eine Drohne ausgestellt: ein kleines Boot, das eher für Meerschweinchen als für Menschen gebaut wurde. Es zieht einen langen, watteähnlichen Schweif hinter sich her, mit dem es Ölteppiche aufsaugen soll. Wo die Ölteppiche sind, weiß die Segeldrohne. Ziemlich genial. Könnte aber auch auf einer reinen Technikmesse ausgestellt werden.

Weniger nützlich, aber ebenfalls an der Schnittstelle zwischen Kunst und Physik, sind die Arbeiten des Berliner Künstlers Julius von Bismarck. Er berichtet auf der Ars Electronica von seinen Erfahrungen als „artist in residence“ am schweizerischen Forschungsinstitut CERN - das ist die Röhre mit dem Teilchenbeschleuniger. Bekannt wurde Julius von Bismarck vor ein paar Jahren mit seiner Entwicklung des Fulgurators, einer Art Bilderpistole, die Fotos manipuliert noch während sie aufgenommen werden. So hat er schon ein Kreuz auf das Rednerpult von Obama projiziert oder ein großes NO über den Papst.  Die Strahlen des Fulgurators sieht nur der Fotoapparat, nicht das normale Auge. Bei der Ars Electronica ist sein mathematischstes Werk zu sehen: vier Lampen, die in einem bestimmten Rhythmus schwingen - mal synchron, mal scheinbar chaotisch. Eigentlich eher eine Denksportaufgabe für den Betrachter. Zuviel Mathematik ist aber auch nicht gut, erklärt Julius von Bismarck:

"Die Gefahr besteht auf jeden Fall, dass man sich als Künstler, wenn man sich mit solchen wissenschaftlichen Themen beschäftigt, auch vielleicht zu tief reinarbeitet. So weit, dass man seine Zeit irgendwann damit verbringt, nur noch zu verstehen, was da passiert und das zieht einen so richtig rein. Und da muss man halt im richtigen Augenblick dann sagen: Okay, bis zu diesem Punkt reicht es mir. Ich muss jetzt damit arbeiten. Und direkt nach den zwei Monaten am CERN bin ich erst mal in mein Studio und habe an einer Sache gebaut, mit meinen Händen. Das brauchte ich dann als Ausgleich zu der ganzen Kopfarbeit."

Julius von Bismarck

Augen, Flügel und Fühler

Die Kunst wird einerseits immer abstrakter: wenn nämlich Julius von Bismarck erklärt, dass bei seiner Lampeninstallation nicht die Lampen das Kunstwerk sind, sondern der mathematische Rhythmus, den sie darstellen. Andererseits wird die Technik aber immer greifbarer und erinnert an die Tierwelt: als insektenähnliche Installation, die wie ein Schwarm auf den Betrachter reagiert, als Glühwürmchen am Himmel oder als Segelboot mit Schweif, das aussieht wie die Rückenflosse eines Walfischs.


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