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Album der Woche: "Offerings" Nach Arcade Fire und Broken Social Scene sind Typhoon das nächste große Indie-Kollektiv

Typhoon klingen wie ein Echo aus einer anderen Indie-Ära. Bright Eyes, Arcade Fire und Broken Social Scene lassen grüßen. Das Indie-Kollektiv aus Portland/Oregon liebt die große Geste. Unser Album der Woche.

Von: Ralf Summer

Stand: 15.01.2018

Verletzlich, instabil aber intensiv – es ist diese Art von Stimme: Tom Verlaine von Television hatte sie in den 70ern, Richard Butler von den Psychedelic Furs in den 80ern oder Conor Oberst von Bright Eyes in den Nuller Jahren. Und seitdem ist Indie voll von diesen waidwunden, angeschossen wirkenden Männern: Sie schneiden sich durch den Bandsound und fesseln einen. Kyle Morton heißt dieser begnadete Sänger mit der Schimmer-Stimme.

Typhoon kommen aus Portland/Oregon. “Offerings” ist bereits ihr viertes Album. Bisher war das Kollektiv mit seinen acht Musikern eher ein Geheimtipp im US-Indierock. Mit der neuen Platte wird die Aufmerksamkeit wachsen. Typhoon sind rockiger geworden, konzentrierter – auch inhaltlich. Die neue Platte ist eine Art Konzeptalbum zum Thema “Gedächtnisverlust”. Kyle Morton sagt: “Stellt euch das Ende Eures Lebens vor. Ihr hattet einen neugierigen Geist – er ist nun klein zusammengerollt. Zu einem Moment oder ein paar Sekunden – zu Erinnerungen.” Und wehe sie verschwinden.

Was bedeutet Geschichtsverlust für eine Gesellschaft?

Schon zu Beginn der Platte warnt uns der Sänger: „Von allen Dingen, die du verlieren wirst, ist das das Schmerzvollste.“ Gemeint ist das Gedächtnis, das die Identität mit formt. 70 lange Minuten und über 2.300 Worte lang skizziert Kyle Morton die Geschichte einer Person und verknüpft damit Fragen wie: Was ist Erinnerung? Was heißt Geschichte? Was bedeutet Gedächtnisverlust für den einzelnen und was Geschichtsverlust für eine Gesellschaft – in dem Fall: für das moderne Amerika?

Typhoon lieben die große Geste: Violinen, Celli und Akkordeon machen das Panorama weit. Die 14 Songs sind unterteilt in vier Kapitel – angelehnt an die fortschreitenden Stadien einer Demenz. Aber Morton stellt keine medizinische Diagnose - er hält uns eher den soziologischen Spiegel vor: Wir haben Zugang zu allen Informationen, aber was bedeutet das schon für unseren Geist? Kaum hat er die Zeilen „Eyes on the screen. We have all the information now, but what does ist mean?“ gesungen, schon verschwimmt, verrauscht der Text wie eine Nachricht auf einem kaputten Bildschirm: Informationsüberfluss und Gedächtnisverlust liegen nah beieinander

Wie ein Echo aus einer anderen Indie-Ära

Am besten sind Typhoon dann, wenn sich Kyles klagender Gesang an die weibliche Stimme der Cellistin Shannon Steele schmiegt – wie im zweitlängsten Stück, dem achtminütigen “Empiricst”. Dann weiß man wieder, warum wir in den 90ern oder den Nuller Jahren die großen, nordamerikanischen Indie-Kollektive so gerne mochte: die frühen Arcade Fire, Broken Social Scene oder die Decemberists: Es war Musik, die an einem gezogen und gerüttelt hat. Sie sprachen einem aus dem Herzen. Ohne dass man die Texte komplett verstanden hat. Oder täuscht mich da – um beim Thema der Platte zu bleiben - mein Gedächtnis? Typhoon klingen wie ein Echo aus einer anderen Indie-Ära. Aber dafür darf man Pop ja immer dankbar sein: Für die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Danke, Typhoon, für die Gedächtnisauffrischung in Sachen Indierock!


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