Bayern 2 - Zündfunk


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Die Inflation des fünften Sterns Gibt es zu wenig Verrisse in der Popkritik?

Ob Kunst oder Kommerz - die Pop-Alben der vergangenen Jahre kommen durch die Bank gut weg. Aus einem Teenie-Idol wird dann schnell die Pop-Poetin. Ist die Musik so gut - oder sind wir so anspruchslos geworden?

Von: Aron Morhoff

Stand: 30.08.2017

 Die US-amerikanische Sängerin Taylor Swift steht am 19.06.2015 in der Lanxess Arena in Köln auf der Bühne.  | Bild: picture-alliance/dpa

"Ich habe die Richtlinie herausgegeben, dass wir keine Verrisse von neuen Bands machen. Es kommen im Monat, ich weiß nicht wie viele, ... 1000 Alben raus - und dann von irgendeiner unbekannten Band aus Stuttgart oder aus Memphis, die irgendwie … 300 Alben verkauft, einen Verriss zu bringen, das nützt niemandem was. Es nützt der Band nicht, es nützt dem Leser nicht."

Albert Koch, Redakteur bei der Zeitschrift Musikexpress

Albert Koch vom Musikexpress weiß, wovon er spricht. Seit über 20 Jahren ist er dort, seit 2015 Chefredakteur. Er hat mehr Platten besprochen, als die meisten anderen in ihrem Leben gehört haben. Koch sieht sich dabei nicht als Vorschlaghammer des Musikjournalismus, sondern als Connaisseur, der aus der Flut an Neuerscheinungen die Perlen auswählt.

Superstars wie Kanye West, Rihanna oder Kendrick Lamar müssen heute nicht mehr zwingend auf Magazincover gedruckt werden, sie haben auf Social Media mehr Follower, als der Musikexpress in den letzten 20 Jahren an Heften verkauft hat. Das Machtverhältnis zwischen Musik und Medien hat sich umgekehrt, so Carlos Steurer, Autor beim Hip-Hop-Magazin JUICE:

"Also, wenn ein Magazin eine schlechte Review über einen Künstler schreibt, ist die Angst da, dass der Künstler dann im Härtefall sagt, er spricht mit dem Magazin nicht mehr. Was im Umkehrschluss nicht heißen kann, dass man alles gutheißt, was der Künstler macht, aber dann überlegt man sich im Zweifel halt natürlich nochmal genauer, wie schlecht man den Künstler jetzt bewertet."

Carlos Steurer, Juice

Ist die Unabhängigkeit in Gefahr?

Dieses Verhalten ist problematisch - und es wirft Fragen auf: Wie kritisch ist ein Autor, wenn er Künstler bei der Stange halten muss? Und schaufeln sich Magazine ihr eigenes Grab, wenn sie negativ rezensieren? Denn im schlimmsten Fall verlieren sie nicht nur den Künstler als Interviewpartner, sondern auch die Plattenfirmen als Werbekunden. Albert Koch vom Musikexpress meint:

"Also, Titel sind reine Redaktionsentscheidungen und wir nehmen Bands, zu denen wir stehen und bei denen wir auch die Alben schon gehört haben. Wenn wir einen Künstler aufs Cover bringen, dann haben wir davor eigentlich auch das Album zu hören bekommen und für uns schon festgelegt, dass wir das einigermaßen gut finden."

Albert Koch

Finanzielle Interessen spielen laut Albert Koch und Carlos Steurer also kaum eine Rolle bei den Albumrezensionen. Und trotzdem ist die Titelseite für Kendrick Lamar beim Albumrelease reserviert, weil sich ein Heft mit Rap-Superstar nun mal besser verkauft.

Aus Teenie-Idol wird Pop-Poetin

Das Bauchgefühl sagt: Es werden mehr Platten positiv besprochen. Aber kann man dieses Bauchgefühl mit Fakten unterfüttern? Die Plattform Metacritic.com kann ein Indikator sein. Die Seite sammelt Rezensionen und bildet dann einen Mittelwert. Was bei der Auswertung auffällt und auch in Deutschland zu beobachten ist: Es werden nicht nur weniger Verrisse produziert - auch kommen mittelmäßige Alben viel zu gut weg. Ein Beispiel dafür ist Taylor Swift: Aus dem Teenie-Idol wird in der Kritik die "Prophetin des Pop". In Kritiken heißt es: "Sie besitzt eine gewisse Wahrhaftigkeit und Kraft, wie sie selten ist im kommerzialisierten Pop." Das schreibt der Telegraph. Der Rolling Stone setzt noch einen drauf: "Sie träumt größer, sie gibt mehr Preis als irgendjemand sonst im Geschäft. Taylor Swift ist zutiefst schräg, fieberhaft, emotional, wild und enthusiastisch." Durchschnittliche Alben werden so zu musikalischen Offenbarungen. Albert Koch gibt der Eventisierung von Musik die Mitschuld:

"Ich sag immer, dass viele Alben von großen Bands als Event gefeiert werden. Da wird eigentlich nicht das Album gefeiert, sondern die Tatsache: 'Oooh, Daft Punk bringen nach soundso vielen Jahren wieder ein neues Album raus.' Und das klebt den Kritikern so ein bisschen die Ohren zu und dann wird das gehypt ohne Ende."

Albert Koch

Nicht alles, was Pop ist, ist auch Philosophie

Dass man kleine Bands nicht in die Tonne tritt, ist nachvollziehbar und ehrenhaft. Die Popkritik allerdings feiert viel zu häufig die großen Player - und macht aus Entertainment Meisterwerke der Popkultur. Stattdessen sollten Kritiker die Dinge wieder beim Namen nennen: Nicht alles, was Pop ist, ist auch Philosophie.


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