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Der zweite Winter auf Lesbos Die katastrophalen Zustände im Flüchtlingslager "Moria"

Das Lager Moria auf Lesbos ist ein sogenannter "Hotspot" an Europas Außengrenzen. Die humanitären Bedingungen im Flüchtlingslager auf der griechischen Insel sind katastrophal, der Papst bezeichnete es als "KZ". Ein Zwischenbericht.

Von: Alexandra Martini

Stand: 23.01.2018

Moria Camp auf Lesbos | Bild: Natasa Papanikolaou

Einer der letzten Außenposten im Südosten Europas: Die griechische Insel Lesbos
Die Psychologin Monika Gattinger hat auch schon in Mossul für die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" gearbeitet. Aber den Menschen hier im Camp Moria auf Lesbos, denen geht es schlechter, sagt sie: "Sie sind meistens völlig durchnässt, die Kinder spielen im Schlamm und zwischen dem Müll. Die Menschen müssen sich für die Duschen anstellen und streiten sich darum, obwohl es eh nur kaltes Wasser gibt. Die Toiletten sind völlig verdreckt. Diese ganzen Lebensbedingungen sind entsetzlich. Eigentlich fehlt es hier an allem total. Die Menschen sind in unbeheizten Zelten untergebracht oder in überfüllte Container gestopft."

"Welcome to Moria Prison"

Auf die Mauer des stacheldrahtumzäunten Camps hat jemand "Welcome to Moria Prison" getaggt. Für Monika Gattinger eine treffende Beschreibung. Die Menschen würden im Moria Camp nicht wie Asylsuchende sondern eher wie Kriminelle behandelt. Das Camp war ursprünglich auf 2.000 Menschen ausgelegt. Jetzt sitzen dort um die 5.500 Menschen fest. Viele von ihnen leben dort schon, seitdem es das EU-Türkei-Abkommen gibt - also seit fast zwei Jahren. 40 Prozent von ihnen sind Kinder, 20 Prozent Frauen.

Und sie leben in ständiger Angst, nicht nur vor einer Abschiebung sondern auch vor Gewalttaten, die unter den ständigen Spannungen fast täglich stattfänden, wie die Psychologin Monika Gattinger erklärt: "Viele der Männer dort betäuben ihr Leid sozusagen mit Alkohol. Es kommt zu ganz vielen sexuellen Übergriffen. Frauen trauen sich nachts gar nicht mehr das Zelt zu verlassen, um die Toilette aufzusuchen."

Im Camp Moria

Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" hat sich aus Protest gegen den EU-Türkei-Deal aus dem Camp Moria zurückgezogen. Um trotzdem Hilfe zu leisten, betreuen Monika Gattinger und ihre Kolleg*innen psychologische Härtefälle in einer eigenen Klinik auf der Insel. Die meisten ihrer Patienten leiden unter schwersten posttraumatischen Belastungsstörungen, beschreibt Gattinger: "Es sind Menschen die akut selbstmordgefährdet sind, an akut psychotischen Störungen leiden, sich selbst verletzen, weil sie im Leid weder ein noch aus wissen."

Alle Patienten von Monika Gattinger haben in ihren Heimatländern oder auf der Flucht Folter oder sexuelle Gewalt erlebt, Familienangehörige verloren oder mussten zusehen, wie Angehörige getötet wurden. Und dann, sagt Monika Gattinger, kämen sie nach Moria, sähen diese Zustände und brächen seelisch zusammen. Die Psychologin beobachtet, dass sich der psychische Zustand der Flüchtlinge dramatisch mit jedem Monat verschlechtert, den sie im Camp ausharren müssen.

500 Menschen mit akuten psychischen Problemen stehen derzeit auf der Warteliste für eine psychologischen Betreuung von "Ärzte ohne Grenzen". Kinder können auf Lesbos zur Zeit gar nicht psychologisch betreut werden. Seit dem EU-Türkei-Abkommen im Frühjahr 2016 hat sich die Situation für die Flüchtlinge auf Lesbos stetig verschlechtert.

Wie kann das sein?

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Der EU-Türkei-Deal: Flüchtlinge, die auf Lesbos ankommen, sollen schnell in die Türkei zurückgeschickt werden, wenn ihr Recht auf Asyl negativ beschieden wurde. Anerkannte Flüchtlinge sollen aufs griechische Festland gebracht werden. Doch die Umsetzung des Deals hakt seit Beginn. Die Verfahren dauern Monate bis Jahre. Mit der Folge, dass pro Monat im Durchschnitt nur zwei Dutzend Rückführungen stattfinden, während gleichzeitig monatlich rund 2.000 Menschen neu auf der Insel ankommen. Und bezüglich Unterbringung und Versorgung spielen die EU, die griechische Regierung und die Inselverwaltung das Blame Game:

Die EU sagt, Griechenland verwende die dafür bereitgestellten EU-Gelder nicht angemessen. Griechenland weist das zurück und beklagt, dass die Inselverwaltung von Lesbos eine Verbesserung der Lager boykottieren würde. Und die Insel? Fühlt sich allein gelassen und überfordert. Hört man sich unter Flüchtlingshelfern um, sprechen viele von einer kalkulierten Abschreckungspolitik. Und der griechische Migrationsminister Ioannis Mouzalas sagte dem Spiegel Anfang Dezember: "Wenn wir die Inseln entlasten, würde das den Schleppern in die Hände spielen - so würden immer neue Flüchtlinge ankommen."

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München, Deutschland, ein Sehnsuchtsort vieler Flüchtlinge auf Lesbos
Die Integrationsbeauftragte der bayerischen Staatsregierung, Kerstin Schreyer, kommt gerade zurück von Lesbos. Sie wollte sich selbst ein Bild machen. Die Inseln würden sich von Griechenland allein gelassen fühlen - aber auch vom Rest Europas. Probleme auf der Insel hätte Folgen für ganz Europa.

Nicht zu kritisieren sei ihrer Ansicht nach die Arbeit der Europäischen Asylbehörde auf Lesbos. Auch wenn die Verfahren lange dauerten. Schreyer ist davon überzeugt, dass sie gründlich ablaufen müssten. Sie ist daher gegen Schnellverfahren. Unterbringung, Sicherheitsstandard und die Situation der Geflüchteten hingegen bezeichnet sie als "schwierig". Und wünscht sich: "Dass wir dann die Einrichtungen so aufbauen, dass es dort wirklich menschenwürdig abläuft."

Grundsätzlich soll Lesbos allerdings ein Hotspot bleiben. Am EU-Türkei-Deal hält Kerstin Schreyer fest. Die Menschen sollten nicht ohne Asylverfahren aufs Festland gelangen. Denn Schreyer fürchtet, dass sie dann nach Deutschland kommen. In der EU steht nun eine Änderung der Dublin-Verordnung im Raum, nach der Flüchtlinge nicht verstärkt dort Asyl beantragen, wo sie ankommen - was im Moment Lesbos wäre - sondern da, wo die meisten Familienangehörigen leben.

Für Kerstin Schreyer ist eine Änderung dieser Verordnung undenkbar: "Wäre das Kriterium, wo welche Verwandten leben, dann wären die Länder benachteiligt, die das großzügig ausgelegt haben. Wir haben in Deutschland ein ganz ein tolles Asylrecht. Hier darf wirklich jeder kommen, egal ob er bestimmte Berufe ausübt, wenn er persönlich verfolgt wird. Und deshalb kann es nicht sein, dass wir auch noch dafür bestraft werden, dass wir Herz haben."

Herz spüren die Menschen, die derzeit auf Lesbos ausharren, nicht

Für Monika Gattinger, die Psychologin von Ärzte ohne Grenzen wirkt die bewusste Abschreckung zynisch und menschenfeindlich. Aus eigener Erfahrung weiß sie: Die Flüchtlinge haben massive Gründe zur Flucht und sind auf der Suche nach einem sicheren Ort. Uns deshalb sollten die Menschen so schnell wie möglich auf dem Festland versorgt werden.

Dort, wo es bessere Bedingungen gibt. Sie wünscht sich, "dass Politiker in Europa endlich wirklich ihre Verantwortung wahrnehmen und die Flüchtlinge hier in ihrem Leid wirklich menschlich behandelt und in ihren Rechten geachtet werden." Es ist schließlich schon der zweite Winter, den Menschen auf Lesbos in Sommerzelten verbringen.


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