Bayern 2 - Zündfunk


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30.12. // (Alb-)Traum der Vernetzung Was meine Zahnbürste der Versicherung sagt

Beim Fernsehen, auf dem Weg zur Arbeit und sogar beim Zähneputzen: Überall werden Daten gesammelt. Unser modernes Leben ist nur möglich, weil wir ein gewisses Maß an Datenaustausch zulassen. Nur: Wo werden Grenzen überschritten?

Von: Sebastian Strube

Stand: 19.12.2015

Die Daten-Sammelwut hat ein ganz neues Niveau erreicht, sagt Markus Morgenroth. Er hat im Silicon Valley als Daten-Analyst gearbeitet und meint: Wir sind ahnungslos, was von uns alles an Daten abgefischt wird.

"Die neue Qualität liegt vor allem auch darin, dass mittlerweile auch Daten gesammelt werden, wenn wir das nicht unbedingt vermuten. Wenn man zum Einkaufen geht zum Beispiel. Man ahnt nicht unbedingt, dass diese kleinen Informationsschnipsel, die man eigentlich für unwichtig hält, zusammengenommen eine sehr hohe Aussagekraft haben. Viele Firmen arbeiten täglich daran, noch mehr aus unserem Leben herauszulesen."

Markus Morgenroth berät Firmen zu Fragen rund um den Datenschutz

Generation Smartphone

Das Berliner Startup-Unternehmen 42reports arbeitet daran, mit sogenanntem Offline-Tracking unser Einkaufsverhalten - auch in ganz normalen Geschäften - zu analysieren. Die Firma bietet ein System an, mit dem ohne großen Aufwand Smartphones erfasst werden können. Das betrifft nicht nur Kunden im Laden, sondern auch alle, die einfach nur am Schaufenster vorbeispazieren.

Aus den Daten erfährt der Ladenbesitzer, wie viele Leute überhaupt vorbeischlendern, wie viele den Laden betreten, wie lange sie sich dort aufhalten und ob man ein neuer Kunde ist oder nicht. Noch sind diese Daten nicht mit individuellen Namen verbunden, doch 42reports verspricht mit seinem Offline-Tracking, dass in Zukunft ein Einzelhändler die Besucherströme in der Fußgängerzone und im Laden genauso umfassend und effizient analysieren kann wie ein Online-Händler seine Webseite.

Gesundheitsdaten - das große Geschäft der Zukunft

Das Smartphone misst mit

Doch neben den Möglichkeiten, die neue Smartwatches, Fitnessarmbänder und ähnliche Gerätschaften haben, sind die Bemühungen von Unternehmen wie 42reports nur Kleinkram. Die Apple Watch etwa erstellt von jedem Träger ein Dauer-EKG und misst ständig den Puls. Mit "Wearables" lassen sich unter anderem zurückgelegte Entfernung, Blutdruck, Schlafphasen und Aufenthaltsort bestimmen. Für Befürworter dieser Technik sind die getrackten Gesundheitsdaten ein Schritt in eine glänzende Zukunft.

"75 Prozent aller US-Amerikaner sind übergewichtig oder sogar fettleibig. Und der Rest wird auch immer dicker. Man kann von einer globalen Gesundheitskrise sprechen. Mit Wearables können wir erkennen, wo die Gewichtsprobleme herkommen und Methoden entwickeln, um das Problem zu lösen. Unsere Utopie: Die Weltgesundheit zu verbessern und den Menschen zu helfen, besser zu leben."

Travis Bogard, Vice President von Jawbone, Weltmarktführer für Fitnessbänder

Der vermessene Mensch

Ob sich mit den Gesundheitsdaten, die mit den kleinen Computern an unseren Körpern erfasst werden, wirklich die Weltgesundheit verbessern lässt, ist umstritten. Nicht umstritten hingegen ist: Mit den Daten lässt ein super Geschäft machen. Die gesamte Gesundheitsindustrie setzt mittlerweile auf die Selbstüberwachung der Patienten. Unter dem Stichwort "quantified self" - Vermessenes Ich - sollen Krankheiten geheilt, neue Medikamente entwickelt und die Gesundheit insgesamt verbessert werden. Ganz vorne mit dabei: die großen IT-Konzerne Google und Apple. Sie investieren Milliarden in den Health-Bereich. Google Gründer Larry Page hat eine "California Life Company" gegründet. Ihr Slogan: "The company to cure death". Weltweit stehen etwa 100.000 Gesundheits-Apps zur Verfügung. Man hofft auf Milliardengewinne. Sie sollen mit Medikamente und Behandlungen verdient werden, die aus den mit Big Data analysierten Daten entstehen.

Die "Datafizierung" des Alltags

Wer sich heute einen Fernseher kauft und ans Internet anschließt, gibt automatisch umfangreiche Daten über seine Fernsehnutzung weiter. Machen kann er dagegen: nichts.

"Das klassische Fernsehprogramm vermischt sich mit dem Internet. Sobald ich Internet-Dienste nutze, ist Anonymität äußerst schwierig. Die Tendenz ist momentan, dass anonymes Fernsehen mehr und mehr verschwindet."

Andreas Sachs, Bayerisches Landesamt für Datenschutzaufsicht

Doch viele Datensammler in unserem Alltag sind dort auch, weil wir es so wollen. Wer etwa bei modernem Car-Sharing mitmachen will, der kann gar nicht anders, als Daten über Anfang und Ende seiner Fahrt zu übermitteln. Er muss dem Anbieter vertrauen, wenn dieser sagt, dass er die Daten nicht für weitere Auswertungen benutzt. Und die rund 4.500 Kameras, die in Münchner U-Bahnen, Trambahnen, Bussen und auf Bahnsteigen installiert sind, stehen da vor allem, weil die Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs das so wollen. Die Kameras geben ihnen ein Gefühl von Sicherheit.


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