Bayern 2 - Zündfunk


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Musik und nationale Identität Wie deutsch kann Pop sein?

Popmusik aus Deutschland. Deutscher Pop. Pop mit deutschen Texten. Deutschpop. Komisches Wort. Wann wird aus einem deutschsprachigen Lied ein Lied über Deutschland, und wann wird aus diesem ein Lied, das Deutschland als imaginierte Gemeinschaft suggeriert? Ein Generator über die Wandlung der deutschen Popmusik zum identitären Angebot.

Von: Markus Metz und Georg Seeßlen

Stand: 02.03.2016

Wie deutsch kann Pop sein?

Musik und nationale Identität. Eine Sendung von Markus Metz und Georg Seeßlen, 10.01.2016 um 22.05 Uhr auf Bayern 2

Popmusk mit deutschen Texten ist Deutschpop? All die Genres und Subgenres des Pop – Beat, Rock, Heavy Metal, Reggae, Punk, HipHop, Indie… deutscher Text dazu, und fertig ist Deutschpop?

Deutschpop ist Popmusik mit deutschen Texten, bei denen das Deutschsein irgendwie wichtig ist. Deutschpop kann alles mögliche sagen, er sagt aber immer gleichzeitig: Schau her, wie deutsch ich bin. Im Hintergrund wehen da immer schwarz-rot-gelbe Fähnchen. Mal ein bisschen trist im Smog der Stadt, mal begeistert im Wind.

Also nationaler Pop? Oder schon Nationalpop? Nationalpop für eine Popnation vielleicht. Musik für eine Nation, die sich vor allem über Popkultur versteht. Musik für Popnationalisten? Popmusikalischer Nationalismus? Im schlimmsten Fall.
Jedenfalls: identitär.

"Grundsätzlich eignet sich Popmusik sehr, um Identitäten zu mediatisieren, in die Welt hinauszuschreien, zu konsolidieren, vor allem auch deswegen weil Popmusik klassisch der Jugend zugeordnet ist. Die Jugend ist der Zeitpunkt im Leben, wo sich Identitätsfragen stellen und Identitätsverschiebungen anbahnen. Zugleich löst Popmusik aus alten Identitäten heraus und vermischt Identitäten, die eigene mit der fremden des Stars, das ist ein vielschichtiges Feld."

Frank Apunkt Schneider, Testcard- Mitherausgeber und Autor des Buches 'Deutschpop halt’s Maul'

Der Volks-Rock'n'Roller Andreas Gabalier

Als Identität kann man Eigenschaften von zwei oder mehreren Dingen oder Personen oder Ideen ansehen, die mit einander zur Deckung gebracht werden, auch wenn sie verschiedenen Systemen entstammen. Ich bin ein Deutscher, weil Deutsche so sein sollen wie ich, und ich höre deutsche Musik, weil sie so ist, wie Deutsche sind, also wie ich. So etwa könnte ein identitärer Zirkelschluss aussehen – und zwar noch unabhängig davon, ob auch die Worte deutsch und Deutschland explizit im Dialog oder eben in einem Song-Text vorkommen. Genau so funktioniert etwa ein deutscher Schlager. Deswegen empfinden die Zuhörer ein Helene Fischer-Konzert nicht nur als musikalischen Genuss, sondern zelebrieren es auch als große Identitätsfeier. Ganz zu schweigen von den so genannten Volksrockern wie Andreas Gabalier, die das nationale, in diesem Fall österreichische Herz ganz bewusst in Wallung bringen.

Popmusik hat lange Zeit genau anders herum funktioniert. Als Hilfe dabei, sich in politischer, sexueller und kultureller Hinsicht die Dinge offen zu halten. Als Rebellion gegen eine vorgegebene, pädagogisch und familiär erzwungene Identität. Oder wenigstens als lustvolles Spiel mit Identitätsmasken und -mixturen.

Wann wird aus einem deutschsprachigen Lied ein Lied über Deutschland?

Zu identitären Strategien, wie sie die politische Psychologie beschreibt, gehören zwei Grundmodelle: Die "imaginierte Gemeinschaft" und "die erfundene Tradition". Eine imaginierte Gemeinschaft findet sich zum Beispiel über bestimmte Symbole: Der Iro oder die Ketten des Punk, die bayerische Lederhose, der schottische Dudelsack, die deutsche Fahne oder eben der Kaiserschmarren. Aber während der Iro ganz deutlich macht, dass diese Gemeinschaft eine ist, die man sich frei gewählt hat, die man jederzeit wieder ändern kann, und die nicht für die Ewigkeit gedacht ist, zeigt sich die Lederhose als historische und kulturelle Verpflichtung, eben weil sie mit der erfundenen Tradition verbunden ist. Der Punk-Iro sagt: Ich will jetzt so sein und mit Leuten abhängen, die auch  jetzt so sein wollen, egal, was meine Umgebung dazu sagt. Die Lederhose sagt: Ich bin, was schon Leute früher waren, Vorfahren und Traditionen, und ich gehöre genau hier zu meiner Umgebung. Mit der Deutschlandfahne wird die Sache natürlich noch ein bisschen heftiger, weil sich hier jede Ironie und fast jede Vermischung verbietet.

Wann also wird aus einem deutschsprachigen Lied ein Lied über Deutschland, und wann wird aus diesem ein Lied, das Deutschland als imaginierte Gemeinschaft suggeriert? Wann wird aus dem Heimatsound ein Bekenntnis zu Wurzeln, Volk und Geschichte, mit mehr oder weniger von dem unangenehmen Beigeschmack, den ein solcher Chauvinismus auch in seiner leichten, musikalischen Form haben kann?

Frank Apunkt Schneider

"In der Strategie von Leuten, die etwas mit Identität vorhaben, z.B. aktuell die deutsche Rechte, ist Popmusik ein geeignetes Mittel, um Leute identitär anzusprechen, um neue Identitäten aus- und anzurufen und um Identitäten herzustellen. Deswegen gibt es den ganzen Rechtsrock: Den gibt es nicht aus Liebe zur Rockmusik, die unter der Naziideologie liegt, sondern aus der Erwägung, damit können wir den Leuten unsere Botschaft direkt reindrücken beim Konzert. Ich glaube, dass diese Gemengelage kompliziert zu entwirren ist. Es ist aber wichtig, sich vor Augen zu halten, dass es nicht egal ist, welche Identität auf welchem Wege kommuniziert wird. Und ob Identitäten durch Popmusik eher dekonstruiert werden oder rekonstruiert werden – das macht vielleicht den letzten Unterschied, den man mit und in Popmusik noch machen kann."

Frank Apunkt Schneider


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