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Pop – ein Boys Club Wie Frauen sich ihren Platz in der Poplandschaft immer noch erkämpfen müssen

Die größten Popstars unserer Zeit sind weiblich: Beyoncé, Lady Gaga, Taylor Swift. Man sollte meinen, Frauen wären in den Charts gut vertreten. Sind sie laut unserer Chartsanalyse in Zusammenarbeit mit der GEMA aber nicht. Und das ist nur ein Aspekt, der zeigt, dass die vermeintlich so innovative Musikbranche ein gewaltiges Frauenproblem hat.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß und Katja Engelhardt

Stand: 06.10.2017

Wenn Taylor Swift eine neue Single rausbringt, dreht die Musikszene durch. Nicht anders sieht es bei Beyoncé und Lady Gaga aus. Die größten Popstars unserer Zeit sind weiblich. Daher sollte man auch meinen, dass Frauen in den Charts gut vertreten sein müssen. Aber: sind sie nicht.

Zusammen mit der GEMA haben wir die deutschen Top 100 Singlecharts aus den Jahren 2000 bis einschließlich 2016 untersucht. Das Ergebnis ist eindeutig: durchschnittlich 26% der Songs werden von Frauen gesungen, 74% von Männern. Bei den Urheberinnen, also den Komponistinnen und Texterinnen, sieht es nochmal schlechter aus. Die GEMA hat sich die Toptitel im Radio für die Jahre 2001 bis 2016 angesehen, das sind die Songs, die am meisten Geld gebracht haben. Addiert man alle Urheber von allen Songs aus all diesen Jahren, sind 8.616 der Urheber männlich und nur 1.107 weiblich. Das sind nur rund 11,5%.

Inga Humpe von der Band 2raumwohnung überraschen diese Zahlen gar nicht.

"Das sind schlimme Tatsachen. Das habe ich immer so erlebt. Die Musikwelt ist eine ganz reaktionäre, männerdominierte Welt."

Inga Humpe, 2raumwohnung

Inga Humpe kennt die Branche nur zu gut. Zusammen mit ihrer Schwester Annette Humpe wurde sie schon in den 80ern Jahren zu Zeiten der Neuen Deutschen Welle bekannt. Die Humpe-Schwestern stechen seit Jahrzehnten in der deutschen Poplandschaft heraus: als zwei der wenigen Frauen, die sowohl auf der Bühne als auch hinter den Kulissen erfolgreich sind – als Sängerinnen, Komponistinnen, Texterinnen, Produzentinnen. Wer sich in der harten Musikwelt behaupten will, muss vor allem als Frau Lust am Kämpfen haben, sagt Inga Humpe – und sich oft genug blöde Sprüche anhören: "Seit ich Ende 30 war, hat man mir immer gesagt: süßes Mädchen, aber ein bisschen zu alt."

Die Entscheider sind Männer

Inga Humpe von der Band 2raumwohnung

Frauen sind in der Musikwelt unterrepräsentiert - ein großes Problem, was auch daran liegt, dass die Entscheider bei den großen Musikkonzernen fast ausschließlich Männer sind. "Das ist eine große Dealerei untereinander," sagt Inga Humpe. "Das Motto ist ‚Zigarre, Whisky, Saufen‘ – da will man doch keine andere Frau dabei haben!" Das Problem daran ist nicht, dass sich wie überall im Leben Gruppen bilden. Zum Problem wird es nur dann, wenn z.B. bei Verhandlungen Frauen überhaupt nicht mitreden können. Und immerhin entscheidet dieser "Boys Club" über Karrieren in der Musikindustrie - wer gefördert wird und wer nicht, in welchen Artist investiert wird. Vom "Boys Club" spricht Natascha Augustin vom Musikverlag Warner Chappell. Sie arbeitet seit 25 Jahren im Musikbusiness. "Bei jeder Branchenveranstaltung fragt man sich: wo sind eigentlich die Frauen? Und die Geschäftsführer sind eh immer Männer." Natascha Augustin versucht aktiv, mehr Frauen zu beschäftigen und hat zusammen mit ein paar Kolleginnen die Facebook-Gruppe "Hey Ladies" gegründet. Zum Netzwerken – und als Jobbörse. Das Interesse ist enorm: Vor 3 Jahren haben sie zu fünft angefangen, letztes Jahr waren sie bei über 300 Mitgliedern, jetzt bei knapp 1.500 Mitgliedern.

Auch in einem anderen Bereich zeigt sich die Schieflage im Pop: Eine der Aufgaben von Natascha Augustin als Creative Director bei Warner Chappell: so gennannte Song Camps organisieren. Hier sollen Komponistinnen und Komponisten, Autorinnen und Autoren Songs für andere schreiben, z.B. für eine Christina Stürmer. Natascha Augustin versucht immer, mehr Frauen als Autoren da reinzubringen, aber das gestaltet sich schwierig.

Keine Tradition von Komponistinnen

Sandra Grether, Popjournalistin und Musikerin bei Doctorella | Bild: Sandra Grether

Sandra Grether, Popjournalistin und Musikerin bei der Band Doctorella

Das Problem ist auch ein deutsches, sagt Sandra Grether. Sie ist Musikerin, Popjournalistin und Aktivistin. "In Deutschland gibt es gar keine Tradition von Komponistinnen – im Gegensatz zu den USA. Allein, wenn man an die 70er denkt und Dolly Parton, die große Country-Songs geschrieben hat. Oder Linda Perry von den 4 Non Blondes, die für Pink schreibt. Und es ist selbstverständlich, dass eine Lady Gaga ihre Songs selber schreibt." In Deutschland hätte das überhaupt keinen Wert, Songwriterin zu sein.

Inga Humpe von 2raumwohnung findet auch, dass man sich als Musikerin in Europa an den Amerikanerinnen orientieren sollte: eben an einer Lady Gaga oder einer Taylor Swift, die die Kontrolle über ihre Musik haben. Und auch eine gute Ausbildung. Aber: "Vielleicht liegt es in Deutschland an dem schlechten Umfeld der Konzerne, dass die richtig tollen, schlauen Frauen keine Lust haben, sich mit solchen Idioten abzugeben."

Der Zündfunk Generator geht der Frage nach: Wieso gibt es immer noch zu wenig Frauen in der Musik? In der ersten Reihe und hinter den Kulissen. Wieso ist das Business so männerdominiert und wie lässt sich das aufbrechen?

Mehr zum Thema gibt es auch auf dem Zündfunk Netzkongress am 13./14. Oktober im Volkstheater München.


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