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Weltliteratur statt krachdeutscher Parolen! Warum die Nationalliteratur am Ende ist

Wer einfache Antworten sucht, wird 2015 täglich bedient. „Zu viele Flüchtlinge?“ – "Raus mit denen!" „Neue Ideen kommen auf?“ – „Weg damit!“ Aber kommen wir so weiter? Es gibt seit vielen tausend Jahren eine Kunstform, die auf einfache Fragen komplexe Antworten gibt; die Literatur.

Von: Jan Drees

Stand: 20.11.2015

Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi wurde einmal gefragt, was denn der Hauptgedanke seiner gewaltigen Romans „Anna Karenina“ sei. Der Hintergrund der Frage war die Vorstellung, das hätte man doch wirklich kürzer erzählen können. Doch Tolstoi antwortete; wollte er mit Worten all das sagen, was er durch den Roman habe ausdrücken wollen, hätte er „Anna Karenina“ noch einmal schreiben müssen. Klar ist: Literatur widersetzt sich Parolen. Trotzdem gibt es neuerdings in Deutschland Schriftsteller, die auf schnelle Schlagworte setzen.

"Inzwischen jedoch, geben sich die Ausländer, und damit sind zu 99,9 Prozent Moslems gemeint, ganz ungeniert; und blasen den Deutschen ganz unverblümt den Marsch."

Akif Pirincci

Das sagte der türkischstämmige Schriftsteller Akif Pirincci in seiner Skandalrede bei der Pegida-Demo in Dresden; am 19. Oktober 2015. Bekannt wurde Pirincci in den 80er Jahren mit Katzenkrimis. Und so geht es weiter. Thor Kunkel, mit etlichen Literaturpreisen ausgezeichnet, schreibt auf seiner Facebook-Seite:

"Wie in anderen Ländern zuvor, vergreifen die Musels sich erstmal an den Frauen um die männliche Bevölkerung einzuschüchtern... Siehe Schweden, Dänemark etc. Die Frauen, die bisher unter die Räder gekommen sind, können sich bei Merkel bedanken."

Thor Kunkel bei Facebook

Gerade versucht Kunkel, seinen eigentlich verdammt guten Roman „Subs“ aus dem Jahr 2011 völkisch umzudeuten. Angeblich steht seine Ausbeutergeschichte um osteuropäische Sklaven in Deutschland sinnbildlich für die Bedrohung unseres Arbeitsmarktes durch illegale Einwanderer.

Wir brauchen keine Nationalliteratur! Wir brauchen eine Weltliteratur!

"Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen."

Botho Strauß

Diese Worte schrieb der renommierte Dichter und Dramatiker Botho Strauß Anfang Oktober 2015 in seinem Essay: „Der letzte Deutsche“. Er behauptet, die Deutschen würden nun endgültig ihre Souveränität beraubt. Stellenweise liest sich sein Text wie eine Rechtfertigung für Pegida-Demos und Brandanschläge auf Flüchtlingsheime, denn:

"Der letzte Deutsche, dessen Empfinden und Gedenken verwurzelt ist in der geistigen Heroengeschichte von Hamann bis Jünger, von Jakob Böhme bis Nietzsche, von Klopstock bis Celan. Wer davon frei ist, wie die meisten ansässigen Deutschen, die Sozial-Deutschen, die nicht weniger entwurzelt sind als die Millionen Entwurzelten, die sich nun zu ihnen gesellen, der weiß nicht, was kultureller Schmerz sein kann."

Botho Strauß

Da kann man durchaus mal fragen: Befindet sich die deutsche Literatur gerade in rechter Seitenlage? Keinesfalls. Es gibt viele Dichter und Denker, die mit nationalen Gedanken provozieren. Es gibt aber auch die anderen.

"Ich denke, dass sehr sehr viele Dichterinnen und Dichter frei und welt- und herzverrückt an Büchern schreiben. Und wenn man die Bücher liest, dann weiß man, dass es sich um freie Geister handelt, und es muss endlich auch mal Schluss gemacht werden damit, dass man vom Kosmopolitismus spricht. Lust und gute Laune verbinde ich mit dem Deutschen. Verdammt noch mal!"

Feridun Zaimoglu

Es gibt eben auch Schriftsteller wie Feridun Zaimoglu, die sich die Liebe an der deutschen Sprache nicht wegnehmen lassen wollen, Schriftsteller, die auch nach Wurzeln suchen, die Fragen nach unserer Identität stellen, die sich auf Geistesgrößen berufen, aber eben mehr leisten als dumpfe „Widerstand! Widerstand“-Rufe halbgebildeter Hetzer, die es schlichtweg hinnehmen, dass im Deutschland des Jahres 2015 Journalisten verfolgt, schwangere Frauen zusammengeschlagen, Flüchtlingsheime angezündet, die freien Geister einer freien Welt eingeschüchtert werden. Wir brauchen keine Nationalliteratur! Wir brauchen eine Weltliteratur! Und das ist nicht die Forderung irgendwelcher Gutmenschen; das kommt von Johann Wolfgang von Goethe, unserem größten aller Dichter.


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