Bayern 2 - Zündfunk


22

Geschlechterverhältnisse im Umbruch Von Frauen, die die Brötchen verdienen und Männern, die sie schmieren

Der Mann geht arbeiten und ernährt die Familie. Die Frau bleibt zuhause, wäscht, putzt und kocht. Was aber passiert, wenn die Frau Hauptverdienerin wird? Werden die Rollen dann tatsächlich getauscht? Und warum hat es dieses Modell immer noch so schwer?

Von: Kathi Grünhoff

Stand: 08.03.2016

"Ich mache tatsächlich auch manchmal Hausarbeit. Das ist vor allem dann so, wenn sich Besuch ankündigt. Aber das Gros der Hausarbeit liegt bei meinem Mann, das ist aber auch schon immer so gewesen."

Ilknur Gruber

"Ich arbeite zeitlich nach Anfall: Was gerade getan werden muss, wird getan. Und es muss immer was getan werden. Selbst beim Putzen ist es so, dass man dabei nachdenken kann (lacht). Das kann man dann als kontemplativ betrachten, wenn man die Badewanne schrubbt. Die Sachen müssen getan halt werden, ich mach‘ die nicht, weil ich die alle so liebe."

Klaus Gruber

Ilknur und Klaus Gruber leben in einer kleinen Gemeinde bei Erlangen. Während des Studiums bekam das Paar ihr erstes Kind von dreien. Und schon damals war klar: Die Rollen werden getauscht: Sie geht arbeiten und er bleibt zuhause, erzieht die Kinder und schmeißt den Haushalt. Schlicht und einfach deswegen, weil seine Frau mehr Geld verdient. Sie arbeitet bei Siemens im Einkauf, er hat Philosophie studiert. In Deutschland verdienen in rund zehn Prozent der Haushalte die Frauen den Löwenanteil des Einkommens. Werden auch die Alleinerziehenden mitgezählt, dann schaffen in gut 20 Prozent der Haushalte Frauen das Haupteinkommen ran. Meistens werden diese Frauen unfreiwillig zu sogenannten Familienernährerinnen, sagt Cornelia Koppetsch. Sie ist Professorin für Geschlechterforschung an der TU Darmstadt.

"Das Thema Familienernährerinnen ist durch die Prekarisierung der Erwerbsarbeit entstanden. Und diese Prekarisierung betrifft im wachsenden Maße jetzt eben auch Männer, während sie vorher - im 20. und 21. Jahrhundert - ja ein Metier der Frauen gewesen ist. Prekarisierung bedeutet, dass Beschäftigungsverhältnisse unsicher sind oder befristet. Dass man dort nur wenig verdient, wie das beispielsweise bei Leiharbeit, Minijobs oder auch bei Teilzeitarbeit der Fall ist. Und dass es immer mehr Personen gibt, die von ihrer Erwerbstätigkeit nicht mehr leben können."

Cornelia Koppetsch, Professorin für Geschlechterforschung, TU Darmstadt

Der Impftermin, die dringende Mail an den Chef, der Wäscheberg - Frauen zwischen Kind, Karriere und Haushalt.

Der Mann verliert den Job, die Frau kehrt die Scherben auf und geht oft Vollzeit arbeiten, um nicht in Hartz IV zu landen. Wenn es fair zuginge, sollte der Mann nun komplett zuhause übernehmen: Wäschewaschen, Kloputzen, Einkaufen, den nächsten Impftermin vereinbaren oder zur Elternsprechstunde gehen. Aber etliche Studien zeigen: Das Ehepaar Gruber ist allein auf weiter Flur. Bei den meisten Paaren fährt die Frau eine Doppelschicht: Sie kommt abgekämpft von der Arbeit nach Hause und auf sie warten: dreckige Teller, Wollmäuse und ein stinkender Wäscheberg. Warum? Ja weil sie es doch immer so gemacht hat...

"Wir nennen das die Herausbildung von Gewohnheiten. Frauen haben häufig höhere Ansprüche an Häuslichkeit und ziehen dann die Dinge unbemerkt an sich und fangen an das Geschirr oder die Socken des Mannes wegzuräumen. Oder sie fühlen sich dafür zuständig, dass die Wäsche immer sauber ist oder das Bett frisch bezogen. Und alle diese Dinge sind etwas, was Frauen eben tun und Männer eben nicht tun."

Cornelia Koppetsch, Professorin für Geschlechterforschung, TU Darmstadt

Verlust  der Männlichkeit

Warum tun sich Männer immer noch schwer, eine gleichberechtigte Beziehung zu führen, den Staubsauger selbstverständlich durchs Zimmer zu jagen oder sich gar als Hausmann zu bezeichnen? Weil manche am Verlust ihrer Männlichkeit leiden. In der Zeitschrift „Psychologie Heute“ heißt es, dass

"Männer sich offenbar in ihrer Potenz bedroht fühlen. Jedenfalls greifen sie häufiger zu Viagra und anderen Medikamenten gegen erektile Dysfunktion als Geschlechtsgenossen, die daheim den Hauptverdiener geben dürfen."

aus: Psychologie Heute

Um Männlichkeit wieder herzustellen, fahren diese Männer interessante Strategien: Sie halten weiterhin an ihren wenigen Haushaltsritualen wie beispielsweise Fleisch einkaufen oder den Fisch ausnehmen fest - und denken damit wäre es doch getan. Viele können auch die übertriebene Vorstellung von Sauberkeit ihrer Partnerinnen nicht nachvollziehen. Und wenn Männer dann mal den Haushalt stemmen, während ihre Frau in der Arbeit ist, dann wird ihre Hausarbeit extrem aufgewertet. Das hat Karin Jurczyk vom Deutschen Jugendinstitut in München festgestellt. Sie hat ebenfalls eine Studie zu Familienernährerinnen geleitet.

"Auf der einen Seite erfahren diese Männer einen ganz besonderen Bonus. Sie sind nach wie vor die Helden. Sie sind die Helden der Hausarbeit. Auf der anderen Seite erfahren sie durchaus auch skeptische Blicke und Unverständnis vor allem von Seiten der Arbeitgeber. Vor allem wenn sie dann Teilzeitstellen wollen. Und da haben es Männer ja deutlich schwerer als Frauen - weil das nach wie vor als nicht voll dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehend gilt."

Karin Jurczyk, Deutsches Jugendinstitut, München

Frauen spielen das Spiel mit

Sind Männer weniger männlich, wenn sie ein Bad putzen? Die alten Rollenbilder müssen endlich entsorgt werden.

Männer haben es nicht leicht und sie sind auch nicht alleine schuld. Frauen spielen das Spielchen mit und helfen dabei das typische Geschlechterkonstrukt von Mann als Ernährer und Frau als Hausfrau aufrecht zu erhalten, ganz egal wieviel sie auf Arbeit ackert. Sie schmeißen auf dem Heimweg noch schnell die Windeln in den Einkaufswagen und hetzten nach Hause,weil sie ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrem Mann oder den Kindern haben.

"Es ist weder so, dass sich etwas umkehrt - jetzt verdient die Frau das Geld, also übernimmt sie die männliche Rolle - noch kann sie natürlich ihrer Mütterlichkeit, so wie sie es vielleicht gerne möchte, nachkommen. Da gibt es dann ganz schwierige Gemengelagen zwischen Stolz und Selbstzweifel - und an einem – man muss fast sagen - Festhalten an Vorstellungen von Weiblichkeit. Sehr interessant finden wir die Fälle, wo die Frauen sich so sehr bemühen ihre Männer das nicht spüren zu lassen, dass sie diejenigen sind, die die Kohle ranschaffen – also, diese Frauen fahren ganz interessante Strategien, dieses faktische Ungleichheitsverhältnis wieder auszugleichen, sodass es ihren Männern nicht allzu schlecht damit geht."

Karin Jurczyk, Deutsches Jugendinstitut, München

Je gleichberechtigter, desto glücklicher

Was muss also getan werden, um geschlechtergerechte Paarbeziehungen leben zu können? Es müssen endlich alte Rollenbilder hinterfragt und entsorgt werden. Denn wer sagt, dass eine Mutter im Mutterglück schwelgen muss, wer sagt, dass ein Mann mehr an der Karriere interessiert ist als eine Frau und sie die Hausaufgaben besser korrigieren kann als er? Geschlechtergerechtigkeit ist gut für beide. Das sagt zumindest der amerikanische Soziologe Michael Kimmel. Er bezeichnet sich selbst als Feminist.

"Junge Männer wollen heute arbeiten, aber auch genug Zeit mit ihrer Familie verbringen. Sie wollen Work und Balance mit ihren Partnern leben. Sie wollen heute aktive Väter sein. Es hat sich herausgestellt, dass je gleichberechtigter eine Beziehung gelebt wird, desto glücklicher sind beide. Mann und Frau. Das sagen die Studienergebnisse: Wenn Männer sich den Haushalt mit ihren Frauen teilen, dann sind ihre Kinder glücklicher und gesünder. Wenn Männer sich den Haushalt teilen, dann sind auch ihre Frauen glücklicher – und nicht nur das, ihre Frauen sind gesünder und die Männer sind auch gesünder und finally: Wenn sie die Hausarbeit mit ihren Frauen teilen, haben sie mehr Sex."

Michael Kimmel, Soziologe beim Ted Talk 2015

____________________________________

Lesetipps zu diesem Thema:
"Wenn der Mann kein Ernährer ist" - Cornelia Koppetsch, Suhrkamp
"Sprengsatz unterm Küchentisch" - Ingrid Müller-Münch, Klett-Cotta


22