Bayern 2 - Zündfunk


173

Trump, Le Pen, AfD Geschichten gegen den Hass. Eine Suche

Egal wie anti-faktisch, rechtspopulistische Erzählungen sind in Europa und den USA gerade sehr erfolgreich. Doch aus diesen Reden spricht Hass. Und aus Hass entsteht Gewalt. Viele rufen deshalb: "Wir brauchen Gegenerzählungen!" Aber welche? Eine Suche.

Von: Julia Fritzsche

Stand: 20.02.2017

Zündfunk Generator

Trump, Le Pen, AfD: Geschichten gegen des Hass. Eine Suche. Sendung von Julia Fritzsche. Sonntag, 04.12.2016, 22 Uhr Bayern 2.

Empörte Reden gegen Hass und Rassismus und Plädoyers für Vielfalt gibt es gerade viele. Aber welche wirklich neuen Erzählungen gibt es? Erzählungen, die den Menschen eine Idee davon liefern, warum sie hier sind und warum es sich lohnt, für einander da zu sein? Erzählungen, die am Alltag der Menschen anknüpfen?

Erfolgreiche rechte Erzählungen

Eines ist klar: rechte Erzählungen können erfolgreich an Bestehendes anknüpfen. Bilder wie das vom angeblichen "Flüchtlingsstrom", sind in unsere Sprache eingeschrieben, genauso wie Ideen von Wettbewerb und Konkurrenz in unsere Sportwettkampfinszenierungen, das Dogma der Eigenverantwortung in unsere Altersvorsorgeprogrammen, das Nationalhymnen-Singen in unsere Bildungspläne. Vor allem können rechte Erzählungen am Nützlichkeitsdiskurs anknüpfen: der Vorstellung, dass Menschen und ganze Menschengruppen nützlich oder unnütz sind.

Fehlende Erzählungen gegen den Hass

Große Teile der Linken haben in den letzten 30 Jahren vergessen, dieser Idee von Nützlichkeit und Eigenverantwortung eine eigene Erzählung entgegenzusetzen. Statt für die Interessen von Arbeiterinnen, Armen und Erwerbslosen einzutreten, vertraten sie die Interessen von Unternehmen, deregulierten die Wirtschaft, bauten den Sozialstaat ab und senkten Steuern für Unternehmen und Wohlhabende. Sie haben damit eine Lücke hinterlassen, die rechte Erzählungen jetzt erfolgreich nützen.

"Austeilen nach oben ist immer schwierig, das gibt sofort Ärger. Austeilen gegen Schwächere ist nicht so schwierig. Flüchtlinge werden außerdem gesehen, die sind auf der Straße. Mit denen kann man sich vergleichen. Aber die Reichen sieht man halt nicht, die sind ja abgeschottet. Die sind in ihren Villenvororten. Wenn die überhaupt Bahn fahren, dann erste Klasse."

Andreas Kemper, Soziologe

Eine Gegenerzählung: Gleichheit aller - auch der Klassen

Eine Gegenerzählung in Zeiten der Ungleichheit muss also eine der Gleichheit sein – auch der Klassen. Doch ist damit automatisch der Hass weg? Verschwinden Rassismus und Ausgrenzung, wenn wir soziale Probleme diskutieren und zu lösen beginnen? Nein. Wir müssen auch verstehen, dass wir viele Probleme immer über "die Anderen", "die Fremden", "die Flüchtlinge" austragen.

"'Die Muslime' sind genau jene Figur, über die wir unglaublich viel erzählen. Über alles Mögliche: Welches Verhältnis haben wir zu Europa? Wer gehört dazu, wer nicht? Wir reden immer und andauernd über die Frage des Feminismus, über die Frage der Geschlechterverhältnisse. Wir reden darüber, ob eine politische Gemeinschaft eine Identität haben soll und ob sie religiös sein soll. Wir reden darüber, wie säkular der Staat sein soll."

Manuela Bojadzijev, Migrationsforscherin

"Die Muslime", "die Fremden", "die Flüchtlinge" sind aber nur Denkfiguren - Kategorisierungen, die Hierarchien erzeugen sollen - so wie der Nationalsozialismus die Vorstellung von einer einheitlichen Gruppe wie "den Juden" geprägt hat. Das ist die zentrale Erkenntnis der Antisemitismusforschung - und damit selbst eine Erzählung gegen den Hass.

Erzählungen verbreiten

"Stop Wars" steht auf dieser Gebäudefassade.

Doch wer kann Erzählungen von Gleichheit – der Herkunft, der Geschlechter, der Sexualitäten und der Klassen – und Erzählungen von Solidarität unter die Leute bringen? Rot-Rot-Grün? Politische Intellektuelle? Oder die Willkommensbewegung? Können Erzählungen gegen den Hass möglicherweise gar nicht von "oben", sondern müssen von den Menschen kommen? Von den Hunderttausenden, die bis heute geflüchtete Menschen "willkommen"-heißen und mit ihnen zusammenarbeiten – und leben? Von den Hunderten, die mit Schiffen ins Mittelmeer fahren und andere vor dem Ertrinken zu retten versuchen? Diese Sendung begibt sich auf die Suche nach Erzählungen gegen den Hass. Erzählungen, die die Klassengegensätze zu überwinden versuchen, die Idee vom "Eigenen" und "Fremden" und die Grenzen des bislang für möglich Gehaltenen. Denn:

"Ein rein antifaschistischer Kampf, der nur im Negativen verharrt, bleibt zum Scheitern verurteilt. Das ist auch die Lehre aus 'Clinton vs. Trump'. Clinton stand für die Fortführung der herrschenden Politik und wurde abgewählt. Unter Bedingungen der Krise - und in einer solchen befindet sich die kapitalistische Gesellschaftsordnung spätestens seit 2008 - lässt sich die Rechte nur durch eine alternative Erzählung bekämpfen, ein alternatives Angebot, eine alternative Lebensweise. In Anbetracht der Krise und der Gefahr des Faschismus ist die Notwenigkeit von Utopie gegeben."

Bini Adamczak, Autorin und Künstlerin aus Berlin-Kreuzberg


173