Bayern 2 - Zündfunk


40

Zum Wandel des Wohnens Legenden des Sozialen Wohnungsbaus

Wie wollen wir in Zukunft wohnen? In der simplen Frage wird das "Wie" schnell zum "Wo". In prosperierenden Metropolen wie München sind bezahlbare Wohnungen längst Mangelware. Der Zündfunk-Generator auf der Suche nach dem Wohnraum für alle.

Von: Ralf Homann

Stand: 17.03.2017

"Das grundsätzliche Problem ist diese Ungleichgewichtigkeit in der Verteilung des Wohnungsbedarfes. Es sind ja nur ganz wenige Städte, wo dieser krasse Wohnungsbedarf besteht. Wir haben einen enormen Wohnungsleerstand in Deutschland. Das Problem ist einfach, dass die Wirtschaft sich dort entwickelt, wo es wenig Wohnraum gibt, und dort wo es keine Wirtschaft gibt, gibt’s genügend Wohnraum. Und da ist natürlich die Steuerungsmöglichkeit in einer kapitalistischen Gesellschaft relativ gering."

Prof. Christine Hannemann, Uni Stuttgart

Obwohl sie von der wirtschaftlichen Entwicklung profitieren, stehen auch die prosperierenden Metropolen vor der Herausforderung, den Wandel des Wohnens zu gestalten: Lediglich 18 Prozent der Stadtbevölkerung lebt in Familien. Die Familienphase, also die Zeit, in der Eltern mit ihren Kindern zusammenleben, wird dabei immer kürzer, bezogen auf die Lebenserwartung. Dann stehen die Kinderzimmer leer. Es überwiegen also deutlich die Alleinlebenden und Haushalte mit zwei Personen. Zum Teil in Eigenheim-Siedlungen am Stadtrand. Häuser, die so auf das Familienwohnen getrimmt sind, dass sie kaum für was anders zu gebrauchen sind.

"Wir brauchen ein radikales, neues Nachdenken über zukünftiges Wohnen. Soll man lieber Wohnungen bauen, die zugespitzt genau die Familien abbilden, also große Wohnzimmer, kleine einzelne Zimmer, oder wäre es eher der Gang und gleichgroße Zimmer, die vieles können, die man auch umgestalten kann? Räume, die so flexibel sind, dass sie diverse Nutzungen aufnehmen, nicht nur zum Wohnen, sondern auch für kleine Formen des Arbeitens, des sich Selbstständigmachens."

Gabu Heindl, Präsidentin der österreichischen Gesellschaft für Architektur

Wir brauchen ein neues Nachdenken über zukünftiges Wohnen

Eine solche Neudefinition des „familiengerechten“ Wohnraums greift tief ins kulturelle Selbstverständnis ein und hätte Auswirkungen auf die öffentliche Wohnungsbauförderung. Auf sie sind gerade junge Familien in den „Schwarmstädten“ angewiesen. So verlangt zwar die bayerische Verfassung vom Staat und den Kommunen die Förderung „billiger Volkswohnungen“, dennoch ist der Bestand und der Neubau von Sozialwohnungen in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Manche Städte in Deutschland haben sich sogar von ihrem Wohnungsbesitz getrennt, im Glauben, dadurch ihre Haushalte sanieren zu können.

"Es ist eine politische Entscheidung: Ist eine Wohnung eine Ware, oder gehört sie in unserer Gesellschaft mit zur Daseinsvorsorge? Zum Beispiel, dass es endlich richtigen sozialen Wohnungsbau gibt. Es gibt in Deutschland nur sozial-orientierten Wohnungsbau, mit guten Gründen, aber es führt eben dazu, dass Sozialwohnungen, wenn sie überhaupt gebaut werden, nach zwanzig Jahren aus der Bindung herausfallen, auf den freien Markt kommen und dann sind keine Sozialwohnungen mehr vorhanden."

Prof. Christine Hannemann, Uni-Stuttgart

Wo ist der soziale Wohnungsbau?

Mieterinitiativen in den „Schwarmstädten“ sehen in der derzeitigen Überführung von Sozialwohnungen in den freien Markt eine der wichtigsten Auslöser für Gentrifizierung. Zum Beispiel spricht die Mietergemeinschaft „Kotti und Co. aus Berlin-Kreuzberg bereits von der „Legende des sozialen Wohnungsbaus“ in Deutschland. Zur Lösung der Probleme befürworten Architekten und Stadtplaner den Bau preisgünstigen Wohnraums anzukurbeln. Sie entwickeln Pläne für ein „Micro Living“, das sind neuartige, sehr kleine Gebäude, die schnell und kostengünstig errichtet werden könnten. Voraussetzung für derartige „Nano-Wohnungen“ wäre der Wegfall bisher bestehender Normen und Standards, zum Beispiel im öffentlich geförderten Wohnungsbau.

"Es kann nicht darum gehen, dass wir automatisch eine Wohnraumverschlechterung akzeptieren, nur weil wir sehen, dass Wohnungen wieder günstiger sein müssen. Luft und Raum zu haben, ist ein Standard, bei dem man aufpassen muss, wie weit man ihn senken möchte. Das heißt aber nicht, dass wir nicht über Standards sprechen müssten. Zum Beispiel Tiefgaragen: Dass in einer gut mit öffentlichem Verkehr versorgten Stadt jedes neue Wohnhaus mit bestimmten Garagenplätzen ausgestattet sein muss, die aber den Preis des Hauses radikal erhöhen, das ist Standard, den kann man reduzieren."

Gabu Heindl, Präsidentin der österreichischen Gesellschaft für Architektur

Das Manuskript zum Download


40